Kindergartenkinder stehen in einer Reihe eng zusammen

Auch im harten Lockdown bleiben Hessens Schulen und Kitas bis Freitag grundsätzlich offen - anders als vom Bund empfohlen. Eine halbgare Lösung, kritisiert die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. Die Verantwortung werde damit auf die Eltern abgeschoben, vor allem für Kitas sei vieles noch unklar.

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Das oberste Ziel zur Bekämpfung der Pandemie lautet nach wie vor: Kontakte auf ein Minimum reduzieren, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen. Während etwa Geschäfte und Friseure deswegen ab Mittwoch hessenweit schließen müssen, fallen die Einschränkungen für Schulen und Kitas in Hessen vergleichsweise milde aus: Sie bleiben grundsätzlich offen, anders als vom Bund empfohlen.

Am Montag und Dienstag soll sich in den Schulen erst einmal gar nichts ändern, wie Kultusminister Alexander Lorz (CDU) am Montag in einem Schreiben an alle Schulleiter und Lehrkräfte erklärte.

In den letzten drei Tagen vor den Weihnachtsferien wird dann die Präsenzpflicht aufgehoben: Schüler sollen ab Mittwoch, wenn möglich, zu Hause betreut werden. Geplante Prüfungen sollen in dieser Woche ausfallen - außer sie sind für den Schulabschluss im kommenden Jahr unaufschiebbar. Sonst ändert sich nichts.

Gewerkschaft: Verantwortung weitergeschoben

Mit diesen Beschlüssen sei die Entscheidung, ob man die Kinder in die Schule schicke, an die Eltern weitergeschoben worden, kritisierte die Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Hessen, Maike Wiedwald. Die bessere Lösung wäre aus ihrer Sicht, die Schulen zu schließen und für diejenigen, die es brauchen, eine Notbetreuung anzubieten, sagte sie im Interview mit der hessenschau.

"Ich glaube, dass viele Eltern und auch Schülerinnen und Schüler sich Sorgen darüber machen, ob sie die Unterrichtsinhalte gut drauf haben, ob das ausreicht für Prüfungen", sagte Wiedwald. Aus diesem Grund würden sich viele sehr genau überlegen, ob sie ihre Kinder in die Schule schicken oder nicht. "Gleichzeitig müssen sicherlich auch viele Eltern arbeiten und haben insofern auch das Bedürfnis, dass ihre Kinder betreut werden."

Unsicherheit in Kitas

Auch für die Kitas gilt laut Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU): "Wir werden kein Betretungsverbot erlassen. Wir wollen aber natürlich, dass die Kinder zuhause bleiben." Für diejenigen, die das nicht können, solle es weiter die Möglichkeit geben, die Kinder in die Kitas zu bringen, sagte der Regierungschef. Anders als während des ersten Lockdowns im Frühjahr soll die Betreuung offenbar nicht auf Kinder systemrelevanter Gruppen beschränkt werden.

Eine halbgare Lösung, die Eltern und Beschäftige in Schwierigkeiten bringe, kritisierte Isabel Carqueville, die bei der GEW für die Kitas in Nordhessen zuständig ist. Den Montagvormittag habe sie damit verbracht, Details zu dieser Regelung und zur Umsetzung in Erfahrung zu bringen, erzählte sie - bisher ohne Erfolg. "Die Beschäftigen in den Kitas wissen noch nichts Genaues und warten darauf, wie die Städte das umsetzen. Die wiederum warten auf Details vom Land."

Die Beschäftigten wüssten zum Beispiel nicht, wer seine Kinder ab Mittwoch bringen dürfe oder wer vielleicht nicht, weil er zum Beispiel schon Urlaub habe und sich selbst um sein Kind kümmern könne.

Zudem würden die Eltern mit diesem Angebot in die Schwierigkeit gebracht, sich und die Betreuung zu organisieren. "Es wird darauf hinauslaufen, dass viele ihre Kinder trotzdem bringen müssen. Es sei denn, die Städte grenzen das irgendwie ein." Eine Schließung könne für die Eltern natürlich auch schwierig sein - sie sei die bessere Lösung, weil sie sehr viel klarer sei, sagte Carqueville.

