Ein Mädchen sitzt an ihrem Schreibtisch vor dem Bildschirm, auf dem die Lehrerin zu sehen ist.

Seit einer Woche wird ein Großteil der Schülerinnen und Schüler wieder zuhause unterrichtet. Aus Sicht des Kultusministeriums ist der Digitalunterricht gut angelaufen. Die Lehrerverbände berichten dagegen von überlasteten Servern, fehlenden Tablets und teils vollen Klassen.

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zum Video Schulen im Corona-Lockdown

hessenschau vom 15.01.2021
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Zum Ende der ersten Schulwoche nach den Weihnachtsferien ziehen die Bildungsgewerkschaft GEW und das Land Hessen eine sehr unterschiedliche Bilanz. "Wir haben ein Kuddelmuddel", sagte die GEW-Landesvorsitzende Birgit Koch. Der Digitalunterricht ab der siebten Klasse funktioniere nicht, weil das hessische Schulportal nicht leistungsfähig und stabil sei. