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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Kommentar: "Besonnenheit ist kein Selbstzweck"

Volker Bouffier

"Hessen bleibt besonnen" ist die Losung der Landesregierung in der Pandemie-Bekämpfung. Klingt gut. Aber im Schlepptau der Besonnenheit kamen auch Trägheit, lähmende Risikoscheu und jetzt eine ganze eigene, für Schulen verwirrende Auslegung der Bundesnotbremse.

"Hessen bleibt besonnen" ist die Losung, die Hessens Landesregierung seit Pandemiebeginn propagiert. Der Slogan klebt auf jedem Rednerpult, ziert jede Mail der Regierung. Das klingt gut, denn ist Besonnenheit nicht genau das Richtige in Krisen-Zeiten? Andere mögen hektisch werden, sinnlose Testreihen auf Autobahnen veranstalten oder ganze Landkreise lahmlegen. Nicht so in Hessen, denn dort regiert Volker Bouffier.

Bouffier als sturmerprobter Kapitän

Bouffier gibt gern den sturmerprobten Kapitän, der auch bei rauer See die Nerven behält. Zum Beispiel an Weihnachten, als sich Bouffier gegen allzu harte Beschränkungen aussprach. "Wir bauen darauf, dass die Menschen sich vernünftig verhalten", waren seine Worte. Das fand ich gut, denn anders als von vielen prophezeit, erwies sich das Weihnachtsfest nicht als zusätzlicher Brandbeschleuniger fürs Infektionsgeschehen. Die Menschen blieben besonnen, Bouffier lag genau richtig.

Doch Besonnenheit kommt oft in Begleitung. Oft hat sie die Trägheit im Schlepptau. Hessen reagiert oft träge. So war es beim Sterben in den Altenheimen. Über 3.000 Bewohner starben an oder mit dem Virus, prozentual viel mehr als etwa im Nachbarland Rheinland-Pfalz. Jenseits des Rheins tat die Regierung mehr für den Schutz der Bewohner – und vor allem: früher. Die Testpflicht für Besucher wurde in Hessen erst nach Weihnachten eingeführt. Viel zu spät.

Besonnenheit vor Bundesgesetz?

Manchmal wird die hessische Besonnenheit auch zu lähmender Risikoscheu. Beim Impfen zum Beispiel. Hessen hat immer tausende Impfdosen für die Zweitimpfung zurückgehalten, manchmal mehr als vorgeschrieben. Aus Angst, die Lieferungen könnten plötzlich ausbleiben. Als dann mehr und mehr Impfstoff kam, brauchte Hessen lang, um den Motor hochzufahren. Andere Bundesländer verimpften, was ging, und das besonnene Hessen liegt im Ranking weit hinten.

Und jetzt die Bundesnotbremse. Die soll in Hessens Schulen und Kitas erst mit Verzögerung greifen, es brauche Zeit zur Vorbereitung. Bouffier verkündete das auf einer Pressekonferenz, im Stile eines Besonnen-Königs. Nanu? Im Bundesgesetz steht gar nichts von einem Extra-Vorlauf. Gilt in Hessen: Besonnenheit vor Bundesgesetz? Die Stadt Frankfurt ergriff die Chance sofort: Prima, noch eine Woche Luft! Aber Besonnenheit ist kein Selbstzweck. Die Regeln, die demokratisch beschlossen werden, gelten für alle. Auch in Hessen.

 

Sendung: hr-iNFO, 25.04.2021, 16.10 Uhr