Rechtextremismus: Philip Stein und Thorben Braga

Am Samstag wollen sich führende Köpfe der "Neuen Rechten" in Marburg zu einer Konferenz treffen. Getagt wird bei der völkischen Burschenschaft "Germania". Tagungsort und Programm geben Einblicke in die Vernetzungsstragie der Akteure.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Demo gegen Rechts am Samstag in Marburg

Schloss in Marburg
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Wenn sich am Samstag Vertreter der "Neuen Rechten" in Marburg zur Konferenz "Junges Europa" treffen, dürfte die Öffentlichkeit größtenteils außen vor bleiben. Die Organisatoren werden selbst steuern wollen, welche Bilder ihrer Veranstaltung kursieren und welche nicht, welche Inhalte vorerst intern bleiben und welche breit gestreut werden.

Ankünding der "Junges Europa" Konferenz in Marburg

Ein klandestines Treffen ist es nicht, aber doch eines, bei dem die "Neue Rechte" und ihre Sympathisanten lieber unter sich bleiben. Doch schon die Ankündigung erlaubt Einblicke in die organisatorische Vernetzung zwischen Burschenschaftern, neurechten Organisationen und Teilen der AfD.

Die Veranstaltung

Es ist bereits das zweite Mal, dass die Neurechten zu einer Konferenz unter dem Titel "Junges Europa" nach Marburg mobilisieren. Im November 2018 versammelten sich rund 150 rechte Politiker und Aktivisten, um unter anderen Alain de Benoist zu hören. Der 75-jährige Franzose gilt nach wie vor als wichtigster Vordenker der "Neuen Rechten", deren Selbstbezeichnung von ihm bereits in den 70er Jahren geprägt wurde.

Heinrich Mahling - Regionalleiter Identitäre

Zu den Gästen gehörten zahlreiche bekannte Anhänger der als rechtsextremistisch eingestuften und vom Verfassungsschutz beobachteten Identitären Bewegung - darunter ihr hessischer Regionalleiter Heinrich Mahling, der zuvor selbst in der Burschenschaft Germania Marburg aktiv war. Ebenfalls dokumentiert ist die Teilnahme von Patrick Pana, seit Januar 2019 einer von zwei stellvertretenden Landesvorsitzenden der AfD-Jugendorganisation "Junge Alternative".

Ebenfalls anwesend waren Mitglieder der neonazistischen Kleinpartei "Der III.Weg" sowie Vertreter des neurechten "Instituts für Staatspolitik" von Götz Kubitschek. Kurz gesagt: Ein Querschnitt der extremen Rechten in Deutschland.

Der Ort

Startbild Video Burschenschaft

Bereits seit Jahrzehnten kommt Beobachtern zufolge der völkischen Marburger Burschenschaft Germania eine wichtige Scharnierfunktion zwischen rechtsextremen Parteien, außerparlamentarischem Rechtsextremismus und dem akademischen Milieu zu.

Die Burschenschaft Germania gehört dem Kooperationsverband "Deutsche Burschenschaft" an. Die dort organisierten Studentenverbindungen nehmen nur "Deutsche" als Mitglieder auf, wobei ein "volkstumsbezogener Vaterlandsbegriff" zugrunde gelegt wird. Soll heißen: Deutsche Staatsbürger mit Migrationshintergrund können nicht Mitglied werden, österreichische Staatsbürger ohne Migrationshintergrund schon.

In der Vergangenheit waren Burschenschafter der Germania in verschiedenen rechtsextremen Zusammenhängen aufgefallen. Vereinzelt verschlug es "Germanen" auch zur verfassungsfeindlichen NPD. Ihr ist mit dem Aufkommen der AfD am rechten Rand allerdings starke politische Konkurrenz erwachsen.

