Zwei Schulkinder, die im Treppenhaus die Treppe hochrennen.

Die Grundschüler waren die letzten, die zum eingeschränkten Unterricht an die Schulen zurückkehren durften. Jetzt sind sie die ersten, die wieder in voller Klassenstärke unterrichtet werden - ohne Abstandsgebot. Viele sehen das skeptisch.

Videobeitrag

Video

zum Video Grundschulen öffnen

hessenschau kompakt
Ende des Videobeitrags

Hessen kehrt in der Corona-Krise ein Stück weiter zur Normalität zurück. Die wohl am meisten diskutierte Lockerung von diesem Montag an: Die Grundschüler gehen wieder regulär in die Schule. Die verbleibenden zwei Wochen bis zu den Sommerferien werden die Kinder der ersten bis vierten Klasse wieder gemeinsam unterrichtet - das Gebot zum Abstandhalten gilt dort dann nicht mehr.

Kultusminister Alexander Lorz (CDU) sagte, die komplette Öffnung der Grundschulen sei möglich, da das Corona-Infektionsrisiko bei unter Zehnjährigen eher gering eingeschätzt werde. Außerdem habe sich gezeigt, dass das sogenannte Homeschooling, also das  Lernen zu Hause, bei so jungen Schülern nicht funktioniere. Zudem würden Eltern und Familien entlastet.

"Niemand ist gerne Versuchskaninchen"

Konkret bedeutet das: Die Klassenräume an den Grundschulen werden wieder gut gefüllt sein, Grundschüler sitzen wieder nebeneinander an den Tischen - das Abstandsgebot ist aufgehoben. Das sehen viele kritisch. Die Bildungsgewerkschaft GEW bezeichnete die Öffnung der Grundschulen für alle Schüler als "verantwortungslos". Der Landesvorsitzende des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE) Hessen, Stefan Wesselmann, kritisierte die Widersprüchlichkeit des Schritts angesichts gleichzeitig noch geltender Verbote zum Beispiel für Großveranstaltungen. Niemand sei gerne ein Versuchskaninchen - "schon gar nicht, wenn nicht für angemessene Laborbedingungen gesorgt ist".

Kultusminister Lorz betonte in einem Interview mit dem hr, das Wegfallen des Abstandsgebots werde durch "andere Hygieneregeln" kompensiert, unter anderem durch das "neue Konzept der konstanten Lerngruppen". Sprich: Die Klassen sollen möglichst in fest zugewiesenen Räumen von den gleichen Lehrkräften unterrichtet werden.

Keine Schulbesuchspflicht

Lorz geht davon aus, dass alle Grundschulen ausreichend Zeit hatten, sich auf die Rückkehr zur Fünf-Tage-Woche vorzubereiten. Die Schulbesuchspflicht ist aber bis zu den Sommerferien aufgehoben. Das heißt, Eltern können entscheiden, ob ihr Kind zur Schule geht oder von zuhause aus den Unterrichtsstoff lernt.

Audiobeitrag

Audio

Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Freude und Skepsis: Grundschulen wieder im Regelbetrieb

Zwei Schulkinder, die im Treppenhaus die Treppe hochrennen.
Ende des Audiobeitrags

Die GEW wirft dem Minister dagegen vor, die Gesundheit der Lehrerinnen und Lehrer zu gefährden. Das Land verletze seine Fürsorgepflicht als Dienstherr. Zumal Lehrkräfte über 60 Jahre nicht mehr wie bisher pauschal vom Unterricht befreit sind, sondern nur, wenn sie mit ärztlichem Attest eine individuelle Gefährdung nachweisen. Denn vielen Grundschulen fehlen Lehrer.

SPD spricht von "Hickhack"

Erst Anfang Juni waren die Erst- bis Drittklässler nach dem Corona-Shutdown überhaupt wieder an die Schulen zurückgekehrt. Allerdings gab es nur eingeschränkten Präsenzunterricht: in kleineren Lerngruppen und nur rund sechs Stunden pro Woche.

Angesichts der überraschenden Rückkehr zum Regelbetrieb an Grundschulen wirft Christoph Degen, Bildungsexperte der SPD-Fraktion, der schwarz-grünen Landesregierung Hickhack vor: "Woche für Woche wird etwas anderes präsentiert. Die Schulen gehen in diese Richtung, die nächste Woche heißt es dann, die Schulen gehen in die andere Richtung." Kultusminsiter Lorz hält dagegen, man müsse in diesen Zeiten flexibel reagieren.

Klappt es mit der Öffnung der Grundschulen, sollen nach den jetzigen Plänen der Landesregierung nach den Sommerferien auch alle anderen Schüler wieder komplett an den Schulen unterrichtet werden.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau kompakt, 22.06.2020, 16.45 Uhr

Ihre Kommentare Die Grundschulen in Hessen starten wieder in den Regelbetrieb. Was halten Sie davon?

201 Kommentare

  • Nicht viel. Wir sind angeblich mitten in der Pandemie, so die Politik und hier werden Kinder Versuchsobjekte..inwieweit können Grundschüler das Virus übertragen , auch wenn sie weniger oft indiziert werden. Warum konnte die Regelung , die ab dem 2. Juni galt, nicht beibehalten werden? Mit Abstand, Hygienevorgaben und Beschulung? Freitags gelten noch strenge Regeln, montags ist Abstand nicht mehr nötig...nicht nachvollziehbar! Man kann nur hoffen, dass diese Öffnung nicht zu einer neuen Welle führt.

  • Ich finde es längst überfällig.
    Kinder haben ein Recht auf Bildung und die Kinder sind die, die am Längsten unter den Maßnahmen gelitten haben.
    Unabhängig von der Studie in Heidelberg hätte ein Blick nach Dänemark, Neuseeland oder in die Niederlande gereicht, um zu erkennen, dass Kinder (unter 10 Jahren besonders) in der Corona Krise eine geradezu unbedeutende Rolle spielen.

  • Auch wenn es Herr Lorz nicht hören will...Lehrer und pädagogisches Personal an Grundschulen fühlen sich trotzdem als Versuchskaninchen...er hat ja leicht reden...er arbeitet nicht vor Ort!!! Die Klassen waren schon immer zu groß, Raum gibt es seit Jahren zu wenig...man sollte sich fragen, warum es diesen Mangel an Personal gibt...weil die Arbeitsbedingungen an die Substanz gehen und die Meinung von Pädagogen NULL zählt...Corona wäre jetzt die Chance gewesen endlich was zu ändern - stattdessen wird mit fadenscheinigen Ausreden weitergemacht wie bisher. Leider haben alle eine Lobby - die Lufthansa, die Schweinefleisch produzenten, die Autobauer...nur die Zukunft nicht - die Kinder !!!

Alle Kommentare laden