Waschbär am Hochhaus
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Schonzeit eingeführt, verteidigt, abgeschafft: Mit einer Wende bei der Waschbären-Jagd verärgern die Grünen als Regierungspartei hessische Tierfreunde. Die Tierschutzbeauftragte des Landes reagiert etwas verständnisvoller. Und die Jäger? Sind nicht ganz zufrieden.

Auch wenn man die Zahl der Mandate und die der Minister verdoppelt: Koalitionsverhandlungen sind kein Wunschkonzert. Mit dem 196-seitigen Vertrag, der vom 18. Januar an die Koalition von CDU und Grünen in Hessen regeln soll, haben sich die Grünen durch einen Kompromiss den Ärger von Tierschützern zugezogen.

"Die Schonzeit für Jungwaschbären wollen wir aufheben, damit sie ganzjährig bejagt werden dürfen", lautet der Satz des Anstoßes.

Von einem "Schlag ins Gesicht der Wähler", "Täuschung" und einer "Rolle rückwärts" spricht zum Beispiel der mittelhessische Tierschutzverein "TierfreundLich". Die Verbalattacke gegen die Grünen ist auf der Onlineseite der Organisation "Wildtierschutz Deutschland" nachzulesen, die sich für eine generelle Abschaffung der "grausamen Hobbyjagd" einsetzt.

Eingeführt, verteidigt, abgeschafft

Hintergrund für die harschen Vorwürfe: Die jährlich von Anfang März bis Ende Juli geltende Schonfrist für Waschbären, die nun abgeschafft werden soll, war von der grünen Umweltministerin Priska Hinz per Verordnung erst vor drei Jahren eingeführt worden - gegen erbitterten Widerstand des Landesjagdverbandes. Und als die Oppositionsfraktionen von SPD und FDP diese Schonzeit im Landtag kippen wollten, weil die Waschbären in Wäldern und Städten eine Plage sind, blitzten sie bei Hinz und der schwarz-grünen Mehrheit ab.

Mehr noch: In einem Fragenkatalog zur Landtagswahl im vergangenen Herbst antworteten die Grünen laut "Wildtierschutz Deutschland", hinsichtlich der "Verbesserungen bei den Jagd- und Schonzeiten“ dürfe es in Hessen kein Zurück geben. Die Schonzeiten sollten sogar "mit Blick auf andere Tierarten weiterentwickelt werden".

Aus der Landtagsfraktion heißt es dazu nun, es sei Aufgabe, den Waschbären "als invasive Art in seiner weiteren Ausbreitung einzudämmen". Doch eine Sprecherin der Grünen räumt ein: "Die Schonzeit von Jungwaschbären aufzuheben, war eine schwierige Abwägung."

Kritik gepaart mit Verständnis

Kritisch sieht auch die Landestierschutzbeauftragte Madeleine Martin diese Wende. Sie bewertet die bevorstehende ganzjährige Waschbär-Bejagung als "schlecht für den Tierschutz" - aus denselben Gründen, die bisher auch von den Grünen angeführt wurden: "Die Jagdfunktionäre haben immer die gleiche Antwort: Wir schießen mehr. Aber das ist wirkungslos, andernfalls müssten wir über die Waschbärenpopulation nicht mehr reden." In der Saison 2017/2018 sind hessenweit rund 28.000 Waschbären erlegt worden, ein Jahrzehnt zuvor waren es 7.800.

So hart wie andere Tierschützer geht Martin mit den Grünen aber nicht ins Gericht. Man müsse das realistisch sehen: "Koalitonsvereinbarungen sind ein Geben und Nehmen."

Dieser Lesart zufolge hat sich die CDU bei der Ausweitung der Waschbärenjagd zwar mit einer Gabe an den Landesjagdverband durchgesetzt. Dafür enthalte die Koalitionsvereinbarung aber auch "tolle Punkte" wie das Verbot der Jagd mit Totschlagfallen zum Beispiel, das Verbot des ganzjährigen Anleinens von Rindern oder der zusätzlichen finanziellen Förderung von Tierheimen.

Jäger wünschen mehr

Geteilt fällt auch das Echo des Landesjagdverbandes über die Absichten von Schwarz-Grün aus - wenn auch aus anderem Grund. "Mit der Schonzeit-Aufhebung für Waschbären sind wir zufrieden", sagt Verbandssprecher Markus Stifter. Seit langem beklagen die organisierten Jäger unter Hinweis auf Gebäudeschäden, die explosionsartige Vermehrung dieser Tiere sei nicht nur für bedrohte Vogelarten eine Katastrophe.

Ein Ende der saisonalen Schonung wünschen sich die Jäger aber auch im Fall der Füchse. Deren Anzahl habe sich im vergangenen Jahrzehnt verdreifacht, weil natürliche Feinde fehlten und die Tollwut nicht mehr auftrete.

Für Füchse gilt aber, was bisher auch den Waschbären half: Sie dürfen nur ausnahmsweise und in solchen Gegenden das ganze Jahr gejagt werden, wo sie offiziell zur Gefahr für das Vorkommen anderer Arten erklärt werden. Weil das auch noch wissenschaftlich kontrolliert werden müsse, sagt Stifter: "Faktisch schränkt das die Jagd aus ideologischen Gründen wieder ein."

Urteil steht aus

Der Streit ums Jagdrecht wird die schwarz-grüne Landesregierung aber noch aus einem anderen Grund weiter beschäftigen: Noch immer steht ein Urteil des Hessischen Staatsgerichtshofs über die Jagdverordnung aus, in der Umweltministerin Hinz unter anderem die nun wieder vor dem Aus stehende Schonzeit für Waschbären eingeführt hatte.

Die FDP erhob bereits 2016 Klage, weil Hinz mit der Regelung ihrer Meinung nach zu sehr in die Rechte der Jäger eingegriffen und obendrein den Landtag übergangen habe. Nach langem Hin und Her könnte dieses Jahr eine Entscheidung fallen.

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Invasiv und schwindelfrei

Die EU hat den Waschbären seit 2016 als invasiver Art den Kampf angesagt. Die Tiere haben sich in den 1930er-Jahren hierzulande ausgebreitet - mit einer Handvoll ausgesetzter Exemplare fing es in Nordhessen an. Die nachtaktiven Allesfresser standen sogar lange unter Naturschutz. Inzwischen fühlen sie sich auch in Städten wohl. Vergangenes Jahr wurde ein Exemplar in den USA berühmt: Es war an einer Hochhausfassade bis zum 20. Stock geklettert.

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