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An einem Tisch stehen zwei Personen: eine steckt einen Zettel in eine  Wahlurne aus Karton, eine andere steht daneben und schaut zu. Auf den Tisch liegen viele Papiere.

Wen würden Kinder und Jugendliche bei der Bundestagswahl wählen, wenn sie dürften? Bei der U18-Wahl haben sie abgestimmt - zumindest symbolisch. Zwei Parteien waren in Hessen besonders beliebt.

Es sieht fast alles so aus wie bei den Großen: Ein langer Tisch mit klein beschriebenen Wahlzetteln darauf, daneben eine graue Wahlkabine. Dennoch ist etwas anders in der Mensa der Gesamtschule Niederwalgern (Marburg-Biedenkopf): Die Wahlhelfer bei der symbolischen U18-Wahl erklären den Schülerinnen und Schülern erst einmal genau, was zu tun ist.

"Jeder bitte nur einen Zettel!", ruft ein Wahlhelfer zur Ordnung. Eine Gruppe Sechstklässler ist da. Viele sind aufgeregt. "Und immer nur einer in die Kabine!" Ungeduldig warten die Schülerinnen und Schüler in einer langen Reihe. Sie kichern und tauschen sich lautstark über die Wahlzettel aus.

"Ich hab die Tierschutzpartei genommen, weil ich will, dass es mehr Katzen auf der Welt gibt", erzählt ein Elfjähriger, nachdem er seinen Zettel in die Holzbox gesteckt hat.

Zwei andere Sechstklässler diskutieren über die Grünen. "Mir hat mal jemand gesagt, dass die Grünen die Umwelt zerstören", meint einer. Er würde deshalb lieber CDU wählen. Sein Mitschüler widerspricht: "Der Name sagt doch schon was über die Natur: Alle Pflanzen sind zum Teil grün."

Klimawandel, Rassismus, Afghanistan

Das Interesse in der Gesamtschule ist groß, berichtet Wahlhelfer Holger Marks. In der ersten Pause seien auf einen Schwung 70 Schülerinnen und Schüler gekommen. "Es gibt sicher auch welche, die das nur aus Spaß machen", meint Marks. "Aber man merkt auch bei vielen, dass das für sie sehr ernst ist und sie sich im Vorfeld schon Gedanken gemacht haben."

Gerade die Älteren haben zum Teil eine recht genaue Vorstellung davon, was ihnen für Deutschland und ihre Zukunft wichtig ist. Einige haben vorher mit ihren Eltern gesprochen, erzählen sie. Andere informieren sich noch vor Ort an der Mensawand an einem Info-Plakat zu den Parteien.

Klimawandel finden viele ein wichtiges Thema. Einige betonen außerdem, dass sich die Politik ihrer Meinung nach für mehr Gerechtigkeit und stärker gegen Rassismus einsetzen sollte.

Dem Neuntklässler David ist neben dem Klimawandel momentan auch noch Afghanistan sehr wichtig. "Die Menschen, die jetzt aus Afghanistan flüchten, brauchen ja jetzt ein Zuhause", meint er. "Ich finde es sehr wichtig, dass Deutschland sagt: Wir nehmen diese Leute auf." David weiß schon genau, wen er wählen will. "Ich habe mir schon zuhause Youtube-Videos von 'MrWissen2go' zu den Wahlprogrammen angeguckt."

Knappes Ergebnis mit Tendenz nach links

Bundesweit haben vergangene Woche in ganz Deutschland rund 261.209 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren ihre symbolische Zweitstimme für die Bundestagswahl abgegeben. In Hessen gab es 89 Wahllokale, zum Beispiel im Darmstädter Jugendzentrum Go-In, im Frankfurter Schülercafé Orca oder der Stadtbücherei Bad Orb (Main-Kinzig). In Kassel war sogar in mobiler Wahl-Bus unterwegs.

Nun steht das Endergebnis fest: Während CDU die symbolische Wahl 2017 mit großem Vorsprung gewonnen hat, ist die Wahl dieses Jahr ein Kopf-an-Kopf-Rennen, jedoch mit einer Tendenz nach links: Bundesweit gewinnen die Grünen (21,0 Prozent) knapp vor SPD (19,2 Prozent) und CDU (16,9 Prozent).

In Hessen wurden 8.880 Stimmen gezählt. Das Ergebnis weicht leicht vom bundesweiten ab: Die Grünen liegen mit 22,6 Prozent noch knapper vor der SPD (21,2 Prozent). CDU (14,6 Prozent) und FDP (14,4 Prozent) sind beinahe gleichauf. Die Linke holte 7,3 Prozent der Stimmen. Und ginge es nach der hessischen U18-Wahl, würde es die AfD nicht über die Fünf-Prozent-Hürde schaffen, dafür aber die Tierschutzpartei.

Diagramm Parteienanteil bei U-18 Wählern

Sich informieren und Gehör verschaffen

Die U18-Wahl gibt es seit 1996, zunächst nur in einem Wahllokal in einem Berliner Jugendclub. Inzwischen wird sie von verschiedenen Kinder- und Jugendorganisationen und Verbänden gemeinsam organisiert, auch vom hessischen Jugendring. Der Vorsitzende Mario Machalett freut sich, dass die Beteiligung in Hessen von Jahr zu Jahr steigt.

