Die Gedenkstunde im Musiksaal des Wiesbadener Stadtschlosses.

75 Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz hat der Landtag in Wiesbaden der Opfer des Nationalsozialismus gedacht. Erstmals standen verfolgte und ermordete Homosexuelle im Mittelpunkt des offiziellen Erinnerns.

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hessenschau vom 27.01.2020
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Dem Holocaust der deutschen Nationalsozialisten fielen vor allem Menschen jüdischen Glaubens zum Opfer. Unter den Millionen Verfolgten, Gequälten und Ermordeten waren neben Sinti und Roma, Slawen, Zeugen Jehovas oder politischen Regimegegnern auch viele Homosexuelle. Die Erinnerung an sie hat der Landtag am Montag in Wiesbaden erstmals in den Mittelpunkt einer Gedenkstunde gestellt.

Anlass war der 75. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau. Der 27. Januar ist seit 2005 der "Internationale Gedenktag für die Opfer des Holocaust". "Alle Opfer sind Opfer, egal welchen Glaubens, welcher Herkunft oder sexuellen Orientierung", sagte Landtagspräsident Boris Rhein (CDU) im Landtag. Trotzdem sei es gerechtfertigt, diesmal den Blick besonders auf die homosexuellen Leidtragenden zu richten.

Diskriminierung hielt an

Deren Verfolgung "wird in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen", sagte Rhein. Die Erinnerung wachzuhalten sei umso wichtiger, als auch in einer freien und modernen Gesellschaft Homosexuelle diskriminiert würden. Das bestätigte die Historikerin Sybille Steinbacher, Direktorin des Fritz Bauer Instituts in Frankfurt, in ihrer Rede: Auch die zeitgeschichtliche Forschung habe sich über Jahrzehnte hinweg nicht mit Schwulen, Lesben oder anderen aus sexuellen Gründen im Nationalsozialismus bedrängten Menschen befasst.

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„Mir ist ein ritualisiertes Erinnern lieber als ein planvolles Vergessen.“ Zitat von Boris Rhein, Landtagspräsident
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"Ihr Leid blieb unbeachtet", sagte Steinbacher, die an der Uni Frankfurt den Lehrstuhl zu Erforschung von Geschichte und Wirkung des Holocaust innehat. Homosexuelle seien noch lange nach Kriegsende "nahtlos" weiter diskriminiert, isoliert und auch strafrechtlich verfolgt worden. Deshalb hätten sich viele nicht trauen können, sich als Zeitzeugen zu offenbaren.

Kaum Zeitzeugen

Das ist ein Grund dafür, dass über die Opferzahlen Unklarheit herrscht. Bis zu 15.000 Homosexuelle könnten in Konzentrationslagern gewesen sein, sagte Steinbacher. Schätzungen zufolge könnten bis zu 7.000 von ihnen, vor allem Männer, gestorben sein: an Hunger, Krankheit, medizinischen Versuchen oder anderen gezielten Mordaktionen.

Einer weiteren Schätzung zufolge wurden in der NS-Zeit rund 54.000 Homosexuelle verurteilt. Nicht weniger waren es laut Steinbacher in der Bundesrepublik, bis 1969 das Ende der Strafbarkeit von Homosexualität unter Erwachsenen kam. 1994 erst fiel der entsprechende Paragraph 175 ganz weg, und erst 2002 hob der Bundestag die Unrechtsurteile aus der Nazi-Zeit auf. Seit 1. Oktober 2017 dürfen Homosexuelle in Deutschland heiraten.

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Bouffier: Wachsam bleiben

Den Bogen zur Gegenwart spannte auch Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) in seiner Ansprache. Das vergangene Jahr habe in Deutschland und Hessen auf tragische Weise verdeutlicht, "dass rechtsextremes Gedankengut zu grauenvollen Taten führen kann, auch heute noch". Deshalb sei Wachsamkeit gefordert, sagte er mit Blick auf die Ermordung des Kasseler Regierungspräsdienten Walter Lübcke und den Anschlag auf eine Synagoge in Halle.

Der frühere Bundespräsident Roman Herzog hatte 1996 angeregt, am 27. Januar der Opfer des Nationalsozialismus zu gedenken. Soldaten der Roten Armee hatten an diesem Tag im Jahr 1945 die letzten noch lebenden Häftlinge in Auschwitz-Birkenau befreit. Die meisten der Häftlinge waren Juden. In dem größten deutschen Vernichtungslager Tötungslager waren mehr als eine Million Menschen umgebracht worden, vor allem in Gaskammern.

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Bundestag ist noch nicht so weit

Eine vom Historiker und Schriftsteller Lutz van Dijk ins Leben gerufene Initiative fordert schon seit Jahren, auch der Bundestag solle endlich einmal der Homosexuellen gedenken. Es gehe um die Erinnerung an "homosexuelle Männer (unter ihnen vor allem an die KZ Häftlinge mit dem Rosa Winkel), aber auch an lesbische Frauen und andere aufgrund ihrer sexuellen oder geschlechtlichen Orientierung Benachteiligte und Ausgegrenzte".  Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU) hat diese offizielle Würdigung am Holocaust-Gedenktag des kommenden Jahres in Aussicht gestellt.

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Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 27.01.2020, 19.30 Uhr