Vom Spitzenpolitiker zum Sprecher einer Bekleidungsfirma: Peter Tauber macht einen klaren Schnitt in seinem Leben. Grund ist ein körperlicher Zusammenbruch, der ihn fast das Leben gekostet hätte. Was passiert ist und wie er sich neu sortiert, erzählt er im Interview.

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Zum Artikel auf hr-inforadio.de Peter Tauber: "Da stand mein Leben auf des Messers Schneide"

Peter Tauber (dpa)
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Er war CDU-Generalsekretär, Staatssekretär im Verteidigungsministerium und über zehn Jahre Bundestagsabgeordneter. Jetzt hat der gebürtige Frankfurter Peter Tauber die Branche gewechselt: Der ehemalige CDU-Spitzenpolitiker ist Unternehmenssprecher des hessischen Berufsbekleidungsspezialisten Engelbert Strauss, der auch bei jungen, modebewussten Trendsettern immer beliebter wird.

Eine schwere Darmentzündung mitten in der Regierungsbildung 2017 habe ihn zum Nachdenken gebracht, sagt Tauber. Er kämpfte sich zunächst zurück, entschied dann aber im Frühjahr dieses Jahres, dass Schluss ist mit der großen Politik. Vor wenigen Tagen hat er seinen neuen Job in der alten Heimat Hessen angetreten. Wie sich der Wechsel von der Berliner Regierungsbank ins hessische Biebergemünd anfühlt und wie er mit seinem körperlichen Zusammenbruch umgegangen ist, erzählt er im hr-Interview.

hessenschau.de: Sie sind 2017 schwer erkrankt und haben sich im Frühjahr dieses Jahres aus der Bundespolitik zurückgezogen. Wie geht es Ihnen heute?

Peter Tauber: Mir geht es sehr, sehr gut. Ich habe das Glück, dass ich keine negativen Folgen von dem, was ich da gesundheitlich hinter mir habe, mit mir herumtrage. Ich kann mich jetzt mit viel Freude und Energie auch neuen Aufgaben widmen.

hessenschau.de: Gehen wir zurück ins Bundestagswahljahr 2017. Was genau war mit Ihnen los?

Tauber: Ich habe mir ja schon vor der Bundestagswahl damals überlegt, ich kann das als Generalsekretär nicht länger weitermachen. Ich wollte natürlich weiter Politik machen, war wiedergewählt in meinem Wahlkreis und dachte: Jetzt ist eine gute Gelegenheit, nachdem dieses harte Jahr fast zu Ende ist, neu nachzudenken. Ich hatte mich auf ein Ereignis gefreut wie lange nicht mehr - auf den Frankfurt-Marathon. Das war sozusagen meine eigene Belohnung: Den laufe ich mit und danach beginnt was Neues.

hessenschau.de: Das klingt nach einem kraftstrotzenden Mann, der nach vorne blickt…

Peter Tauber: In der Nacht nach dem Marathon war ich dann wieder in Berlin. Da war der Reformationstag, ein gesetzlicher Feiertag in ganz Deutschland, aber nicht für mich, denn wir waren ja in diesen Sondierungsgesprächen. Ich saß im Büro und abends wurde mir schlecht. Ich hatte noch nie in meinem Leben solche Schmerzen. Ich musste nachts um drei Uhr den Notarzt rufen, weil ich die Schmerzen nicht mehr aushalten konnte. Ich hatte eine schwere Darmentzündung, eine sogenannte Sigmadivertikulitis.

hessenschau.de: Wie war das für Sie, so brutal rausgebremst zu werden, die Kontrolle zu verlieren?

Peter Tauber: Das Schlimme waren gar nicht diese Entzündungen und die Schmerzen. Das Schlimme war, dass ich das nicht kannte und dass ich auch nicht mehr in der Lage war, mich zu zwingen. Vorher habe ich mir schon so ein Bild zugelegt, ich zwinge mich halt einfach, es muss einfach gehen, egal wie müde ich bin, egal wie abgespannt, egal wie gereizt - ich funktioniere halt einfach.

Zu akzeptieren, dass mein Körper mir jetzt sagt, was geht und was nicht mehr, das war für mich eine schlimme Erfahrung und ein tiefer Einschnitt. Nach der Erholung von dieser Entzündung hatte ich Anfang des Jahres zwei Operationen. Eine davon hat nicht so funktioniert wie gedacht, da musste ich notoperiert werden, und da stand mein Leben, ohne das zu übertreiben, auf des Messers Schneide. Und auch das war natürlich noch mal ein tiefer Einschnitt.

hessenschau.de: Welche Schlüsse haben Sie für Sich daraus gezogen?

