Der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier mit einer Atemschutzmaske

Kriegsende vor 75 Jahren: Für Ministerpräsident Bouffier Anlass, in einem FAZ-Gastbeitrag eine Art Marshallplan für die Corona-geschädigte Wirtschaft Europas zu fordern. Kritiker werfen ihm einen unmöglichen Vergleich vor, sein Sprecher weist das kategorisch zurück.

Audiobeitrag

Audio

Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found die hessenschau in 100 Sekunden am Mittag

Logo der hessenschau in 100 Sekunden für Sprachassistenten
Ende des Audiobeitrags

Der 8. Mai 1945 markiert das Ende der Nazi-Herrschaft, ihres Terrors und des Zweiten Weltkriegs. Die am Vortag unterzeichnete bedingungslose Kapitulation aller deutschen Streitkräfte trat in Kraft. Daran hat der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) aus Anlass des 75. Jahrestag in einem Gastbeitrag in der FAZ erinnert.

Der Text stößt allerdings auf heftige Kritik, weil er mitten in der Corona-Pandemie Parallelen zwischen der damaligen und der aktuellen Lage zieht.

Eine zweite "Stunde Null"?

"Rauchende Ruinen, ausgebombte Häuserfronten und auf den Straßen heimatlose Menschen, deren leerer Blick von unvorstellbarem Leid zeugte", schreibt Bouffier gleich zum Beginn seines Gastbeitrags. Nachfolgend schildert er, wie der Nationalsozialismus erst andere Länder in Flammen und dann Deutschland selbst in Schutt und Asche legte.

Danach spricht Bouffier von der "Stunde Null" nach der Befreiung und kommt zur Corona-Pandemie: "Nach der 'Stunde Null' von 1945 befinden wir uns derzeit wieder in einer 'Stunde Null'. Um Menschenleben zu retten, musste das gesamte öffentliche Leben pausieren, musste die Wirtschaft vorübergehend stillstehen und unser ganzes Land für einen Moment innehalten", schreibt Bouffier. Und weiter: Wie damals könne auch in der heutigen "Stunde Null" ein chancenreicher Neuanfang liegen.

Damit zielt der Ministerpräsident auf ein großangelegtes Programm zur Wiederbelebung der Konjunktur. Wie in der Nachkriegszeit müsse auch eine Art europäischen Marshallplan geben. Das nach dem damaligen Außenminister benannten Wiederaufbauprogramm der USA hatte 1945 Westeuropa und vor allem Deutschland entscheidend geholfen - mit Krediten und der Lieferung von Rohstoffen, Lebensmitteln und Waren.

Historiker: "Geschichte nicht verstanden"

In den sozialen Medien finden sich unter dem Tweet der FAZ mit dem Text mittlerweile mehrere Hundert Kommentare, fast alle negativ und empört. Tenor der Kritiker: Bouffiers Vergleich sei geschichtsvergessen. Der hessische SPD-Generalsekretär Christoph Degen warf Bouffier vor, eine Gesundheits- und Wirtschaftskrise mit dem Grauen der Konzentrationslager und des Krieges gleichzusetzen. Der Vergleich sei nicht nur geschichtsvergessen, "sondern in jeder Hinsicht instinkt- und geschmacklos".

Auch Meron Mendel, Leiter der Frankfurter Bildungsstätte Anne Frank, sprach auf Twitter von einem "absurden Vergleich". "Die millionenfachen Opfer des Naziregimes sind nicht an einer Krankheit gestorben, sondern gezielt vernichtet worden. Der Hamburger Geschichtsprofessor Jürgen Zimmerer kommentierte: "Wer das Kriegsende 1945 mit der derzeitigen Situation gleichsetzend in Verbindung setzt, hat etwas in der Geschichte wirklich nicht verstanden."

„Volker Bouffier zum Kriegsende: Nach 75 Jahren wieder eine Stunde Null“ 👉Also wer das Kriegsende 1945 mit der derzeitigen Situation gleichsetzend in Verbindung setzt, hat etwas in der Geschichte wirklich nicht verstanden. https://t.co/VFDZPAMINl # via @faznet

[zum Tweet]

Auch der von Bouffier gewählte Begriff der "Stunde Null" ist strittig. Kritiker weisen ihn zurück, weil er "tonnenweise Kontinuitäten" verdecke, darauf weist beispielsweise der jüdische Blogger Chajm Guski in seiner Kritik Bouffiers hin.

Regierungssprecher: Nichts wird relativiert

Regierungssprecher Michael Bußer weist die erhobenen Vorwürfe kategorisch zurück. Auf Anfrage von hessenschau.de sagte er: "Wer den ganzen Text liest, dem fällt auf, dass Volker Bouffier auf gar keinen Fall und in irgendeiner Weise das Ende des Zweiten Weltkriegs und die Naziherrschaft relativiert."

Es sei dem Ministerpräsidenten erkennbar vor allem darum gegangen, den Wunsch nach Gemeinsamkeit in Europa angesichts der wirtschaftlichen Herausforderungen zu formulieren und dem Bedürfnis nach einer Art neuen Mashallplan für die Folgen der Corona-Krise Ausdruck zu verleihen.

Hinweis weggekürzt?

Das alles wäre nach Meinung Bußers noch deutlicher geworden, wenn die FAZ nicht eine Passage aus Bouffiers Text herausgekürzt hätte. Darin habe der Ministerpräsident explizit darauf hingewiesen, dass historische Vergleiche immer schwierig seien und die heutige Situation nur in den Grundzügen gewisse Gemeinsamkeiten trage. Tatsächlich ergänzte das Blatt am Abend mit dem Ausdruck des Bedauerns die Passage, wonach der Wiederaufstieg Deutschlands ohne die Maßnahmen des Marshallplans nicht möglich gewesen wäre, kursiv um den Satzteil: "Auch wenn historische Vergleiche hinken mögen...".

Wir haben die Reaktionen auf den Artikel in der @faznet verfolgt und möchten richtigstellen: Im Originaltext hatte MP #Bouffier auf die Problematik von historischen Vergleichen hingewiesen. Diesen entscheidenden Satz hat die Redaktion ohne Rücksprache gestrichen. Der MP betont:

[zum Tweet mit Bild]

Aber war der 8. Mai mit dem Ende des Terrors und des Völkermordes der Nazis der richtige Anlass für den Corona-Schwerpunkt im Text von Bouffier? Zumal der Marshallplan erst 1948 kam. Regierungssprecher Bußer sagte dazu: Das stimme, allerdings seien die Voraussetzungen für den Marshallplan schon im Nachgang des 8. Mai gelegt worden.

Sendung: hessenschau in 100 Sekunden, 08.05.2020, 12 Uhr