Die Grafik zeigt jeweils hälftig eine grüne und eine rote Farbfläche. Vor diesen Farbflächen sind das Ausschnitte des Kasseler Rathauses, des goldenen Löwen, der vor dem Rathaus als Skulptur steht und des Kasseler Wappens zu sehen.

Im Kassel Rathaus drehen sich mit der Unterzeichnung des Koalitionsvertrags die Verhältnisse um: Die Grünen sind stärkste Kraft, die SPD muss sich an den neuen Status des Juniorpartners gewöhnen. Auch inhaltlich sind die "grünen Themen" dominant.

Bei der Unterzeichnung des Koalitionsvertrags im Kasseler Rathaus herrschte am Donnerstag muntere Stimmung. Seit Jahren sind Grüne und SPD gemeinsam in einer Stadtregierung. Man kennt sich, man schätzt sich. Entsprechend harmonisch seien die coronabedingt komplett digitalen Verhandlungen über die Bühne gegangen, betonte die Kasseler Grünen-Vorsitzende Vanessa Gronemann.

Einiges ist in der langjährigen SPD-Hochburg aber doch anders als in den vergangenen Jahren: "Grün-Rot" statt "Rot-Grün" steht etwa auf dem Deckblatt des 50 Seiten langen Vertrags. Auch auf der Pressekonferenz haben die Grünen, die bei der Kommunalwahl im März als stärkste Kraft hervorgingen, das erste Wort. Die SPD muss sich indes mit der ungewohnten Rolle des Juniorpartners begnügen.

Es soll grün werden in der Stadt

Neben den neuen Farbenspielen und Rangfolgen gab Grünen-Chefin Gronemann auch inhaltlich sogleich die Richtung vor: Kassel soll klimaneutral werden bis 2030, lautet die Maßgabe. So hat es die Klimapolitik auch zum Leitfaden des neuen Koalitionsvertrags geschafft.

Für die Kasseler Bürgerinnen und Bürger wird der Umbau der Stadt in den kommenden Jahren zu einem Umdenken führen müssen: Kassel soll - anders als derzeit - "Radverkehrsstadt" werden. Die Koalition wird dazu Bausünden aus der Zeit, als das Auto König der Stadt war, zurückbauen müssen. Auf der breiten Wilhelmshöher Allee etwa wurde neben Platz für Blechkarawanen und Straßenbahnen das Fahrrad gleich ganz vergessen.

Weniger Verbrenner, weniger Steine, weniger Böller

Freunde von Schotter- und Steingärten sollen laut Koalitionsvertrag zudem mit einer "Grünsatzung" zu mehr Natur im Vorgarten gebracht werden. Der Verbrennungsmotor soll möglichst weichen; manche Quartiere sollen in "geeigneten Fällen" für Benziner und Diesel gar nicht mehr befahrbar sein - Ausnahmen sollen für Menschen mit Behinderungen gelten sowie auf Antrag für Lieferverkehr und Anwohner.

Parkflächen sollen langfristig reduziert und anders genutzt werden. Und auch dem Böllern zu Silvester könnte es an den Kragen gehen: Die Koalition will die "rechtlichen Möglichkeiten ausschöpfen, um privates Silvesterfeuerwek in Kassel zu reduzieren", heißt es im grün-roten Regierungspapier. Stattdessen soll für Lasershows ohne Feinstaubwolken geworben werden.

Nicht alle werden das begeistert mitmachen. Möglichen Widerständen in der Bevölkerung wolle man mit Dialog-Angeboten begegnen, sagte Gronemann. Die Grünen hoffen, dass das Interesse an grünen Themen und Klimawandel auch dann noch anhält, wenn die ersten Parkplätze verschwinden.

Jedes vierte Kind lebt in Armut

Auch in den Bereichen Bauen, in der Wirtschaft und im Energiesektor soll künftig ökologischer gedacht werden. Kassel hat schon länger einen Klimaschutzrat, in dem Experten und Expertinnen aus Wissenschaft, Klimaaktivismus und Wirtschaft Vorschläge erarbeiten, wie Kassel in den kommenden zwei Jahrzehnten das 1,5-Grad-Ziel erreichen soll.

Ob das alles gelingt, wird nun an der Politik liegen - im Zweifel muss nachjustiert werden: "Wir behalten das Ziel vor Augen und passen unsere Maßnahmen an", versprach Gronemann am Donnerstag.

Die SPD betonte, dass die Koalition viele soziale Themen angehen werde. Einer der zentralen Punkte im Koalitionsvertrag ist die Bekämpfung der Armut von Kindern, Familien und älteren Menschen. Und da gibt es viel zu tun: In Kassel lebt jedes vierte Kind in Armut, mehr als in allen anderen hessischen Städten.

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