Weit voneinander entfernt sitzen Menschen in der Alten Nicolaikirche am Frankfurter Römerberg. Hier sollen bald wieder Gottesdienste stattfinden.

Seit Wochen sind Gottesdienste mit Publikum wegen des Corona-Risikos ganz verboten, Besuche in Heimen nur ausnahmsweise möglich. Nun lockert Hessen die Beschränkungen unter strengen Auflagen.

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Einzelhandel und Schulen in Hessen sind bereits aus dem Komplett-Lockdown entlassen. Am Freitag (1. Mai) folgen Gotteshäuser, am Montag (4. Mai) Alten- und Pflegeheime.

Gleichzeitig werden die zwischenzeitlich geschaffenen Möglichkeiten reduziert, an Sonn- und Feiertagen einzukaufen. Das haben Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) und Gesundheitsminister Kai Klose (Grüne) am Dienstagnachmittag in Wiesbaden mitgeteilt.

Sehr vorsichtige Öffnung

Ab Freitag dürfen demnach alle Religionsgemeinschaften wieder zu Veranstaltungen mit Publikum einladen, wenn strenge Auflagen beim Sicherheitsabstand und bei der Hygiene eingehalten werden. Die Lockerungen gelten auch für Trauerfeiern.

Mancherorts werden sich Gläubige aber länger gedulden müssen. In vielen Gemeinden werde es wegen der Vorbereitungen nicht vor 10. Mai losgehen, sagte Volker Jung, Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche von Hessen und Nassau (EKHN). Eine Umsetzung vor Montag hält Fuldas katholischer Bischof Michael Gerber für nicht realisierbar.

Am Montag treten auch die nicht mehr ganz so strikten Besuchsbeschränkungen für Alten- und Pflegeheime in Kraft. Vorsichtig bleibt das Land aber immer noch: Pro Bewohner ist maximal ein einstündiger Besuch wöchentlich möglich - aber nur von nahen Angehörigen und Bezugspersonen.

Am Beginn der Corona-Krise war pro Bewohner zunächst einmal am Tag ein höchstens einstündiger Besuch erlaubt gewesen. Das wurde verschärft, nachdem Erkrankungen und Todesfälle in Einrichtungen zugenommen hatten. Seit Anfang April werden Angehörige deshalb eigentlich nur noch in Heimen eingelassen, um von Sterbenden Abschied zu nehmen.

Bouffier: "Erhebliche Einschnitte zurücknehmen"

Bouffier sprach von "erheblichen Einschnitten in das Leben aller Bürger", die durchaus erfolgreich gewesen seien. Vielen Menschen sei dadurch die Wahrnehmung wichtiger Grundrechte nicht mehr möglich gewesen. "Nun lässt es der Verlauf der Pandemie zu, dass man in Schritten überlegt, diese Regelungen zurückzunehmen." Es sei aber nötig, das Schutzniveau weiter hoch zu halten.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Ministerpräsident Bouffier: "Jeder hat das Recht, Besuch zu empfangen"

Eine Pflegekraft begleitet eine alte Frau im Pflegeheim
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Zur Entscheidung, religiöse Veranstaltungen wieder zu erlauben, sagte der Ministerpräsident: "Gerade in dieser Zeit kann ein starker Glaube Halt geben." Genauso wichtig sei es, "von einem geliebten Menschen würdig Abschied nehmen zu können". Zur den vorsichtigen Lockerung bei den Heimen sagte Gesundheitsminister Klose: "Mit der jetzigen Regelung schützen wir die Betroffenen vor einer Infektion und gleichzeitig vor einer möglichen Vereinsamung."

Die Regelungen im Einzelnen:

Gottesdienste und Trauerfeiern (ab 1. Mai)

  • Keine Begrenzung der Teilnehmerzahl.
  • Ein Mindestabstand von 1,5 Metern zwischen Personen muss eingehalten werden.
  • Vom Mindestabstand ausgenommen sind nur Menschen, die in einem Haushalt zusammenleben.
  • Kollekten-Körbchen und andere Gegenstände dürfen nicht herumgereicht werden.
  • Desinfektionsmittel müssen zur Verfügung stehen, in Spendern zum Beispiel.
  • Die Regeln müssen am Versammlungsort gut sichtbar über Aushänge bekanntgemacht werden.
  • Weitergehende Auflagen wie das Tragen einer Maske oder den Verzicht auf Gesang macht das Land nicht. Die Religionsgemeinschaften hatten aber zuvor auf Bundesebene angekündigt, solche Schritte von sich aus zu gehen.

