Foto einer Filmkamera, in deren Vorschau man den jungen Grünen-Politiker Philip Krämer während einer Rede sieht.

Die Grünen haben den Generationenwechsel besser vollzogen als andere Parteien, sagt die Parteienforscherin Dorothée de Nève von der Universität Gießen im Interview. Das allein macht aber nicht den Erfolg der Partei in größeren Städten aus.

Die Grünen sind in einigen großen Städten in Hessen stärkste Kraft geworden. Insgesamt liegen sie beim hessenweiten Trendergebnis der Kommunalwahl auf Platz drei, hinter CDU und SPD. Mit welchen Themen können sie punkten und wer setzt auf die Partei? Darüber haben wir mit Professorin Dorothée de Nève, Vize-Direktorin des Zentrums für Medien und Interaktivität an der Justus-Liebig-Universität Gießen, gesprochen.

hessenschau.de: Wieso sind die Grünen vor allem in Städten erfolgreich?

Dorothée de Nève: Ja, die Grünen haben in Frankfurt, Kassel, Gießen, Marburg und auch in Darmstadt viele Wähler überzeugen können. Das hängt einerseits mit den Themensetzungen der Grünen zusammen, andererseits aber auch mit ihrer Entstehungsgeschichte. Sie sind als Partei nun mal aus Bürgerbewegungen hervorgegangen, die sich auch im städtischen und universitären Milieu organisierten.

Dorothée de Nève

In der Gemeinde Schwalmtal im Vogelsbergkreis sind die Grünen erstmals zu einer Kommunalwahl angetreten und haben auf Anhieb 10,3 Prozent der Stimmen (vorläufiges Ergebnis) geholt. Der Erfolg der Grünen ist also keineswegs nur in den Städten zu beobachten. Es handelt sich aber nicht um ein flächendeckendes Phänomen. In vielen Gemeinden im Norden und Osten Hessens sind die Grünen erst gar nicht angetreten.

hessenschau.de: Wer sind die typischen Grünen-Wähler und welche Themen liegen ihnen am Herzen?

De Nève: Wir können im Wesentlichen zwei soziale Gruppen identifizieren. Es sind Teile der 68er-Generation, die zu den grünen Wählerinnen und Wählern gehören. Sie stehen für eine basisdemokratische, emanzipatorische, friedensbewegte und multikulturelle Gesellschaft.

Zu der anderen Gruppe gehören überwiegend jüngere Wählerinnen und Wähler, die sich insbesondere für die Themen Klimaschutz, Landwirtschaftspolitik und Tierschutz interessieren. Im Wettbewerb mit anderen Parteien ist auffällig, dass es den Grünen sehr gut gelingt, Erstwähler und andere junge Wähler für sich zu gewinnen. Das hängt mit Sicherheit auch damit zusammen, dass es ihnen bisher wesentlich besser gelungen ist, einen Generationenwechsel zu vollziehen.

Gerade bei der Kommunalwahl wurde allein schon in der Parade der Köpfe auf den Wahlplakaten sichtbar, dass bei anderen Parteien viele ältere männliche Kandidaten das Erscheinungsbild dominieren.

hessenschau.de: Haben sich die Ziele der Grünen über die Jahre verändert?

De Nève: Ja, die politischen Visionen haben sich verändert. In den 1980ern ging es vor allem noch um ein alternatives Gesellschaftsmodell. Heute werben die Grünen mit der Strategie der Vereinbarkeit von Ökologie und Wirtschaft. Dieser Ansatz fasziniert vor allem jüngere Wähler mit einem vergleichsweise höheren Bildungsniveau und Einkommen. Ökologie bedeutet für sie nicht mehr in erster Linie Verzicht. Es geht ihnen vielmehr um Verantwortung für den Planet Erde und auch um ein neues Lifestyle-Modell.

hessenschau.de: In Frankfurt geht es zum Beispiel um Verkehr und Mobilität. Dort sind neben den Grünen auch andere Parteien in den Vordergrund getreten, wie etwa die Linke, die die Innenstadt autofrei machen will.

