Grafik, die einen Bürgermeisterin an einem Redepult stehend vor einem Rathaus zeigt.

Bürgermeisterinnen sind in Deutschland noch immer eine Seltenheit. In Hessen wird nicht mal jedes zehnte Rathaus von einer Frau geführt. Doch woran liegt das? Wir haben die Amtsinhaberinnen gefragt.

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Nur jeder zehnte Bürgermeister ist eine Frau

Ein Rathaus
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"Von einer Frau lasse ich mir gar nichts sagen", "Keiner braucht hier eine Bürgermeisterin" oder "Das Blondchen hat doch keine Ahnung vom Leben" sind nur einige Beispiele für das, was hessische Bürgermeisterinnen sich schon anhören mussten. Die Quote der Frauen unter den Rathauschefs in Hessen ist mit acht Prozent äußerst niedrig. Anfang März gab es in den insgesamt 422 Städten und Gemeinden gerade einmal 33 Bürgermeisterinnen.

"Frauen haben schlechtere Bedingungen, um überhaupt kommunalpolitisch aktiv zu werden" sagt Dorothee Beck, Politikwissenschaftlerin mit Schwerpunkt Geschlechterforschung an der Universität Marburg. Frauen würden aus unterschiedlichen Gründen seltener ein politisches Amt in der Kommunalpolitik anstreben als Männer.

Eine Umfrage des Hessischen Rundfunks unter Bürgermeisterinnen zeigt, dass Vorbehalte aufgrund des Geschlechts in der Kommunalpolitik noch immer eine Rolle spielen. Jede vierte Bürgermeisterin gab an, während ihrer Kandidatur mit solchen Vorbehalten konfrontiert gewesen zu sein. Oft sei dabei die Vereinbarkeit der Mutterrolle mit dem Amt in Frage gestellt worden.

Traditionelles Rollenbild und Umdenken

"An jeder dritten Haustür ist mir das quasi begegnet", berichtet Patricia Ortmann (unabhängig), Bürgermeisterin von Biebertal (Gießen). Beim Wahlkampf habe sie immer wieder die Frage gehört: "Sie haben doch Kinder, wie wollen Sie das eigentlich machen?". Ihr männlicher Mitbewerber sei in der gleichen Situation gewesen, habe gleich viele Kinder in einem ähnlichen Alter gehabt. Doch ihm sei diese Frage kein einziges Mal gestellt worden.

Bürgermeisterin von Biebertal (Gießen): Patrizia Ortmann.

"Ich habe manchmal schon das Gefühl, ich müsse mich mehr beweisen als meine männlichen Kollegen", sagt Claudia Schnabel (Initiative Fronhausen), Bürgermeisterin von Fronhausen (Marburg-Biedenkopf). Sie glaubt, dass Frauen in einem politischen Amt stärker unter Beobachtung stünden als Männer. "Es ist immer noch nicht so ganz dieses Umdenken da, dass die Gesellschaft komplett gleichberechtigt ist. Das liegt aber nicht nur an den Männern." Das traditionelle Rollenbild sei bei vielen noch im Kopf verankert, auch bei Frauen.

Claudia Schnabel, Bürgermeisterin von Fronhausen (Marburg-Biedenkopf).

Vereinbarkeit von Familie und Beruf

Die Gründe, weshalb sich Frauen seltener in der Kommunalpolitik engagieren, sind vielfältig. Die Mehrheit der Bürgermeisterinnen ist der Meinung, dass Frauen ein geringeres Selbstvertrauen haben (84 Prozent).

"Es gibt immer noch die Selbstwahrnehmung von Frauen, dass sie sich selbst sehr kritisch beäugen", sagt Bürgermeisterin Schnabel. Frauen zweifelten mehr an sich selbst als Männer und hätten oft den Anspruch, immer alles perfekt machen zu wollen.

Auch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf (79 Prozent) und männerdominierte Machtstrukturen (53 Prozent) könnten Frauen von einem politischen Amt abhalten, so die Einschätzung der Politikerinnen.

Die Ausgangslage für Frauen sei häufig schlechter, meint Politikwissenschaftlerin Beck. Frauen würden von Parteien seltener gefördert bei ihrer Kandidatur. "Wenn man keinen Mann gefunden hat, dann darf eben auch eine Frau ran", so Beck.

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Bürokratische Hürden und die ständige Erreichbarkeit

Dass die größten Hürden im Amt letztendlich andere sind, zeigt die hr-Umfrage. Als schwierigste Herausforderung sehen die Bürgermeisterinnen bürokratische Hürden (70 Prozent) an. Auch die ständige Erreichbarkeit (60 Prozent) sei so eine Hürde. "Ein Problem ist: Ich bin nie mehr Privatperson, wenn ich irgendwo in die Öffentlichkeit gehe. Ich bin immer Bürgermeisterin", sagt Politikwissenschaftlerin Beck.

