Bewohnerin und Pflegehelferin in einem Seniorenzentrum.
Eine Bewohnerin und eine Pflegehelferin in einem Seniorenzentrum. Bild © picture-alliance/dpa

Hessen braucht dringend Pfleger, viele Flüchtlinge haben keinen Schulabschluss und suchen Arbeit. Eine Gesetzesänderung soll den Ausbildungsbeginn auch ohne Abschluss ermöglichen. Im Landtag gab es am Mittwoch eine selten einige Haltung dazu.

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Wie praktisch, dass beim Ministerium für Soziales und Integration auch der Bereich Gesundheit mit angesiedelt ist. So kann Minister Stefan Grüttner (CDU) gleich zwei Fliegen in seinem Zuständigkeitsbereich mit einer Klappe schlagen, wenn der Landtag das hessische Altenpflegegesetz ändert.

An sich ist der Schritt, über den das Parlament an diesem Mittwoch auf Antrag der Fraktionen von CDU und Grünen in erster Lesung beraten hat, nur ein kleiner: In Zukunft sollen angehende Altenpflegehelfer in einem Modellprojekt Ausbildungen auch dann beginnen dürfen, wenn sie keinen Hauptschulabschluss haben. Der ist bislang Bedingung. Den Abschluss erwirbt man dann parallel zur Ausbildung.

Patienten brauchen Pfleger, Menschen brauchen Arbeit

Dahinter steht die Idee, einerseits den Pflegenotstand in Hessen in den Griff zu bekommen und zugleich vor allem junge Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt zu integrieren. 7.000 Altenpfleger mehr werden bis 2030 landesweit gebraucht, dazu kommen 4.000 Krankenpfleger. Außerdem gehen bis dahin mehr als 10.000 Pfleger in den Ruhestand. Schon jetzt bleiben laut Pflegemonitor 14 Prozent der Stellen unbesetzt, bei den Pflegehelfern sogar jede fünfte Stelle.

Zudem waren im Januar mehr als 15.000 Flüchtlinge in Hessen arbeitslos gemeldet, rund 60 Prozent davon ohne abgeschlossene Berufsausbildung, rund 21 Prozent ohne Hauptschulabschluss.

Linkspartei: "Das Problem ist größer als diese kleine Lösung"

Die Landtagsfraktionen, ob Regierung oder Opposition, bewerteten den Entwurf überraschend einstimmig positiv. "Man könnte höchstens kritisieren: Warum passiert das erst jetzt?", sagte etwa FDP-Fraktionschef René Rock. "Wir unterstützen die Änderung", erklärte Daniela Sommer, gesundheitspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion. Selbst Marjana Schott, bei der Linksfraktion für Gesundheitspolitik zuständig, nannte den Entwurf "im Prinzip keine schlechte Sache". Sie kritisierte aber die generell schlechten Arbeitsbedingungen in der Pflege. "Das Problem ist größer als diese kleine Lösung", sagte sie.

Dass die Zukunft der Altenpflege eine große Herausforderung ist, gestand auch Marcus Bocklet, sozialpolitischer Sprecher der Grünen, ein. Gerade deshalb sei jede Maßnahme wichtig. "Es bleibt ein Problem, dass wir niemanden mit vorgehaltener Pistole zwingen können, diesen Beruf zu ergreifen", sagte er am Mittwoch im Landtag. "Wir müssen Anreize schaffen." Die Zielgruppe des Gesetzes sei zwar klein, aber eben bisher noch nicht in den Blick genommen worden. Minister Grüttner verwies darauf, dass in Zukunft verstärkt kultursensible Pfleger gebraucht würden - "dafür eignet sich diese Zielgruppe besonders".

Hauptschulabschluss zu hohe Hürde

Auch in der Praxis findet der Vorschlag Zustimmung. Er könne ihm "nur befürwortend gegenüberstehen", sagt etwa Michael Schmidt, Geschäftsführer der Arbeiterwohlfahrt (AWO) in Nordhessen, die sechs Altenpflegeschulen betreibt. Der Hauptschulabschluss sei für viele Flüchtlinge "eine Hürde, über die sie nicht hinwegkommen" - und nicht nur für die.

Schmidt denkt auch an die jungen Menschen, die nach neun Jahren die Schule ohne Abschluss verlassen, "mit eingeschränkter Perspektive", wie Schmidt sagt. Im dualen System, parallel zur Praxisausbildung, könne es für viele einfacher sein, das nachzuholen. Falls übrigens jemand zwar die Ausbildung schafft, den Schulabschluss aber nicht, wird das auf dem Zeugnis vermerkt - die Berufserlaubnis kommt dann, wenn die Schulprüfungen bestanden sind.

Der AWO-Geschäftsführer hofft, dass mit dem Programm dem befürchteten Fachkräftemangel entgegengewirkt werden könnte. Bisher schließen ihm zufolge 30 bis 35 Prozent der ausgebildeten Pflegehelfer später eine Ausbildung zur Pflegefachkraft an. Und gerade bei jungen Flüchtlingen habe er erfreut festgestellt, "dass die gar keine Berührungsängste zur Pflege haben", sagt Schmidt: "Das zeichnet sich sehr ermutigend ab."

Ohne flexible Lösungen keine Integration

Auch Enis Gülegen, Vorsitzender des Landesausländerbeirats in Hessen, begrüßt die Idee, auf die "dogmatische Hürde Hauptschulabschluss" zu verzichten, und Menschen "sofort in die Situation zu integrieren, in der sie sich weiterbilden können". Denn gerade Geflüchtete hätten zwar häufig eine solide Schulbildung, könnten diese aber in einer Fremdsprache nicht für die Abschlussprüfung umsetzen.

Wichtig sei es, die duale Ausbildung dann mit weiteren Hilfen zu begleiten: "Ohne solch flexible Lösungen wird uns die Integration nicht gelingen."

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