SPD-Chefin Nancy Faeser steht vor großen Herausforderungen.

Der donnernde Applaus kann einen gewisse Ernüchterung nicht überspielen: Bei der Wahl zur neuen SPD-Vorsitzenden erzielte Nancy Faeser kein Traumergebnis, findet hr-Studio-Chefin Ute Wellstein.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Nancy Faeser: "Ein sehr ehrliches Ergebnis"

Faeser und Schäfer-Gümbel
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Donnernder Applaus, anerkennende Pfiffe, rhythmisches Klatschen: Es ging munter zu, als am Samstag beim SPD-Parteitag in Baunatal (Kassel) das Ergebnis der Vorsitzenden-Wahl bekannt gegeben wurde. Doch all das konnte eine gewisse Ernüchterung nicht gänzlich überspielen: 88,8 Prozent Zustimmung für Nancy Faeser als hessische SPD-Parteichefin sind kein Traumergebnis.

Der ehemalige Ministerpräsident Hans Eichel wagte anschließend trotzdem zu träumen und wünschte sich Faeser als erste Frau als Ministerpräsidentin in die Staatskanzlei in Wiesbaden. Doch das solide, aber nicht glanzvolle Wahlergebnis macht der ersten Frau an der Spitze der hessischen SPD klar, dass sie noch viel Arbeit vor sich hat.

Faeser droht mit Untersuchungsausschuss

Dass sie inhaltlich durchaus dafür gerüstet ist, zeigte ihre Rede. Sie warf der grünen Verbraucherschutzministerin Priska Hinz Versagen im Skandal um bakterienverseuchte Wurst der Firma Wilke vor. "Da, wo sich die Grünen für besonders kompetent halten, sind sie besonders dilettantisch." Sie forderte einen hessischen Mindestlohn von 13 Euro - für alle Landesbediensteten und für die Mitarbeiter von Firmen, die im Auftrag des Landes arbeiten.

Und sie griff Innenminister Peter Beuth (CDU) scharf wegen seines zögerlichen Umgangs mit der Aufklärung rechtsextremistischer Straftaten an. "Wenn ein Innenminister sich so verhält, bleibt uns nichts anderes übrig, als einen Untersuchungsausschuss ins Leben zu rufen." Den stärksten Applaus bekam sie, als sie zum Kampf gegen Rechtsextremismus aufrief und dafür den Schriftsteller Erich Kästner zitierte: "Man darf nicht warten, bis aus dem Schneeball eine Lawine geworden ist. Man muss den rollenden Schneeball zertreten."

Als Generalsekretärin mitverantwortlich für die Lage der Partei

Der scheidende SPD-Vorsitzende Thorsten Schäfer-Gümbel hatte zuvor Faeser mit warmen Worten als seine Nachfolgerin empfohlen: Sie strahle Empathie und Zuversicht aus, sei eine "Menschensammlerin".  Warum sich die 330 Delegierten trotzdem nicht noch deutlicher hinter Faeser gestellt haben? Womöglich wollte man ihr keine Vorschusslorbeeren geben, weil sie als Generalsekretärin auch bislang schon in der Spitze der Partei tätig war und damit für die Lage der Partei verantwortlich gemacht wird.

Auch im dritten Anlauf hatte es Schäfer-Gümbel im vergangenen Jahr nicht geschafft, die SPD in die hessische Landesregierung zu bringen. Er hatte daraufhin seinen Abschied aus der Politik beschlossen. 

Auftrag des Vorgängers: Wahlen gewinnen

Mit dem heutigen Tag hat er nun alle maßgeblichen politischen Ämter abgegeben - nach dem Fraktionsvorsitz und dem kommissarischen Vorsitz der Bundespartei nun auch den Posten als hessischer SPD-Chef. Am Ende seiner Rede brach ihm die Stimme. "Es war mir eine Ehre, Euer Vorsitzender sein zu dürfen", sagte Schäfer-Gümbel, sichtbar mit den Tränen kämpfend.

Der Abschied nach "3.899 Tagen im Amt" als hessischer SPD-Vorsitzender fiel ihm sichtbar schwer. Der Mann, dem häufig vorgeworfen worden war, er sei verkopft und zu wenig emotional, zeigte Gefühl - ganz zum Schluss.

Seiner Nachfolgerin Faeser - Vorsitzende des Eintracht-Frankfurt-Fanclubs im Landtag - schenkte er zwei Fahnen von der Choreographie der Eintracht-Ultras. Sie stünden für Leidenschaft, Einsatz bis zur Schmerzgrenze und den unbändigen Willen zum Sieg - das sei auch ein gutes Rezept, Wahlen zu gewinnen. Ein klarer Auftrag für die neue SPD-Chefin.