Peter Tauber: Ich habe angefangen, viel nachzudenken und mir am Ende auch selbst zu sagen: Du musst deine Maßstäbe mal überprüfen, Du kannst vielleicht nicht so viel aushalten wie andere, Du musst achtsamer sein. Am Ende musste ich mich auch fragen: Wenn man mit sich selber nicht achtsam umgeht, wie will man das denn mit anderen tun? Das funktioniert nicht. Darüber habe ich viel nachgedacht.

hessenschau.de: Und am Ende dieses Denkprozesses stand dann die Entscheidung: Ich breche die Politikerkarriere ab, lasse Berlin hinter mir - das ist alles zu viel?

Peter Tauber: Ich war CDU-Generalsekretär, ich war über zehn Jahre Bundestagsabgeordneter, ich war Staatssekretär im Verteidigungsministerium. Und ganz ehrlich: Was soll denn da noch kommen in einer politischen Karriere? Ich finde, man muss auch mal realistisch sein, wo die eigenen Grenzen sind. Ob ich jemals Minister geworden wäre oder etwas anderes, da mache ich drei große Fragezeichen.

Und dann war für mich eben der Punkt, auch mit Mitte 40, mich zu fragen, ob ich noch mal etwas anderes machen möchte als Politik? Das habe ich bejaht, und dann hatte ich eben die Möglichkeit, einen Job in meiner Heimat anzutreten. Meine Heimat ist mir sehr wichtig.

hessenschau.de: Sie arbeiten seit Anfang Juli als Sprecher für das Unternehmen Engelbert Strauss. Die stellen Berufsbekleidung her. Wie kam es zu dieser Wahl?

Peter Tauber: Das ist ein Familienunternehmen und ich kenne die beiden Söhne Henning und Steffen sehr gut, sie sind ungefähr mein Alter. Mit Henning bin ich zur Schule gegangen. Er sagte irgendwann: Wenn du mal was anderes als Politik machen willst, dann müssen wir reden. Und dann kamen wir eben jetzt ins Gespräch. Für das Unternehmen zu sprechen, auch zu erzählen, was uns wichtig ist, unter welchen Umständen die Kleidung produziert wird, wie wichtig uns Nachhaltigkeit ist, das ist, glaube ich, eine sehr interessante Aufgabe, auf die ich sehr viel Lust habe.

hessenschau.de: Gibt es nach ein paar Tagen im neuen Job schon neue Erkenntnisse für den ehemaligen Spitzenpolitiker?

Peter Tauber: Die Politik kann von der Wirtschaft lernen, was Entscheidungsprozesse betrifft, aber auch vor allem, was das Mindset betrifft. In der Welt, aus der ich komme, treffen Sie sehr viele Menschen, die Ihnen ständig nur erklären, warum was nicht geht. Ich erlebe das hier zumindest bei uns im Unternehmen eher so, dass Leute gemeinsam überlegen, wie man es macht, damit es geht. Und das finde ich sehr, sehr angenehm.

hessenschau.de: Wenn Regierungsmitglieder in die Wirtschaft wechseln, gibt es keine verbindliche Karenzzeit. Müssen wir jetzt erwarten, dass der nächste Auftrag für Fleck-Tarn nach Biebergemünd geht?

Peter Tauber: Ich glaube nicht, dass das zu erwarten ist. Und es gibt ja Gottseidank bei der Bundesregierung ein sogenanntes Karenzzeitgremium. Dort muss man transparent darlegen, was man beruflich tut, und das habe ich gemacht. Dann wird es beurteilt und auch genau geprüft: Gibt es aus meiner bisherigen politischen Tätigkeit Verbindungen zum Unternehmen? Die gab es nicht. Ich habe aber, wie gesagt, natürlich aufgrund der persönlichen Verbindungen zur Familie Kontakt gehabt. Der hat sich aber nicht widergespiegelt in meiner Tätigkeit im Ministerium oder an anderer Stelle. Und deswegen hat das Karenzzeitgremium gesagt, drei Monate Pause sind ausreichend. Und jetzt bin ich zum ersten Juli eben ein Strauß. Darüber freue ich mich.

Das Gespräch führte Christoph Scheld.

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