Besuche in Heimen (ab 4. Mai)

  • Die Einrichtungen müssen ein individuelles Schutzkonzept haben. Maßgeblich sind Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts, des hessischen Sozialministeriums und die jeweiligen Hygienepläne der Heime.
  • Besuche sind nur nahen Angehörigen und engen Bezugspersonen gestattet.
  • Erlaubt ist lediglich ein einziger Besucher pro Woche. Dauer: maximal eine Stunde.
  • Der Mindestabstand von eineinhalb Metern muss eingehalten werden.
  • Ein Mund-und-Nasen-Schutz ist Besuchern vorgeschrieben. Alltagsmasken aus Stoff, wie sie in Geschäften sowie Bussen und Bahnen zulässig sind, reichen laut Minister Klose nicht. "Standard ist mindestens eine sogenannte OP-Maske", sagte er.

Einkaufen (ab 1. Mai)

  • Die zu Beginn der Pandemie geschaffene Möglichkeit, zur "Entzerrung des Einkaufsgeschehens" auch an Sonn- und Feiertagen einzukaufen, wird eingeschränkt.
  • An Feiertagen dürfen Läden und Supermärkte wie zuvor gar nicht mehr geöffnet sein.
  • Sonntags dürfen die Geschäfte öffnen, aber nur noch in der Zeit von 13 bis 18 Uhr.

Vor dem Gespräch mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und seinen Amtskollegen am Donnerstag über das weitere Vorgehen in der Corona-Krise sagte Bouffier: "Ich gehe da offen hinein. Wir haben uns nicht am Wettbewerb beteiligt, wer ist der Schnellste."

Der Ministerpräsident und der Gesundheitsminister deuteten aber weitere Lockerungen an. Genannt wurden Änderungen bei den Restriktionen für Kliniken in der Behandlung anderer Patienten sowie ein Abrücken von der umstrittenen 800-Quadratmeter-Beschränkungen im Einzelhandel. Diese Regelung sei rechtlich kaum aufrecht zu halten, sagte Bouffier unter Hinweis auf jüngste Gerichtsentscheidungen.

Richter mahnten, katholische Kirche kritisierte

Die Lockerungen gerade für die Gottesdienste kommen nicht überraschend. Zahlreiche Religionsgemeinschaften hatten Konzepte für sichere Veranstaltungen vorgelegt. Anfang der Woche befasste sich das Corona-Kabinett der Bundesregierung mit einem Rahmenplan. Die christlichen Kirchen sowie die jüdischen und muslimischen Gemeinden hatten das staatlichen Verbot von Gottesdiensten zunächst zustimmend mitgetragen. Aus der katholischen Kirche ist die Kritik aber lauter geworden, seit der Einzelhandel wieder öffnen durfte.

Limburgs Bischof Georg Bätzing, der auch Vorsitzender der Bischofskonferenrenz ist, nannte die Beibehaltung des Gottesdienstverbots angesichts geöffneter Autohäuser "schwer nachvollziehbar". Vor Ostern hatte das Bundesverfassungsgericht in einer Eilentscheidung das Verbot zwar bestätigt, als ein Katholik aus Hessen dagegen Beschwerde einlegte. Da es sich um einen "überaus schwerwiegenden Eingriff in die Glaubensfreiheit“ handele, müsse aber jede Verlängerung der entsprechenden Anordnung streng auf ihre Notwendigkeit geprüft werden.

Bischof von Fulda: "Schmerzvolle Erfahrung"

Die evangelische Kirche war zurückhaltender. Auch nun betonte Bernd Böttner, Prälat von Kurhessen-Waldeck: Bei allen Überlegungen müsse der bestmögliche Infektionsschutz im Vordergrund stehen. Es bestehe die Möglichkeit, aber keine Verpflichtung, die Gottesdienste wieder in den Kirchen oder an anderen Orten zu feiern.

In der katholischen Kirche dagegen hat der sonntägliche Besuch des Gottesdienstes die höhere Bedeutung eines verbindlichen Gebots. Sie hat dieses Gebots zwar in der Corona-Krise aufgehoben. Nun lobte der Fuldaer Bischof Gerber die Lockerungen aber mit den Worten: "Für viele Gläubige war es eine sehr schmerzvolle Erfahrung, über Wochen und insbesondere über die Ostertage nicht an den Gottesdiensten in den Kirchen teilnehmen zu können."

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 28.04.2020, 19.30 Uhr