De Nève: Vielleicht vertrauen die Wähler dann letztlich doch eher dem Original als der Kopie. Es ist ja gerade Teil des Erfolgs der Grünen, dass sie durch ihr hartnäckiges Engagement letztlich alle Parteien gezwungen haben, zum Thema Klimaschutz Stellung zu beziehen. Wie glaubwürdig und kompetent andere Parteien aber diese umweltpolitische Agenda vertreten können, steht auf einem anderen Blatt. Die Grünen haben inzwischen einfach eine unbestreitbare Fachkompetenz.

hessenschau.de: Bedeutet der Erfolg der Grünen in Städten im Umkehrschluss, dass für Wähler auf dem Land Umweltthemen geringere Priorität haben?

De Nève: Keineswegs. Sie teilen aber wohl kaum diese rosaroten Träume vom Landidyll. Im ländlichen Raum stehen teilweise aber auch andere Themen im Vordergrund. Es geht um dringende soziale Fragen. Die Überalterung in den Dörfern, die mangelnde Infrastruktur aber auch die ungenügende medizinische Versorgung. Das sind Themen, die in der Programmatik der Grünen keine beziehungsweise nur eine nachgeordnete Rolle spielen. Möglicherweise hat aber auch die Debatte über die Einfamilienhäuser die Bürger im ländlichen Raum nicht unbedingt auf den Geschmack gebracht, die Grünen zu wählen.

hessenschau.de: Konnten die Grünen bei den Wahlen von den jüngsten Affären bei CDU und SPD profitieren?

De Nève: Die Krisen der einstigen Volksparteien währen schon länger und sitzen wesentlich tiefer. Korruptionsskandale beschleunigen allenfalls deren Niedergang, sie sind jedoch nicht die Ursache der Probleme. Die anderen Parteien profitieren davon. Klar, Wähler suchen nach einer neuen politischen Heimat, die sie dann teils bei den Grünen, teils bei der FDP oder AfD finden. Insofern hängen Erfolge und Misserfolge von Parteien eng zusammen.

Was jedoch im Falle der Grünen viel entscheidender ist, ist ihre entschlossene Themensetzung für den Natur- und Klimaschutz. Der Erfolg dieser parteipolitischen Agenda wird begleitet durch die Bewegung Fridays for Future und einem neuen nachhaltigen Konsumverhalten. Es handelt sich also um eine gesellschaftliche Veränderung, die weit über die Besetzung von Räten und Rathäusern hinausgeht.

hessenschau.de: Die Grünen sind im Land durch den Ausbau der A49 in die Kritik geraten. Sogar Bundes-Grüne haben sich gegen ihre Parteigenossen in Hessen gestellt. Haben die Wähler das vergessen?

De Nève: Wähler sind nicht vergesslich. Sie wägen ab und entscheiden sich dann aus bestimmten Gründen, die uns auch in der Forschung oft verborgen bleiben, für oder gegen eine bestimmte Partei. Aber klar, es ist wirklich erstaunlich, dass die Rodung des Dannenröder Forstes den Grünen nicht mehr geschadet hat. Zwei Drittel der grünen Parteianhänger in Hessen haben nämlich die Rodungen abgelehnt. Die geschmeidige Kompromissfähigkeit in der schwarz-grünen Koalition wird aber möglicherweise bei der Landtagswahl dann doch noch einen höheren Tribut verlangen, als wir dies bei der Kommunalwahl jetzt vermuten würden.

hessenschau.de: Was kann die Wahl in Hessen uns über das Abschneiden der Grünen im Land und im Bund sagen?

De Nève: Eine Kommunalwahl taugt wenig, um daraus irgendwelche Prognosen für die nächsten Wahlen abzuleiten. Bei einer Kommunalwahl geht es stark um die Wahl von Personen, die man kennt, und um die Gestaltung des unmittelbaren Lebensumfeldes. Eine Sache kann man aber vielleicht doch als zunehmendes Problem für die Grünen erkennen: Sie bekommen immer mehr Konkurrenz von Bürgerinitiativen und kleinen neuen Parteien, die sich in demselben Themenfeld tummeln. Das kostet wertvolle Wählerstimmen.

Das Gespräch führte Jan Tussing.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 16.3.2021, 19:30 Uhr