Auch die Finanzlage der Gemeinde (55 Prozent) und die Umsetzung der Vorgaben von Bund und Land (55 Prozent) stellen Bürgermeisterinnen vor Probleme. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf (45 Prozent) spielt ebenfalls eine Rolle, wenn auch eher untergeordnet.

"Es gibt Wochenendtermine und Abendtermine - aber das lässt sich gut organisieren", sagt Bürgermeisterin Ortmann. Planung sei alles. "Man muss sich schon Räume schaffen, die dann als Termine eingetragen werden, um wirklich freie Zeit für die Familie zu haben", berichtet Manuela Strube (SPD), Bürgermeisterin von Baunatal (Kassel).

Kleine und mittelgroße Gemeinden

Was auffällt: Bürgermeisterinnen leiten vor allem kleine Städte und Gemeinden. 90 Prozent der Teilnehmerinnen gaben in der hr-Umfrage an, ihr Amt in einer Kleinstadt mit unter 20.000 Einwohnern auszuüben. 10 Prozent sind Bürgermeisterinnen einer Mittelstadt mit 20.000 bis 100.000 Einwohnern. in den sechs hessischen Großstädten - also Frankfurt, Wiesbaden, Kassel, Darmstadt, Offenbach und Hanau - hingegen gibt es ausschließlich männliche Oberbürgermeister. 

Vor allem in kleinen Kommunen sei es oft schwierig, überhaupt Kandidatinnen oder Kandidaten zu finden, berichtet Politikwissenschaftlerin Beck. "Dadurch haben Frauen größere Chancen, es dann auch zu machen."

Was braucht es, um mehr Frauen in die Ämter zu bekommen?

37 Prozent der Bürgermeisterinnen gaben in der Umfrage an, bei der nächsten Wahl nicht erneut anzutreten, 11 Prozent sind sich noch unsicher. Die Gründe hängen vor allem mit dem Alter und dem Verhältnis zwischen Bürgern und Politikern zusammen, nicht aber mit Vorbehalten aufgrund des Geschlechts. Damit die Zahl der Bürgermeisterinnen nicht noch weiter sinkt, braucht es aber Nachwuchs.

"Wir müssen die politische Kultur verändern. Das ist ein langfristiges Projekt", meint Politikwissenschaftlerin Beck. Um das Amt der Bürgermeisterin für Frauen attraktiver zu gestalten, gibt es zahlreiche Vorschläge der Amtsinhaberinnen. "Es braucht Beispiele von Frauen in politischen Ämtern, die zeigen, dass es geht", sagt Schnabel.

Weniger Präsenztermine, mehr Coachings

Auch der Wunsch, Sitzungen zu verkürzen und Präsenztermine zurückzuschrauben, ist groß. "Da haben die Leute einfach keine Lust. Wenn man abends um halb acht anfängt und es zieht sich bis zehn Uhr und es wurde immer noch nicht alles gesagt", sagt Ortmann. In ihrer Gemeinde Biebertal verschlanke man die Sitzungskultur deshalb nun Schritt für Schritt.

Coachings zum Stärken des Selbstbewusstseins und Netzwerke werden ebenfalls als Vorschläge genannt. "Es braucht diesen geschützten Raum, wo die eine oder andere große Sorgenfalte dahinschmilzt, wenn man in den Austausch geht", so Ortmann.

Bürgermeisterinnen fühlen sich weitgehend respektiert

Trotz aller Vorbehalte bei der Kandidatur: Im Amt haben die meisten Bürgermeisterinnen das Gefühl, genauso respektiert zu werden wie ihre männlichen Kollegen. Über 80 Prozent der teilnehmenden Bürgermeisterinnen gaben bei der Frage, ob sie sich gleichwertig respektiert fühlen, "Ja" oder "Eher ja" an. Nur wenige fühlen sich eher nicht gleichermaßen anerkannt (16 Prozent).

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"Es ist eher subtil zu spüren. Aber gerade von den älteren Herren ist es ein wohlgefälliges auf die Schulter klopfen. Es ist das Gefühl, als das Mädchen betrachtet zu werden, das in den großen Schuhen läuft", sagt Schnabel.

Weitere Informationen

Umfrage unter Bürgermeisterinnen

Wir haben im Februar und März 2022 eine Umfrage unter allen 33 hessischen Bürgermeisterinnen (Stand: Februar) durchgeführt. Einen entsprechenden Link zur freiwilligen Teilnahme an der Umfrage hat der Hessische Rundfunk den Bürgermeisterinnen zugänglich gemacht. Etwa 70 Prozent (22 von 33) haben daran teilgenommen.

In der Umfrage haben wir Fragen zu den größten Hürden im Amt, Vorbehalten bei der Kandidatur, Gründen, weshalb so wenige Frauen kommunalpolitisch aktiv sind, und der Arbeit während Corona gestellt. Mehrfachantworten waren teilweise möglich.

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