Timon Gremmels im Homeoffice

In der Corona-Krise sind Abgeordnete wie der Kasseler Timon Gremmels in ihren Wahlkreisen gefragt wie nie zuvor. Ein Interview über schlaflose Nächte, Rückholaktionen aus der Südsee und Menschen, die erst lernen müssen, um Hilfe zu bitten.

Eine aktuelle Mitteilung auf der Internetseite des Kasseler Bundestagsabgeordneten Timon Gremmels (SPD): "Auch Schausteller brauchen Hilfen in der Krise." Auf dem Foto sieht man ihn mit vier anderen Männern vor einem Wohnwagen und einem Lkw-Anhänger.

Dem 44 Jahre alten Politiker geht es wie vielen seiner Kollegen - unabhängig vom Parteibuch: Seit Beginn der Corona-Pandemie sind sie als Nothelfer in ihren Wahlkreisen im Dauereinsatz, vor allem Direktkandidaten wie Gremmels.

hessenschau.de: Herr Gremmels, waren Sie als Politiker bei Bürgern schon mal so gefragt wie zurzeit?

Timon Gremmels: Kaum. Wir haben zurzeit mehr als doppelt so viele Anfragen wie früher. An die 30 sind es täglich. In der Spitzenzeit des Shutdowns waren es sogar 40 bis 50, also das Dreifache. Und eigentlich dreht sich fast alles um die Folgen der Corona-Pandemie.

hessenschau.de: Einiges wird sich mit Musterantworten lösen lassen.

Gremmels: Manchmal reicht es schon, einen Internet-Link zu schicken. Bei den Soforthilfen hatten wir auch Textbausteine. Aber meine Mitarbeiter und ich bemühen uns in jedem Fall um individuelle Antworten. Bei vielen Problemen müssen wir recherchieren. Da helfen wir SPD-Abgeordneten uns auch untereinander. Der eine ist Experte für Recht, der andere für Gesundheitswesen und wieder ein anderer, wie ich, für Wirtschaft und Energie.

In so einer Lage ist es besonders wichtig, den Menschen genau und zeitnah zu antworten. Das ist eine große Herausforderung. Es ist aber auch eine große Chance.

hessenschau.de: Weil Sie und Ihre Kollegen verstärkt als Kümmerer wahrgenommen werden, nachdem wir jahrelang über die Gründe für Politikverdrossenheit diskutiert haben?

Gremmels: Wir sehen jetzt, dass die Menschen wissen, an wen sie sich wenden können: an ihre Volksvertreter. Und das machen sie auch sehr direkt, auch wenn das nicht mehr wie früher auf dem Wochenmarkt geht oder bei Veranstaltungen, die ausfallen und ins Netz verlegt worden sind.

Das läuft nicht nur über E-Mails, Facebook, Twitter und alle möglichen Kanäle. Wenn ich einkaufen gehe, wird das jetzt noch mehr als früher regelrecht zur mobilen Bürgersprechstunde. Das ist erfreulich und gehört zum Job dazu. Dass sonntags jemand unangemeldet an der Wohnungstür klingelt, kommt in diesen Zeiten auch vor. Das freut einen dann nicht ganz so. Aber dann bitte ich um einen Anruf in der Sprechstunde oder sage, dass ich zurückrufe.

hessenschau.de: Was beschäftigt die Menschen am meisten?

Gremmels: Am Anfang haben viele nach Corona-Tests gefragt,  wo es welche gibt und wie sie an einen Termin kommen. Dann kamen vermehrt Hilferufe von Menschen, die im Ausland festsaßen. Ein Paar war zur Hochzeitsreise in der Südsee, bei der Frau stand zu Hause ein OP-Termin an. Da konnten wir konkret über das Auswärtige Amt helfen, dass sie mit dem Rückholprogramm rechtzeitig wieder nach Kassel kam. Dann kamen viele, viele Anfragen wegen der Soforthilfen.

hessenschau.de: Inzwischen dürften diese Existenzsorgen dominieren.

Gremmels: Es kommen vor allem Unternehmer, Selbstständige oder Kulturschaffende, die noch länger von den Auswirkungen der Krise betroffen sein werden. Oder 450-Euro-Jobber und Studenten, die noch durch das Raster der Hilfen fallen. Da wirkt es manchmal beschleunigend, wenn man als Abgeordneter bei einer Behörde anruft, wegen eines liegen gebliebenen Antrags auf Grundsicherung zum Beispiel. Gerade wenn Selbstständige schreiben, merkt man: Ihnen fällt es nicht leicht, sich bei den Jobcentern zu melden.

hessenschau.de: Weil sie sich als Bittsteller fühlen?