Langfristige Konzepte gefordert

Sie stört sich auch daran, dass diese Entscheidung so kurzfristig umgesetzt werden soll. "Hätte man vor zwei Monaten gesagt, wenn die Zahlen so oder so hoch sind, müssen wir mit einem eingeschränkten Regelbetrieb rechnen, hätten auch die Eltern besser planen können." Mit mehr Vorlauf hätte alles geregelter ablaufen können, sagte Carqueville.

Weitsicht wünscht sich die GEW-Vorsitzende Wiedwald auch für die Schulen. Es mache keinen Sinn für die Schulen, immer von Woche zu Woche zu planen. Sie plädiert weiter für das Wechselmodell, bei dem Schüler im wöchentlichen Wechsel zu Hause und vor Ort unterrichtet werden. Auch über die Inhalte müsse gesprochen werden. "Wir brauchen eine Diskussion darüber, was wirklich im Moment in der Schule stattfinden soll, was wichtig ist."

Schulstart nach den Ferien nicht verschoben

Ab Freitagmittag bleiben die Schulen dann tatsächlich vorerst geschlossen: Drei Wochen Weihnachtsferien stehen an, am 11. Januar soll der Unterricht voraussichtlich weitergehen. Ob weiter alles bleibt wie bisher, ist noch unklar.

Aufgrund der Dynamik des Infektionsgeschehens könne es zu organisatorischen Anpassungen des Schulbetriebs kommen, schrieb Kultusminister Lorz in seinem Brief an die Schulen. Das nächste Treffen der Ministerpräsidenten mit der Bundeskanzlerin sei für den 5. Januar geplant. Die Schulen und Kitas werden wohl auch dann wieder Thema sein.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 14.12.2020, 19.30 Uhr

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164 Kommentare

  • Bei Erziehern in Kitas und Krippen ist der Kontakt automatisch zu vielen Kindern notwendig. D.h. dass Erzieher meist (im Winter) in geschlossenen Räumen (und nicht im Freien wie bei anderen Berufen oder unter besonderen Vorkehrungen) mit Personen aus zahlreichen Haushalten in Kontakt kommen.
    Natürlich ist auch die Bildung und Erziehung der Kleinsten und die Arbeit der Eltern wichtig. Das kann aber nur so lange der Fall sein solange Erzieher nicht selbst an Covid19 erkranken oder sogar das Virus auf mehrere Haushalte verteilen. Keine leichte Etscheidung

  • Die hessische Regelung ist Hohn für die Entscheidung der Bundesregierung und damit langfristig eine auch Gefährdung für den Erfolg des Lockdowns.
    Warum muss man so einen Unsinn von Lorz eigentlich permanent ertragen?!?
    Kinder und Jugendliche sind als Menschen ebenfalls gefährdet und können Viren weitertragen. Wer das weiterhin bestreitet, hat entweder nicht nachgedacht oder verbreitet vorsätzlich Unwahrheiten.
    Wie kann man sich eigentlich permanent quer stellen wollen?!?
    Lorz sollte gefeuert werden.

  • Ich finde die Regelungen völlig daneben, weil sie konzeptlos sind. Man hätte es wie bei dem 1. Lockdown handhaben müssen. Betreuung nur für Kinder systemrelevanter Berufe. Es geht immerhin um das höchste Gut, unsere Kinder. Sitzt der Herr Kultusminister und Herr Bouffier auch mit Winterjacke und Decke am offenen Fenster in seinem Büro? Ich bin über das verantwortungslose Handeln dieser beiden Politiker fassungslos und entsetzt. Dieses Verhalten ist allen Kindern und Jugendlichen gegenüber respektlos. Wo bleibt deren Menschenwürde? Die Lösung, die Verantwortung auf die Eltern, die zum Teil damit überfordert sind, ist die einfachste und schlechteste Wahl, aber bestimmt nicht die besonnenste. Wer denkt an die Lehrer und Erzieher und deren Familien? Sind diese Personen verpflichted täglich ihre Gesundheit zu riskieren? Ich schlage vor, Herr Bouffier übernimmt täglich eine Kindergartengruppe bzw. Schulklasse, damit er weiß was er anrichtet und worum es geht.

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