Kai Klose

Die Lockerungen in den Anti-Corona-Maßnahmen nimmt Sozialminister Klose zum Anlass, im Interview zu weiterer Disziplin zu ermahnen. Zugleich hält er es für möglich, dass aufgeschobene Operationen bald durchgeführt werden können.

Seit dieser Woche gelten gewisse Lockerungen in den Anti-Corona-Maßnahmen. Sozialminister Kai Klose (Grüne) befürwortet das - bereitet im Interview mit hessenschau.de aber auch darauf vor, dass es wieder mehr Beschränkungen geben könnte, falls die Infiziertenzahlen wieder deutlich steigen. Außerdem verteidigt er die unterschiedlichen Fallzahlen, die die Behörden veröffentlichen.

hessenschau.de: Seit einigen Tagen hat man den Eindruck, dass für viele Menschen der Lockdown gefühlt vorbei ist. Es ist warm, viele Plätze in den Städten sind voll. Herr Klose, erwarten Sie, dass nach der Inkubationszeit, in etwas mehr als einer Woche, die Infektionszahlen wieder schneller steigen?

Kai Klose: Die Konsequenz jeder Lockerung ist, dass wir auch wieder mehr Infektionszahlen haben werden, mehr schwere Erkrankungen - und leider dann auch mehr Todesfälle. Deshalb ist es unsere schwierige Aufgabe, möglichst gut zu prognostizieren, welche Auswirkung welche Lockerung haben wird.

Das kann niemand präzise tun, weil es eben keine Erfahrungen mit diesem Virus gibt und wir eine solche Situation noch nicht hatten. Aber jede Lockerung hat Folgen. Welche das sind, das können wir erst mit einer Verzögerung von mehreren Tagen auch in den Zahlen sehen.

Deshalb kann ich auch nur appellieren, dass alle weiterhin so diszipliniert mitmachen, wie das bisher der Fall war. Wenngleich ich weiß, was es an Einschränkung bedeutet. Wir kommen sonst in eine Situation, in der diese Zahlen wieder sehr schnell ansteigen und in der Folge auch die Zahl der schwer Erkrankten schneller ansteigt und mehr Menschen beatmet werden müssen, als wir Kapazitäten haben. Das gilt es unbedingt zu vermeiden, dass haben ja leider Italien und auch die USA gezeigt.

Externer Inhalt

Externen Inhalt von Datawrapper (Datengrafik) anzeigen?

An dieser Stelle befindet sich ein von unserer Redaktion empfohlener Inhalt von Datawrapper (Datengrafik). Beim Laden des Inhalts werden Daten an den Anbieter und ggf. weitere Dritte übertragen. Nähere Informationen erhalten Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Ende des externen Inhalts

hessenschau.de: Einige Virologen plädierten statt für eine schrittweise Lockerung eher für eine Fortsetzung strikter Maßnahmen, um dann in einigen Wochen die Krankheit so weit zurückgedrängt zu haben, dass man die einzelnen Fälle verfolgen kann.

Klose: Unser Job als Politikerinnen und Politiker ist es abzuwägen. Meine Aufgabe ist zuvorderst natürlich der Schutz der Gesundheit der Bevölkerung. Es geht aber auch um Fragen von Grundrechtseingriffen. Es geht um ökonomische Fragestellungen. Und es geht selbstverständlich auch um Sozialpsychologie im Sinne von: Was macht das eigentlich mit einer Gesellschaft und jedem Einzelnen, dauerhaft in so einer Situation zu leben?

Zwischen all diesen Dingen müssen wir immer wieder abwägen. Deshalb haben sich die Bundesregierung und die Ministerpräsidenten vergangene Woche darauf verständigt, erste kleine Schritte zur Lockerung der Maßnahmen zu machen und dann sehr genau hinzuschauen, welchen Effekt das hat. In dieser Abwägung halte ich das, was jetzt an Lockerungen gemacht wurde, für vertretbar - aber durchaus an der oberen Grenze dessen, was jetzt vertretbar war.

Umgekehrt müssen wir auch mutig genug sein, bei den Lockerungen einen Schritt zurückzugehen, wenn die Anzahl der Fälle wieder exponentiell wachsen sollte. Das gehört zur Wahrheit dazu.

Weitere Informationen

Wie die Corona-Zahlen zustande kommen

Seit 2. März publiziert das Sozialministerium täglich die aktuelle Gesamtzahl der bestätigten Sars-CoV-2-Infektionen in Hessen. Daneben gibt es die Zahlen des Robert-Koch-Instituts (RKI), die Zahlen der 24 hessischen Kreisgesundheitsämter. Nicht immer sind sie deckungsgleich, obwohl alle mit dem Meldesystem des RKI arbeiten.
Das liegt laut Ministerium daran, dass die Behörden die Stände zu unterschiedlichen Zeitpunkten angeben. Das RKI meldet um Mitternacht, das Sozialministerium um 10.30 Uhr, die Gesundheitsämter melden manchmal Fälle, die nach einem zweiten Test wieder korrigieren werden müssen.
Wie sich die Zahlen entwickeln, hängt auch von der Anzahl der durchgeführten Tests ab, wie Minister Klose sagt. Zum Testen werde nach RKI-Empfehlung geschickt, wer Symptome einer Lungenkrankheit hat, und das seien nach Abklingen der Grippewelle weniger Patienten. Über die Höhe der Dunkelziffer der nicht erkannten Infektionen könne man nur spekulieren. Allerdings sei Deutschland das Land, das bezogen auf die Einwohnerzahl die meisten Tests durchführe, weshalb Klose die Zahl für aussagekräftig hält - trotz gewisser Schwächen.

Ende der weiteren Informationen

hessenschau.de: Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat einen Strategiewechsel angedeutet: Man könne überlegen, ob das Gesundheitssystem sich wieder solchen Eingriffen und Nachsorgeuntersuchungen widmet, die aufgeschoben wurden, um einen Puffer zu schaffen. Wie sehen Sie das?

Klose: Die zentrale Voraussetzung ist, dass die Kurve der Neuinfektionen so flach bleibt wie derzeit. Da kommt es auch auf die Auswirkungen der Lockerungen an. Wenn es uns gelingt, die Kurve so flach zu halten, müssen wir uns auch darüber Gedanken machen, inwieweit wir diese medizinisch nicht zwingend notwendigen Eingriffe wieder vorsichtig zulassen können. Dafür braucht man dann Kriterien, die medizinischen und ethischen Gesichtspunkten genügen.

hessenschau.de: Also schon mal bei der Klinik anfragen und sich einen Termin im Mai geben lassen?

Klose: Das fände ich noch verfrüht, weil mir wirklich wichtig ist, dass wir die nächsten Schritte davon abhängig machen, welche Effekte die Lockerungen haben. Keiner kennt bisher die Folgen, deshalb wage ich keine zeitliche Prognose.

Mir ist aber auch wichtig, dass Menschen, die beispielsweise befürchten, einen Herzinfarkt zu haben, oder bei denen eine Krebsnachsorge ansteht, weiterhin die Krankenhäuser aufsuchen. Und dass sie das nicht aus Angst vor einer möglichen Infektion aufschieben. Niemand muss Angst haben, in ein Krankenhaus zu gehen, wenn er eine dringende Therapie benötigt.

Das Interview führten Jan Eggers und Tobias Lübben.