Julian Schweitzer, Bürgermeister von Bad Endbach, in seinem Büro

Als man ihn fragte, ob er sich zur Wahl des Bürgermeisters in Bad Endbach stelle, hat er einfach Ja gesagt. Nach den ersten Jahren im Amt findet Julian Schweitzer, seine Jugend sei eher von Vorteil. Eine Sache macht er aber lieber nicht in seinem Heimatort.

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Zum Artikel auf hr-inforadio.de Julian Schweitzer – Mit 25 vom Dorfkind zum Dorfking

Julian Schweitzer
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Julian Schweitzers weiße Sneakers knirschen auf dem groben Kiesweg. Es geht hinauf auf eine Anhöhe im Wald. Dort steht ein Aussichtsturm, und von dort überblickt der 28-Jährige fast ganz Bad Endbach, ein Ort mit 8.000 Einwohnern im Kreis Marburg-Biedenkopf. Früher als Kurort bekannt, kämpft die Gemeinde heute mit sinkenden Einwohnerzahlen.

Hier regiert Hessens jüngster Bürgermeister, Julian Schweitzer. 2017 wurde er in einer Stichwahl mit rund 60 Prozent der Stimmen gewählt, seit 2018 ist er im Amt.

Zu den weißen Sneakers trägt er Jeans, Hemd und Sakko. Kurz geschorene Haare, dazu einen kurz getrimmten Vollbart. Der Bürgermeister wirkt jugendlich. Aber sein Auftreten macht klar: Er ist kein Rebell, sondern ein ernstzunehmender Politiker.

Will er richtig feiern, muss er weiter wegfahren

Der seriöse Auftritt gehöre zu seiner Rolle, sagt Schweitzer. Viele Bad Endbacher erwarteten, dass der Bürgermeister Hemd und Sakko trage. "Manchmal laufe ich im Poloshirt rum, aber dann ist es tatsächlich so, dass die Leute mich nicht erkennen."

Das habe den Vorteil, dass er so das Berufliche besser vom Privaten trennen könne, erzählt Schweitzer lachend: "Wenn ich auf ein Dorffest gehe und kein Sakko anhabe, dann wissen die Leute, dass ich privat da bin. Und dann sprechen sie mich auch weniger auf dienstliche Themen an."

Ein bisschen jugendlichen Leichtsinn beim Feiern erlaubt sich Schweitzer aber auch als Bürgermeister. Nur: "Wenn ich die Sau rauslassen möchte, muss ich ein paar Kilometer weiter fahren."

Lebenserfahrung auch mit 28

Dass ihn jemand wegen seines Alters nicht ernst nehme, komme so gut wie nie vor, sagt Julian Schweitzer. Manchmal werde er gefragt, ob er genug Lebenserfahrung für das Amt habe. "Wenn man nachfragt, was die Leute damit meinen, kommt so etwas wie: Man müsste eine Familie gegründet und ein Haus gebaut haben, Kinder haben."

Das könne er zwar alles nicht vorweisen. Er habe aber in seiner Arbeit als Sozialpädagoge in der Kinder- und Jugendhilfe schon früh Verantwortung übernommen. "Ich musste mich alleine mit acht Kindern und Jugendlichen beschäftigen. Der jüngste war drei, die älteste war meistens 17, 18. Das ist auch ein Stück Lebenserfahrung, die mancher 55-Jährige nicht hat", sagt Schweitzer selbstbewusst.

Julian Schweitzer, Bürgermeister von Bad Endbach

Julian Schweitzers Lebenslauf liest sich nicht unbedingt typisch für einen Politiker: Nach Realschulabschluss, Fachabitur und einer Ausbildung im Bereich Informatik wechselte er die Branche. Er studierte im sächsischen Mittweida Sozialpädagogik und kam zurück in den Kreis Marburg-Biedenkopf, wo er in der Kinder- und Jugendhilfe arbeitete.

Verwurzelt im Dorfleben, das zahlt sich aus

Wie er erzählt, engagierte er sich schon als Teenager in seiner Heimatgemeinde Bad Endbach, unter anderem bei der Freiwilligen Feuerwehr. Wer nicht im Dorfleben verwurzelt sei, habe es in der Politik schwerer, schätzt Schweitzer: "Es ist hilfreich, wenn die Leute einen kennen und wenn man selbst die Leute kennt. Auf den Dörfern ist es sehr wichtig, dass man sich in ehrenamtliche Strukturen einbindet."

So habe er auch angefangen, sich in der SPD im Ort stärker einzubringen, und sei schließlich bei der Kommunalwahl angetreten. Und irgendwann habe man ihn dann gefragt, ob er nicht Bürgermeister werden wolle.

Ansprechpartner dafür, was den Leuten auf den Nägeln brennt

Schweitzer sieht es als "Riesenchance", in seinem Alter schon Bürgermeister zu sein: "Ich hoffe, dass viele andere in dem Alter auch auf die Idee kommen zu kandidieren, weil sie merken: Ich muss nicht 20 Jahre lang Plakate kleben, ich kann auch früher in die erste Reihe gehen und Verantwortung übernehmen." Er sagt: "Ich darf beweisen, dass das Alter keine Rolle spielt."

Weitere Informationen

Jung.Macht.Politik

"Die Jugend von heute ist politikverdrossen!" Dieses Vorurteil hält sich hartnäckig. Dass es nicht stimmt, will der Podcast "Jung.Macht.Politik" von hr-iNFO beweisen. Alle zwei Wochen spricht Redakteurin Sandra Müller mit politisch aktiven jungen Menschen: vom Lobbyisten im Bundestag bis zur "Black Lives Matter"-Aktivistin.

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Dafür sei die Kommunalpolitik ideal, findet Schweitzer: "Das meiste politische Geschehen passiert auf kommunaler Ebene: alles zu Kindergarten, Straßen, Infrastruktur, Internet. All diese Themen, die die Leute sehr direkt angehen, werden auf kommunaler Ebene mitbestimmt und mitgestaltet."

Er will junge Leute für die Provinz und die Politik begeistern

Schweitzers großes Thema ist es, junge Menschen für das Leben auf dem Land zu begeistern. Er selbst ist nach seinem Studium in Sachsen zurückgekommen - er wünscht sich, dass auch andere junge Menschen die Vorteile des Landlebens entdecken.

Als Bürgermeister will Julian Schweitzer mehr Wohnraum für junge Familien in Bad Endbach schaffen, eine bessere Internetanbindung. Marburg, Wetzlar und Dillenburg lägen nur jeweils 15 Autominuten entfernt, sagt er. Außerdem hält er es für erstrebenswert, den Nachwuchs mehr an der Politik zu beteiligen. Deshalb installierte er in seiner Amtszeit ein Kinder- und Jugendparlament in seiner Gemeinde.

Ob er nochmal kandidiert? Wer weiß

Julian Schweitzer sieht sein Bürgermeisteramt nicht unbedingt als Sprungbrett für eine größere politische Karriere. Nach knapp der Hälfte seiner sechsjährigen Amtszeit will er sich noch nicht festlegen, ob er beim nächsten Mal wieder zur Wahl antritt.

Auf dem Weg zurück von der Anhöhe mit Aussichtsturm zurück ins Dorf sagt der 28-Jährige: "Ich bin in das Amt reingekommen mit der Vorstellung: Ich mach' das jetzt mal und gucke, ob es mir und den Leuten gefällt. Wenn's nicht klappt, arbeite ich wieder als Sozialpädagoge. Ich kann ja jederzeit wieder einsteigen."

Sendung: hr-iNFO, Jung.Macht.Politik, 10.09.2020, 20.35 Uhr