Sonntagsfrage Hessentrend Januar 2020

Von wegen Juniorpartner: Jetzt sind die Grünen auf Augenhöhe mit Koalitionspartner CDU angekommen. Ein Christdemokrat ist trotzdem Gewinner des neuen hr-Hessentrends - und die Verlierer-Rolle klar vergeben.

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hessenschau vom 17.02.2020
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Die wichtigsten Ergebnisse des Februar-Hessentrends im Überblick:

  • Die schwarze-grüne Landesregierung verteidigt ihre knappe Mehrheit.
  • Die Grünen liegen erstmals nahezu gleichauf mit der CDU.
  • Die Krise der Hessen-SPD hat sich trotz Führungswechsel verschärft.
  • Regierungschef Bouffier erfreut sich wachsender Beliebtheit.
  • Drei Viertel aller Hessen sorgen sich um unsere Demokratie.
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Mit einer hauchdünnen Mehrheit von einer Stimme regiert Schwarz-Grün seit einem Jahr und in der zweiten Auflage im Landtag in Wiesbaden. Wäre jetzt erneut Landtagswahl, könnte es genauso knapp weitergehen, wie der aktuelle hr-Hessentrend zeigt.

Und doch könnte sich Entscheidendes ändern. Hier die Ergebnisse der repräsentativen Umfrage im Detail.

1. Grüne im Allzeithoch, CDU im Tief

Als zweitstärkste politische Kraft in Hessen hatten sie die SPD bei der Hessen-Wahl vor 15 Monaten schon knapp überholt. Nun haben die Grünen diesen Vorsprung nicht nur sprunghaft ausgebaut. Sie haben im Februar-Hessentrend auch den Rückstand zu Koalitionspartner CDU so gut wie wettgemacht. Die Grünen liegen der Umfrage zufolge aktuell bei 25 Prozent.

Auf einem Tiefpunkt von 26 Prozent sind die Christdemokraten gelandet. Sie verteidigen nur hauchdünn den Vorsprung als stärkste Partei, die seit zwei Jahrzehnten den Ministerpräsidenten stellt. Gegenüber dem vorigen Hessentrend vom April 2019 bedeutet das: ein dickes Plus für die Grünen (+4) und ein leichtes Minus für die CDU (-1).

2. SPD noch mehr unter Druck

Stärkster Verlierer ist aber die Hessen-SPD. Mit ihr geht es auch einige Monate nach dem Ausscheiden des dreimaligen Landtagswahl-Verlierers Thorsten Schäfer-Gümbel (SPD) als Landeschef weiter abwärts. Sie kommt mit neuer Spitze gerade noch auf 16 Prozent (-3). Auch die AfD mit 12 Prozent (-1) und die FDP mit 7 Prozent (-2) verlieren. Die Linke dagegen schneidet mit 8 Prozent (+2) besser ab als zuvor.

3. Schwarz-Grün knapp vorn, aber nicht alternativlos

Im sechsten Jahr der gemeinsamen Regierungszeit steht Schwarz-Grün mit einer 51-Prozent-Mehrheit da. Rechnerisch ist allerdings auch eine grün-rot-rote Mehrheit in Reichweite. Für die Grünen hätte die Konstellation den Charme, dann als stärkste Partei in jedem Fall den Ministerpräsidenten stellen zu können.

Noch immer halten mit Abstand die meisten Wahlberechtigten (43%) die CDU für besonders fähig zum Regieren. Mit dem Image "zukunftsorientiert" können dagegen die Grünen (40%) bei den Hessen besonders punkten.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Knappe Mehrheit für Schwarz-Grün

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Die andauernde Verschiebung der Machtverhältnisse zwischen den beiden Koalitionspartnern spiegelt sich darin, wie die Bürger die jeweilige Leistung der Koalitionsparteien beurteilen. 48 Prozent der Befragten stellen den Grünen ein gutes Zeugnis aus, aber lediglich 43 Prozent der CDU. Die Oppositionsarbeit erhält weniger Zuspruch. Hier liegt die SPD mit 31 Prozent vorn.

4. Mehrheit mit Regierung zufrieden

Mit der Arbeit von Schwarz-Grün sind die meisten Hessen einverstanden. 55 Prozent sind zufrieden oder sehr zufrieden mit der Landesregierung. Das ist lediglich eine leichte Verschlechterung gegenüber dem Hessentrend vom Frühjahr 2019.

Weitere Informationen

Hessentrend

Für den Hessentrend hat das Institut infratest dimap in der Zeit vom 7. bis 13. Februar dieses Jahres 1.000 wahlberechtigte Hessen telefonisch befragt. Die Umfrage fiel in den Beginn der Regierungskrise in Thüringen, die jedoch nicht Gegenstand der Befragung war. Die Fehlertoleranz liegt zwischen 1,4 und 3,1 Prozentpunkten und die Umfrage damit als repräsentativ.

Fragen und Antworten zum Thema Meinungsumfragen finden Sie hier.

