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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Viele offene Fragen um Hessens Mann in Nordamerika

Hochhäuser und Hochbahn in Chicago

Drei Jahre lang sollte ein Jurist bei US-Unternehmen für den Standort Hessen werben - und umgekehrt. Doch Erfolge konnte er offenbar nicht vorweisen. Wofür zahlten Kommunen und Land dem Mann eine sechsstellige Summe im Jahr?

Ab Anfang 2018 vertrat John Gatto die Interessen des Landes und der Rhein-Main-Region in den USA. Von Chicago aus sollte der 56 Jahre alte Jurist für den Standort Hessen werben und amerikanische Firmen hierher locken. Als der hessische Außenposten damals eingerichtet wurde, meldete die Landesregierung, Gatto solle "Netzwerke knüpfen und die außenwirtschaftlichen Interessen in den USA vertreten".

Die Kosten für Personal und Büro von jährlich rund 270.000 Euro kamen aus öffentlichen Mitteln, bezahlt von der Hessen Trade & Invest GmbH, die dem Wirtschaftsministerium angegliedert ist, und der FrankfurtRheinMain GmbH (FRM), getragen von Städten und Kreisen des Ballungsraums.

Ein Präsident zum Babysitten

Doch interne Dokumente werfen die Frage auf, ob Gatto als Präsident der FRM Chicago seiner Aufgabe gewachsen war. Aus einer internen Mail aus dem Jahr 2019, die dem hr vorliegt, geht hervor, dass Gatto offenbar nicht in der Lage war, einfachste Bürotätigkeiten zu erledigen.

"So möchte ich darauf hinweisen, dass ich teilweise mehr Zeit damit verbringe, John zu managen, der sich zunehmend unfähig zeigt, selbst einfachste Dinge selbst zu regeln", wandte sich eine Mitarbeiterin an ihre Vorgesetzten bei der FRM in Frankfurt. Die Rede ist von "Babysitting".

Gatto, schrieb die Mitarbeiterin weiter, benötige ihre Unterstützung für simple EDV-Anwendungen wie Copy & Paste oder das Öffnen von PDF-Dokumenten. "Kommunikation mit John beschränkt sich primär auf teilweise widersprüchliche WhatsApp-Nachrichten oder Last-Minute-E-Mails (privat), wenn es darum geht, ihn gut aussehen zu lassen, weil er wieder einmal etwas vergessen oder verschlampt hat." Die Mitarbeiterin hat ihren Job bei der hessischen Standortagentur in Chicago inzwischen gekündigt.

Wiederholt forderte die Zentrale Tätigkeitsnachweise an

Die Frau fragte in der Mail auch, welche Funktion ihr Vorgesetzter überhaupt habe, "da er weder nachweisbare Erfolge bringt noch fähig ist, eigenständig zu arbeiten. Er scheint keine andere Funktion zu haben, als großzügig für sein Nichtstun bezahlt zu werden."  

Die Frage nach den Erfolgen von Hessens Mann in Chicago wurde auch in Frankfurt diskutiert. Sie beschäftigte den Führungskreis der FRM in Frankfurt das gesamte Jahr 2020 über. Ausweislich eines internen Protokolls, das dem hr vorliegt, forderte die Zentrale Gatto wieder und wieder auf, eine Liste seiner Aktivitäten zur Wirtschaftsförderung in den USA zu erstellen.

Statt konkrete Angaben zu Projekten vorzulegen, vertröstete Gatto dem Protokoll zufolge die Frankfurter ein ums andere Mal und führte "E-Mail-Probleme" an oder fehlende Unterlagen für die Abrechnung. Noch Anfang November 2020 hatte er für das schon fast abgelaufene Jahr weder eine Liste von Aktivitäten noch einen Budgetplan geschickt.

Gatto arbeitet nicht mehr für Hessen

Umso erstaunlicher, dass nach dem internen Wirtschaftsplan der FRM, der dem hr in Auszügen vorliegt, die Ausgaben für den hessischen Außenposten in Chicago im Jahr 2021 von ursprünglich geplanten 270.000 auf 355.000 Euro steigen sollten. Unklar ist, warum es zu dieser Kostensteigerung kommen sollte. Außer dem Präsidenten gab es nur eine weitere Beschäftigte. Doch der Wirtschaftsplan ist obsolet.   

Vorgesetzter von Gatto ist FRM-Geschäftsführer Eric Menges. Auf Nachfrage berichtet er, dass Gatto seit Ende 2020 nicht mehr für die FRM arbeite und kein Gehalt mehr von der FRM beziehe - ein Jahr vor Ablauf seines Vertrags. Fragen zum Grund für das Ende der Beschäftigung will Menges nicht beantworten, obwohl die Stelle mit öffentlichen Mitteln finanziert wird. Er hält den Daten- und Persönlichkeitsschutz des früheren Mitarbeiters für wichtiger.

Gatto studierte Mitte der 1990er-Jahre Jura in Gießen und promovierte dort. Bevor er in die USA zurückging, hatte er das Frankfurter Standortmarketingbüro von Hessens US-Partnerstaat Wisconsin geleitet. Ab 2008 war er Vorstandsvorsitzender der NRW.Invest, der Investitionsförderung Nordrhein-Westfalens in Chicago.

Keine Antworten von Kommunen oder Land

Nur so viel sagt Menges noch: Die Stelle des hessischen Standortmanagers in Chicago sei in den USA ausgeschrieben worden. Unbeantwortet bleibt die Frage: Wie kam es dazu, dass ein so gut dotierter Posten in einem wichtigen Markt wie den USA mit jemandem besetzt wurde, der seinen Aufgaben offenbar nicht ausreichend nachkam? John Gatto selbst gibt auf hr-Nachfrage keine Auskunft dazu, ebenso wenig wie das Wirtschaftsministerium, das das Auslandsbüro in Chicago mitfinanziert.

Die finanzpolitische Sprecherin der FDP-Fraktion im Landtag, Marion Schardt-Sauer, will genauer wissen, wie es zu dieser Besetzung kam. "Die Landesregierung muss beantworten, warum dieser Mann auf diese höchstwichtige Position gesetzt wurde. Waren das nur fachliche Fragen oder gab es da persönliche Kontakte? Ich hoffe nicht, dass da jemand versorgt werden musste", sagt die Oppositionspolitikerin. 

Sendung: hr-iNFO, 17.05.2021, 8.50 Uhr