Der SPD-Bundestagsabgeordnete Sascha Raabe
Einer, der nicht in Deckung bleibt: der SPD-Bundestagsabgeordnete Sascha Raabe Bild © picture-alliance/dpa (Archiv)

Die Pleite bei der Europawahl, der Absturz in Bremen: Andrea Nahles kämpft um ihren Chefposten in der SPD-Bundestagsfraktion. Ein Gegenkandidat hat sich noch nicht hervorgetraut. Aber ein Gegner aus Hessen, der sie garantiert nicht wählen will.

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SPD-Chefin Andrea Nahles und der Bundestagsabgeordnete Sascha Raabe

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Hessischer Abgeordneter fordert Nahles-Rücktritt

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Droht Andrea Nahles bei der vorgezogenen Wahl des SPD-Fraktionsvorstands eine Schlappe? Traut sich vielleicht doch noch ein Gegenkandidat aus der Deckung? Die Personaldebatte bei den Sozialdemokraten ist am Freitag trotz aller Aufrufe zur Besonnenheit eher wilder geworden. Klartext kam vom Bundestagsabgeordneten Sascha Raabe aus Rodenbach (Main-Kinzig).

Der 50-Jährige, der seit 2002 Abgeordneter in Berlin ist und den Wahlkreis Hanau vertritt, kündigte im Interview mit hr-iNFO an: Er werde Nahles bei der vorgezogenen Wahl am kommenden Dienstag nicht wählen. "Wenn Andrea Nahles die einzige Kandidatin sein sollte, wird sie meine Stimme nicht bekommen", sagte der Parlamentarier.

Raabe hofft, seine Noch-Fraktionschefin zum Nachdenken zu bringen. "Damit sie dann zur Einsicht kommt, dass sie den Platz frei machen muss, und jemand anderes antreten kann. Manche trauen sich jetzt nicht", sagte der Politiker, der Bürgermeister Rodenbachs war und Entwicklungshilfe-Experte der Bundestagsfraktion ist.

"Platz machen für Nachfolger"

Eine Rückzugsankündigung wäre laut Raabe schon unmittelbar nach den SPD-Schlappen bei der Europawahl und der Landtagswahl in Bremen das richtige Signal gewesen. In der aktuellen Lage sei Nahles Wunsch nach vorgezogener Wiederwahl jedenfalls "merkwürdig" und "absurd" - und keinesfalls klug. Das hat der Abgeordnete ihr nach eigenen Angaben auch in einer Sondersitzung der Fraktion direkt gesagt.

Raabe zufolge wäre nun - auch aufgrund des Desasters der Hessen-SPD bei der Landtagswahl im Herbst - ein geordneter Rückzug in zwei Etappen wünschenswert: Demnach sollte Nahles nur noch bis September als Fraktionsvorsitzende weitermachen und im Dezember auch den Parteivorsitz niederlegen. Er könne sich eine Doppelspitze nach dem Vorbild der Grünen vorstellen.

Rücksichtnahme mit Verfallsdatum?

Nach dem Absturz bei den Wahlen zum EU-Parlament und in Bremen war eine Debatte über Nahles' Rolle in der SPD entbrannt. Gerade in der Hessen-SPD brodelte es, ein Landtagsabgeordneter verlangte schon da, Nahles solle gehen.

Stattdessen forderte die SPD-Chefin ihre Kritiker in der Bundestagsfraktion auf, zur Klärung der Machtfrage gegen sie anzutreten. Für die nun anstehende, eigentlich für September geplante Neuwahl hat sich bis dato noch kein Gegenkandidat gemeldet.

Nahles-Kritiker Raabe glaubt aber, dass sich noch ein Herausforderer finden wird. Zurzeit zögerten mögliche Kandidaten noch aufgrund eines "menschlichen Solidaritätskonflikts". Der hessische Abgeordnete könnte sich den zur Parteilinken zählenden SPD-Umweltpolitiker Matthias Miersch aus Niedersachsen an der Fraktionsspitze vorstellen. "Der ist glaubwürdig und authentisch."

"Scholz kein Hoffnungsträger"

Altgediente Partei-Promis wie Olaf Scholz kommen für Raabe jedenfalls nicht infrage. Der Finanzminister und Vize-Kanzler komme an der Basis "eher als Technokrat an und nicht als Hoffnungsträger". Es sei Zeit, persönliche Ambitionen zugunsten der Partei zurückstellen.

Konfliktscheu in innerparteilichen Fragen war Raabe schon früher nicht. Von seinem Posten als entwicklungspolitischer Sprecher der Fraktion trat er zurück, als die Große Koalition seiner Meinung nach viel zu wenig Geld für ärmere Länder zur Verfügung stellte. Er hat außerdem schon vor einem Jahr bekannt gegeben, dass er mit Abschluss der Legislaturperiode 2021 seine Politiker-Laufbahn beenden werde.