Willy-Brandt-Schule
Die Willy-Brandt-Schule ist ein Sanierungsfall. Bild © Rebekka Dieckmann

Dach, Fenster, Leitungen: Wer ein altes Gebäude saniert, fängt normalerweise beim Grundstock an und plant erst danach die neue Küchenzeile. Nicht so bei der Gießener Willy-Brandt-Schule. Hier droht nun eine Kostenexplosion – für Experten wenig überraschend.

Dass die größte Berufsschule des Kreises Gießen grundlegend saniert werden muss, sieht jeder Laie. Das Flachdach des Gebäudes ist stellenweise undicht, viele der großen roten Aluminium-Fenster lassen sich nicht mehr öffnen, und an der Fassade aus Sichtbeton hängt der Schmutz aus 37 Jahren Schulgeschichte.

Die Sanierung der Willy-Brandt-Schule ist für den Kreis ein Großprojekt, das seit Jahren politisch diskutiert wird. 8,7 Millionen Euro waren dafür eingeplant. Nach einer neuen Kostenschätzung  ist nun bekannt geworden: Der Umbau wird mit 17,6 Millionen Euro mehr als doppelt so teuer wie ursprünglich kalkuliert. Am 13. Mai befasst sich der Kreistag mit dem Thema, wie zunächst der Gießener Anzeiger berichtete.

"Es besteht die Gefahr, dass wir Wassereinbrüche haben"

Innen sind die Arbeiten schon im vollen Gange: In der neuen Lehrküche glänzen die Fliesen an den Wänden, an der Decke hängt bereits die neue Dunstabzugshaube. Ende des Monats soll hier gekocht werden. Die Sanierung von außen steht dagegen noch an - und verschlingt eine Menge Geld.

Die Kreisbeigeordnete und Baudezernentin Christiane Schmahl (Grüne) erklärt, dass man vier Millionen Euro für neue Fenster und die Dachsanierung ausgeben müsse. Das sei bisher nicht einkalkuliert gewesen. "Das war zwar schon 2013 mal angedacht, wurde dann aber aus Kostengründen gestrichen", sagt sie. Man habe Fenster und Dach durch Reparaturen in Stand halten wollen. "Jetzt besteht die Gefahr, dass wir Wassereinbrüche haben könnten."

Die andere Hälfte der Kostensteigerung erklärt Schmahl damit, dass man bei der genaueren Untersuchung der Kanäle und Leitungen festgestellt habe, dass alle technischen Gewerke erneuert werden müssten. "Außerdem sind in den letzten Jahren die Kosten im Baugewerbe allgemein gestiegen", so die Gießener Baudezernentin.

Gesamtprojekt aus den Augen verloren

"Das war keine Überraschung", sagt dazu ein Baufachmann, der an der Sanierung beteiligt ist, aber anonym bleiben möchte. "Dass das Dach, die Fenster und die Lüftung veraltet und marode sind, war von Anfang an bekannt." Das Gebäude ist Anfang der 80er Jahre gebaut worden. Der Fachmann sagt: "Hier gab es jahrelang einen Investitionsstau. Gebäudeteile haben durch Verschleiß nur eine gewisse Lebensdauer. Die ist jetzt überschritten worden." Für die Fenster gebe es etwa schon lange keine Ersatzteile mehr. Ins Flachdach seien schon Bäume hineingewachsen. Er vermutet: "Offenbar hat man im politischen Hin und Her das Gesamtprojekt aus den Augen verloren."

Dass der allgemein marode Zustand schon lange bekannt war, das bestätigt auch ein Lehrer, der ebenfalls nicht namentlich genannt werden möchte. Vor einem Klassenzimmer hänge eine Jalousie in unbeweglicher Position schräg vor dem Fenster - seit Jahren. "Wir leiden hier schon an Vitamin-D-Mangel", fügt er augenzwinkernd hinzu. Ihn störe vor allem, dass das Ganze so lange dauere und ständig der Plan geändert worden sei.

Einen neuen Anstrich benötigt die Berufsschule auch.
Einen neuen Anstrich benötigt die Berufsschule auch. Bild © Rebekka Dieckmann

Wäre ein Neubau besser gewesen?

Auch auf politischer Ebene gibt es Kritik an der Kostenkalkulation des Landkreises. Harald Scherer ist FDP-Fraktionsvorsitzender im Kreistag. Ihn stört vor allem eins: Es habe keine belastbaren Zahlen gegeben, als es im Kreistag um die Frage ging, ob das Schulgebäude überhaupt saniert oder lieber abgerissen werden soll. "Die Entscheidung  für einen Neubau an anderer Stelle wäre dann möglicherweise ganz anders ausgefallen", sagt Scherer. "Aber jetzt sind wir in der Verantwortung, immer mehr Geld nachzuschießen. Und keiner weiß, wo das Ende der Fahnenstange ist." Beispiele von immer weiter steigenden Baukosten bei öffentlichen Gebäuden gebe es schließlich genügend, fügt der FDP-Politiker hinzu.

Die Kreisbeigeordnete Christiane Schmahl ist weiterhin Meinung, dass die Sanierung die bessere Entscheidung gewesen sei. "Ein Neubau hätte 28 Millionen gekostet", sagt sie. "Das sind immerhin noch zehn Millionen mehr, als wir jetzt haben." Mit der aktuellen Kostensteigerung sei sie natürlich auch nicht zufrieden. Sie sei jetzt aber guter Dinge, dass keine weiteren Überraschungen drohen. "Natürlich kann man immer noch was finden, wenn man die Wände weiter aufmacht. Aber mehr technische Gewerke gibt es nicht, die kaputt sein könnten."

Sendung: hr4, 24.4.2019, 16.30 Uhr