"U18 bietet Kindern und Jugendlichen einerseits die Möglichkeit, sich zu informieren und sich andererseits politisch Gehör zu verschaffen", so Machalett. Außerdem sei die U18-Wahl ein pädagogisches Format, um Jugendliche ganz praktisch ans Wählen heranführen.

"So dass die vielleicht beim nächsten Mal zur Wahl gehen und dann wissen, wie das funktioniert." Auch von den rund 22.000 Erstwählerinnen und Erstwählern bei der aktuellen Bundestagswahl könnten nun einige bereits auf ihre Erfahrungen von vergangenen U18-Wahlen zurückgreifen.

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Schon ab 16 wählen?

Verschiedene Jugendorganisationen wie der hessische Jugendring fordern schon seit Jahren eine Senkung des Wahlalters auf 16 Jahre. Bisher ist das nur in einigen Bundesländern bei Kommunal- und Landtagswahlen möglich. Im Bundestagswahlkampf ist diese Diskussion neu aufgeflammt. SPD, Grüne, Linkspartei und FDP fordern eine bundesweite Senkung des Wahlalters. Dafür wäre eine Grundgesetzänderung nötig. CDU und AfD halten daran fest, dass das Wahlrecht an die Volljährigkeit gekoppelt ist.

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"Wenn man die Jugendlichen ausschließt, vergibt man sich eine Riesenchance"

Für den Kasseler Politikprofessor Wolfgang Schroeder spricht viel dafür, das Wahlalter zu senken. "Wir wollen eine aktive Bürgergesellschaft, in der Menschen ihre Rechte und ihre Verantwortung wahrnehmen", sagt er. Durch ein niedrigeres Wahlalter könne man das früher einüben.

"Wenn man die Jugendlichen ausschließt, vergibt man sich eine Riesenchance im Sinne der Partizipation." Bei den symbolischen U18-Wahlen sei immer wieder erstaunlich, wie "ernsthaft und profund" Jugendliche da herangehen.

Zudem spricht laut Schroeder etwa dafür, dass es sich um ein Bürgerrecht handelt und Jugendliche und Kinder von vielen Entscheidungen der Parlamente betroffen sind. Auch für andere Themen gebe es Altersgrenzen abseits der Volljährigkeit, etwa den Führerschein oder die Religionsmündigkeit, so Schroeder.

Der Politikwissenschaftler sagt: Parteien seien im Blick auf mögliche Wahlergebnisse sehr unterschiedlich betroffen von der Absenkung des Wahlalters. "Parteien, die hier schlecht abschneiden, sind nicht unbedingt sehr motiviert, diesen Schritt zu gehen." Jedoch müsse man dabei im Blick haben, dass die Verschiebung möglicherweise gar nicht besonders groß wäre. Die Geburtenjahrgänge, um die es gehe, seien deutlich schwächer als etwa die der 60er-Jahre.

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Hände einer Schülerin, die einen Wahlzettel hält
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Ihre Kommentare Sollten auch Unter-18-Jährige bei Bundestagswahlen abstimmen dürfen?

52 Kommentare

  • Also mal grundsätzlich für alle: Wenn Wahlen etwas änderten, wären sie schon lange verboten. (Kurt Tucholsky)

    Davon abgesehen: Natürlich gehört zum Wahlrecht - ungeachtet der grundgesetzlichen Prämisse - eine gewisse Reife und BILDUNG, die wahrscheinlich den Vätern und Müttern des Grundgesetzes als gegeben erschien. Zeiten ändern sich. Heute fehlt sowohl Reife, als auch Bildung in allen Altersschichten. Damit sind aber m. E. sowohl Menschen mit gesetzlichem Wahlrecht, als auch solche ohne für ein Wahlrecht ungeeignet.

    Ganz grundsätzlich wäre dabei doch für jeden zur Erlangung des Wahlrechts eine "Führerscheinprüfung" sehr sinnvoll. Das Alter sollte dabei keine Rolle spielen. Es gibt 14-jährige, die diese mit Bravour bestünden, aber 30-, 40, oder 80-jährige Menschen, die kläglich versagten. Warum sollen solche Personen über das Wohl und Wehe der Gesellschaft entscheiden dürfen? Nur, weil sie irgendein Alter haben?

  • Als Partei der Humanisten setzen wir uns aktiv für das Wahlrecht ab 16 Jahren ein.

    https://www.diehumanisten.de/programm/#Demokratie

    Ich halte Jugendlich diesen Alters für absolut fähig, langfristige und nachhaltige Entscheidungen zu treffen. Es geht um deren Zukunft, es ist nur fair, sie daran aktiv zu beteiligen - mit Rechten und Pflichten.

  • Ja, unbedingt. Und zwar unabhängig davon, welche Parteien sie vorziehen.

    Wer mit 14 Jahren strafmündig ist, sollte auch wahlfähig sein.

    Die Ergebnisse bringen mich zum Schmunzeln: junge Menschen scheinen offenbar "reifer" zu sein als manche Erwachsene. Von denen haben viele nur noch ihre EIGENEN Interessen im Sinn - und das große Ganze interessiert sie wenig.

    Wie sang Herbert Grönemeyer schon in den 1980er Jahren: "Kinder an die Macht". Mein Vorschlag: nicht alleine, aber mit ordentlichen Mitwirkungsoptionen.

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