Gremmels: So sagen es auch einige: "Ich habe immer alles selbst geregelt und bin immer ohne den Staat ausgekommen." Aber jetzt ist die Not einfach zu groß. Wenn man dann direkt anruft, sind viele doch überrascht, dass der Abgeordnete sich selbst meldet.

hessenschau.de: Solche Notlagen sind auch die Folge von Entscheidungen, die Sie als Abgeordneter der Regierungskoalition im Bund mit verantworten. Belastet Sie das?

Gremmels: Am Anfang der Corona-Krise hatte ich schon schlaflose Nächte. Ich wusste ja, was das zum Beispiel für die Gastronomen oder Veranstalter bedeutet. Nehmen Sie die Betreiberin einer Hochzeitsagentur, die sich gemeldet hat. Der sind die Aufträge in der kompletten Hauptsaison bis Ende Sommer eingebrochen. Dann liegen Sie schon abends im Bett und grübeln: Ist das alles richtig, ist das verhältnismäßig?

Oder die Einschränkung der Grundrechte beim Demonstrationsrecht. Ein Lockdown ist schnell beschlossen. Aber wieder herauszukommen und nicht die Akzeptanz der Menschen zu verlieren oder das Erreichte zu gefährden, das ist die große Kunst.

hessenschau.de: Sie werden längst nicht immer helfen können.

Gremmels: Es sind natürlich auch Menschen enttäuscht oder sauer. Aber es ist wichtig, keine falschen Versprechungen zu machen. Ich sage, was Sache ist, wo man helfen kann und wo nicht. Wenn Politik jetzt falsche Erwartungen weckt, holt sie das doppelt und dreifach ein.

Man kann aber jedem zeigen, dass man ihn ernst nimmt. Und man kann versprechen, sein Anliegen in Berlin einzubringen oder sich einzusetzen, dass es beim nächsten Hilfeprogramm berücksichtigt wird. Manchen hilft es schon, wenn sie bei Ihrem Abgeordneten einfach mal den Frust ablassen können.

hessenschau.de: Wie oft mussten Sie schon antworten: "Ja, das haben wir falsch gemacht"?

Gremmels: Selbstverständlich werden auch Fehler gemacht, manches wird sich erst später erweisen. Aber wir haben alles nach bestem Wissen und Gewissen beschlossen. Ich führe neben der Liste über sofortige Hilfe auch eine darüber, welche Lehren wir aus der Krise ziehen müssen. Eine Konsequenz wird sein, dass wir besser gewappnet sein müssen, zum Beispiel bei der Ausstattung der Gesundheitsämter und Kliniken und die Bezahlung des Personals.

hessenschau.de: Wie groß ist der Anteil an Verschwörungstheoretikern?

Gremmels: Er ist nicht groß, aber im Lauf der Pandemie haben sich doch mehr gemeldet, die hinter allem eine groß angelegte Aktion von Regierung und Behörden sehen. Ich stelle mich der Diskussion. Viele, die Kritik üben und auch auf Demos gehen, vertreten ja berechtigte Anliegen: Das sind Alleinerziehende mit Kita-Problemen oder Inhaber von Reisebüros.

90 Prozent aller Kontakte beruhen auf gegenseitiger Wertschätzung. Manchmal wird es aber auch heftig. Da gibt es auch Telefonate, bei denen dann die andere Seite auflegt.

hessenschau.de: Bei all der Krisendramatik freuen Sie sich bestimmt auf die erste ganz normale, langweilige Sprechstunde. Dann sitzt ihnen wieder jemand gegenüber, dem einfach nur die Baugenehmigung für die Garage versagt worden ist.

Gremmels: Selbstverständlich ist es etwas anderes, persönlich von Angesicht zu Angesicht zu reden als per Video- oder Telefonschalte. Solange die Abstandsregel gilt, muss Politik aber mit gutem Beispiel vorangehen. Was die Themen angeht: Sie haben auch jetzt viele Menschen, die andere Probleme als Corona haben. Denen müssen wir zeigen: Die Welt dreht sich weiter, und was ihnen persönlich wichtig sind, das ist auch Abgeordneten wichtig.

Das Gespräch führte Wolfgang Türk.