Die AfD-Connection

So haben mehrere "Germanen" in den vergangenen Jahren Anstellungen bei verschiedenen Fraktionen der AfD oder in AfD-nahen Organisationen gefunden. Prominentestes Beispiel: Der Sprecher der AfD-Landtagsfraktion in Thüringen um Björn Höcke, Thorben Braga. In dem Anfang 2019 bekannt gewordenen Verfassungsschutzgutachten zu einer möglichen Überwachung der AfD wird die Verbindung zur "Germania Marburg" thematisiert.

Braga fungierte auch als Sprecher der "Deutschen Burschenschaft". Sein Nachfolger in diesem Amt ist ein weiterer prominenter "Germane": Philip Stein, der zugleich als Leiter des neurechten Kampagnennetzwerks "Ein Prozent für unser Land" auftritt.

Björn Höcke und Torben Braga

Die Entscheidung für ein Burschenschaftshaus als Tagungsort hat indes neben ideologischen auch ganz praktische Hintergründe. Die Wahrscheinlichkeit, dass Burschenschaften geplante Veranstaltungen kurzfristig absagen, geht gegen Null. "Wir beobachten, dass Burschenschaftshäuser sich schon seit Längerem zu Treff- und Vernetzungspunkten der extremen Rechten entwickeln", sagt Ina Pallinger vom Marburger Bündnis gegen Rechts. Das gelte insbesondere für das Germanenhaus in Marburg.

Die Redner

Auch am Samstag werden wieder drei Redner erwartet. Keiner von ihnen dürfte in der neurechten Szene oder darüber hinaus den Bekanntheitsgrad eines Alain de Benoist genießen. Unbekannt sind sie jedoch nicht:

Thor von Waldstein gehört seit Anfang der 80er Jahre zu umtriebigsten Publizisten der extremen Rechten in Deutschland. Der 59-jährige Jurist war von 1979 bis 1982 Vorsitzender des "Nationaldemokratischen Hochschulbundes" (NHB), anschließend Europawahl-Kandidat der NPD und stellvertretender Vorsitzender der NPD-Jugendorganisation "Junge Nationaldemokraten" (JN).

Als Anwalt eigentlich auf Schifffahrtsrecht spezialisiert, vertrat in den 1990er und 2000erJahren auch rechtsextreme Publizisten vor Gericht - darunter 1994 den amerikanischen Holocaust-Leugner Fred Leuchter. Daneben veröffentlichte von Waldstein Texte in zahlreichen rechten bis rechtsextremen Periodika und trat regelmäßig als Referent bei Veranstaltungen geschichtsrevisionistischer Vereine wie der Gesellschaft für freie Publizistik auf.

Inzwischen werden von Waldsteins Werke im Antaios-Verlag verlegt, der der rechten Denkfabrik "Institut für Staatspolitik" angeschlossen ist.

John Hoewer, Beisitzer im Landesvorstand der sachsen-anhaltischen Jungen Alternative und ehemaliger Fraktionsreferent der AfD im Magdeburger Landtag wird laut Ankündigung über "Die italienische Rechte" referieren. Ein Themenfeld, das Hoewer und die "Neue Rechte" in Deutschland nicht erst seit den Wahlerfolgen der "Lega" und Matteo Salvinis umtreibt.

2018 besuchte Hoewer eine Konferenz des studentischen Ablegers der "Casa Pound"-Bewegung in Rom, wie zahlreiche Bilder in den sozialen Netzwerken belegen. Die Anhänger der rechtsextremen italienischen Gruppierung bezeichnen sich selbt als "Faschisten des dritten Jahrtausends" und dienten unter anderem den "Identitären" als Vorbild. Hoewer begleitete seinerzeit einen der Redner auf der Konferenz: Philip Stein.

Diego Fusaro schließt thematisch den Kreis der Referenten. Der italienische Philosoph hat sich in den letzten Jahren in seinem Heimatland einen Namen als "unangepasster" Theoretiker gemacht, der die klassische Unterscheidung zwischen Links und Rechts ablehnt. In italienischen Medien gilt Fusaro als Vordenker und Wegbereiter der inzwischen allerdings schon wieder zerbrochenen Allianz zwischen der Fünf-Sterne-Bewegung und der rechtsextremen "Lega". Sein bislang einziges auf Deutsch erschienenes Buch veröffentlichte der Frankfurter Westend-Verlag.