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Über die beiden vergangenen Jahrzehnte hinweg betrachtet ist das aber ein immer noch überdurchschnittlich guter Wert für ein hessisches Kabinett. Deutschlandweit liegt Schwarz-Grün damit jedoch nur im Mittelfeld. Und an das Maß der Zustimmung für Regierungen in anderen westlichen Bundesländern reicht es bei Weitem nicht heran. Ob Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Baden-Württemberg oder Bayern: Dort applaudieren bei ARD-Umfragen jeweils rund zwei Drittel den jeweiligen Landeskabinetten.

5. Topwerte für Bouffier  

Beim Spitzenpersonal in der Landespolitik bremst ein Mann den grünen Höhenflug. Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) ist nicht nur der mit Abstand bekannteste Politiker. 64 Prozent (+6) sind mit dem 68-Jährigen zufrieden, der die Koalition geräuschlos führt und als Vize-Vorsitzender in der Bundespartei loyal an der Seite von Kanzlerin Angela Merkel und Noch-CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer agiert.

Al-Wazir Bouffier

So hat Bouffier einen Höchstwert in seiner bislang zehnjährigen Amtszeit erreicht und seinen Vorsprung vor Vize-Ministerpräsident Tarek Al-Wazir (Grüne, 60%) ausgebaut. Vergangenen Sommer dachte der Gießener laut über ein vorzeitiges Ende seiner letzten Amtszeit nach, weil er an Krebs erkrankt ist. Nun sagen 71 Prozent aller Hessentrend-Befragten: Bouffier sollte bis zur nächsten Hessen-Wahl 2023 weitermachen. Das Besondere: Sogar die meisten Anhänger von AfD und Linkspartei wünschen das.

6. Kronprinz im Kommen, Faeser nicht hoffnungslos

Wegen einer möglichen Amtsübergabe haben die Meinungsforscher erstmals auch nach Thomas Schäfer (CDU) gefragt. Der Finanzminister gilt als möglicher Nachfolger Bouffiers in der CDU. 37 Prozent sehen seine Leistung positiv, 19 Prozent kritisch. Damit landet er auf der Beliebtheitsskala gleich auf Platz drei, noch vor allen Fraktionschefs der Opposition.

Hier holen zwei Frauen auf, vor allem die neue SPD-Landeschefin Nancy Faeser. Noch können viele Hessen sie gar nicht einordnen. Und noch trauen ihr mit 26 Prozent die wenigsten zu, ihre Partei aus der Krise zu führen. Aber immerhin macht sie als Viertplatzierte in puncto Zufriedenheit deutliche acht Prozentpunkte gegenüber dem vorigen Hessentrend gut. Im Sympathie-Plus auch Janine Wissler (Linke), gefragter Gast in TV-Polit-Talks und für einen Führungsposten in der Bundespartei gehandelt.

Am schlechtesten schneiden die Fraktionschefs René Rock (FDP) und Robert Lambrou (AfD) ab. Beide Namen sind jeweils nur knapp einem Viertel der Wähler ein Begriff. Rocks Beliebtheit (10%) übersteigt immerhin den Zuspruch zu seiner Partei, Lambrous Wert (8%) unterbietet den für die AfD erkennbar.

7. Bedrohte Demokratie

Ob Lübcke-Mord oder Internethetze, Klimawandel oder Migration: Die Art, wie die politischen Auseinandersetzungen in Deutschland laufen, gibt inzwischen den meisten Hessen zu denken. 74 Prozent aller Befragten sagen: Das aktuelle gesellschaftliche Klima ist eine starke oder sogar sehr starke Bedrohung für die Demokratie. Gerade einmal fünf Prozent sehen die Demokratie völlig ungefährdet.

Das Gefühl, das System könne Schaden nehmen, hat sich mehrheitlich unter den Anhängern aller Parteien ausgebreitet – am stärksten bei der Linkspartei, am wenigstens bei der FDP.

8. Flüchtlingspolitik verliert an Bedeutung

Die Wirtschaftslage wird trotz zunehmender Anzeichen einer Flaute von den allermeisten Hessen als gut oder gar sehr gut bewertet. Kein Wunder, dass die Wirtschaft nicht zu den drängendsten Problemen gezählt wird. Als politisches Thema gewinnt sie allerdings für etwas mehr Menschen an Bedeutung wie noch im April 2019, ebenso wie Arbeitslosigkeit, Energiewende und Familienpolitik.

Auf Platz eins jener Themen, welche die Menschen beschäftigen, liegt unverändert Bildung vor Verkehr und Wohnen. Mit dem anhaltenden Rückgang der Asylbewerberzahlen verliert dagegen die Flüchtlingspolitik für immer mehr Menschen an Brisanz.

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Was Sie über Wahlumfragen wissen müssen

Was ist eine Fehlergrenze? Was bedeutet eigentlich repräsentativ? Und wie kann ich an einer Umfrage teilnehmen? Die wichtigsten Fragen und Antworten zu Meinungsumfragen im Überblick finden Sie hier.

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Sendung: hr-fernsehen, hessenschau kompakt, 17.02.2020, 13 Uhr