Janine Wissler

Mit ihrer Wahl zur Bundesvorsitzenden der Linkspartei macht Janine Wissler den nächsten Schritt in ihrer Karriere. Noch ist offen, ob sie Wiesbaden ganz Richtung Berlin verlässt. Fest steht: Der Landesverband steht vor einem Einschnitt.

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zum Video Frankfurterin Wissler ist neue Co-Chefin der Linken

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Als das Wahlergebnis verkündet wird, huscht ein Lächeln über Nina Schilds Gesicht. Die Delegierte der Linkspartei hat es sich in ihrem Wohnzimmer in Wiesbaden gemütlich gemacht, den Bundesparteitag verfolgt sie auf dem Laptop und am Fernseher. Einen richtigen Parteitagsschrein hat die 34-Jährige sich hergerichtet, mit vielen Fähnchen und mit einem Plakat.

Die Nachricht, die Schild freut: Mit 448 von 532 abgegebenen Stimmen wird die Frankfurterin Janine Wissler zur neuen Co-Bundesvorsitzenden der Linkspartei gewählt. Kurz nachdem das Ergebnis feststeht, wird die Delegierte allerdings nachdenklicher, als realisiere sie erst jetzt, was diese Abstimmung bedeutet. "Ich denke, dass wir sie sehr vermissen werden", sagt Schild, "aber ich glaube nicht, dass alles den Bach runtergeht."

"Einschnitt für die Partei"

Seit zwölf Jahren ist Janine Wissler bereits Fraktionschefin der Linken im Landtag. Beobachter rechnen damit, dass sie nun von Wiesbaden nach Berlin wechselt: Bundestag statt Landtag. Möglicherweise könnte sie sogar als Spitzenkandidatin ihrer Partei in den Bundestagswahlkampf ziehen. Fragen danach lässt Wissler seit Wochen offen - auch am Samstag nach ihrer Wahl zur Bundesvorsitzenden.

Der mögliche Abgang von Janine Wissler nach Berlin würde eine große Lücke in den hessischen Landesverband der Linken reißen. Die 39-Jährige ist seit Jahren das Gesicht der Partei, im Landtag ist sie die fleißigste Rednerin der Opposition. Pointiert, witzig, verbindlich - die Politikerin ist beliebt.

Willi van Ooyen saß fast zehn Jahre zusammen mit Janine Wissler im Wiesbadener Landtag. Dass sie jetzt nach Berlin geht, bezeichnet er als einen "Einschnitt für die Partei". Der ehemalige Fraktionsvorsitzende, der heute vor allem Friedensaktivist ist, glaubt aber auch: "Es werden jüngere Menschen in die Aufgaben reinwachsen und sich profilieren."

Rückenwind aus der Hauptstadt

Zu diesem Nachwuchs gehört auch Elisabeth Kula. Die 31-Jährige ist seit 2019 Landtagsabgeordnete und hat als Expertin für Bildung schnell an Profil gewonnen. Kula schwärmt von Wissler, nennt sie eine "brilliante Rednerin" und eine "hervorragende Politikerin". Der Gedanke an einen Abgang nach Berlin flößt ihr dennoch keine Angst ein.

Die Partei müsse sich in Hessen jetzt neu organisieren. Trotzdem schaue die Linke frohen Mutes in die Zukunft. Zum einen ist da die Hoffnung, dass Wissler jetzt Berlin aufmischt und das auch auf Hessen ausstrahlt. Zum anderen sei die Partei aber auch hier weiter gut aufgestellt.

Übernimmt Schalauske?

Als Spitze der Landtagsfraktion wird Wissler wohl Jan Schalauske beerben. Der 40-Jährige sitzt seit 2017 im Landtag und ist langsam als zweites Gesicht neben Wissler aufgebaut worden. Seit dem Wahlkampf 2018 hat die Stimme des Marburgers deutlich mehr Gewicht bekommen.

Als Redner steht Schalauske noch mindestens eine Stufe unter Wissler, inhaltlich aber verkauft er die Ziele der Partei inzwischen mindestens genauso nachdrücklich wie sie. Er lobt Wisslers "Kämpfe um alltägliche Verbesserungen und grundsätzlichen Veränderungen" - jetzt wird auch er sich noch mehr ins Gefecht stürzen müssen.

Warme Worte von der politischen Konkurrenz

Wie schwer der Abschied von Wissler tatsächlich wiegen würde, lassen schließlich die Elogen der politischen Konkurrenz in ihren Gratulationen zu Wisslers Wahl an die Parteispitze erahnen. "Eloquente und schlagfertige Rednerin", loben die Grünen. Sie habe die Fähigkeit, "unterschiedliche politische Positionen zu integrieren", meint die SPD.

Der Generalsekretär der CDU Hessen, Manfred Pentz, gratulierte ebenfalls - auch wenn die Christdemokraten mit Wissler "als bekennender Kommunistin" inhaltlich nicht weiter auseinander liegen könnten. "Mit ihr hat die Partei eine geschliffene Rednerin und charismatische Persönlichkeit an die Doppelspitze gewählt", erklärte Pentz. "Sie hat sich als engagierte Oppositionspolitikerin im Hessischen Landtag einen beachtlichen Ruf erarbeitet, der sie nun auf die Bundesebene führt."

In Berlin hat Janine Wissler die Aufgabe, eine teils zerstrittene Partei wieder zusammenzuführen. Noch ist offen, ob sie ihre Zukunft wirklich ganz in der Hauptstadt sieht. Vieles spricht aber dafür. Etwa ihre Bereitschaft, mit einem rot-rot-grünen Regierungsbündnis einen Politikwechsel im Land zu organisieren. In Hessen wird die Partei sie definitiv vermissen.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 27.02.2021, 19:30 Uhr