Die Organisatoren

Torben Braga und Philip Stein als Burschenschaftsvertreter

Auf den im Netz kursierenden Ankündigungen des Treffens sind das Wappen und der Schriftzug der "Germania" zu sehen. Damit scheint die Vermutung nahe zu liegen, dass die Burschenschaft selbst Ausrichter der Konferenz ist. Und ganz falsch scheint diese Annahme angesichts der personellen Überschneidungen mit anderen neurechten Akteuren auch nicht zu sein. Eine diesbezügliche Anfrage von hessenschau.de ließ die Burschenschaft unbeantwortet.

Auch der Titel der Veranstaltung deutet darauf hin, dass es sich um keine reine Burschenschaftsveranstaltung handelt. "Junges Europa" nämlich ist nicht nur der Titel eines Buches, an dem Philip Stein als Co-Autor mitgewirkt hat, sondern in abgewandelter Form auch der Name seines "Jungeuropa Verlags". Dieses Jahr präsentierte Stein sein Verlagsprogramm erstmals auf der Buchmesse in Frankfurt. Zwei Referenten der Veranstaltung - Thor von Waldstein und Diego Fusaro - sind auf der Seite des Verlags als Autoren gelistet.

Philip Stein selbst erklärt auf hessenschau.de-Anfrage, dass er die Konferenz lediglich bewerbe, weil dort Autoren seines Verlags auftreten. Ansonsten handele es sich um eine Veranstaltung der "Germania".

Die Bedeutung

Demonstration der neofaschistischen Casa Pound

Für Benno Hafeneger, Extremismusforscher an der Philipps-Universität Marburg, handelt es sich bei der "Jungeuropa-Konferenz" um ein "Vernetzungstreffen der neurechten Ideologieproduzenten". Gäste wie Referenten verstünden sich selbst als intellektuelle Avantgarde einer paneuropäischen "neurechten" Bewegung. Themen und Referenten stünden für die "Internationalisierung" der Zusammenarbeit der "Neuen Rechten".

Ein Schwerpunkt der Konferenz liegt offenkundig auf Italien, das der deutschen "Neuen Rechten" nicht erst seit den Wahlerfolgen eines Matteo Salvini in vielerlei Hinsicht als Vorbild dient. Die Identitäre Bewegung etwa lehnt sich in Aufbau, Sprache und Außendarstellung stark an die italienische Casa-Pound-Bewegung an.

Wie eng die Beziehung zur Casa Pound sind, zeigte sich im Frühjahr 2017. Seinerzeit lud der Hochschulableger der rechtsextremen Bewegung zu einer Europakonferenz nach Rom. Im Publikum fand sich auch John Hoewer, der am Samstag nun als Referent im "Germanenhaus" auftritt. Auch Philip Stein war bei der Konferenz der Casa Pound als Referent zugegen.

Der Gegenprotest

Demonstranten in Marburg

Gegen die erste Jungeuropa-Konferenz hatten im November 2018 rund 600 Menschen in Marburg demonstriert. Die Polizei sicherte seinerzeit den Zugang zum "Germanenhaus", um eine direkte Konfrontation zwischen Burschenschaftern und Gegendemonstranten zu vermeiden.

Auch für diesen Samstag sind wieder Proteste angekündigt. Das "Marburger Bündnis gegen Rechts" ruft zu einer Demonstration unter dem Motto ""Nazivillen dicht machen! Europa entnazifizieren, in Marburg anfangen!" auf. Die Auftaktkundgebung soll um 11 Uhr am Pferdebrunnen im Steinweg stattfinden. Das Bündnis rechnet mit rund 500 Teilnehmern.

Sendung: hr4, 25.10.2019, 12.30 Uhr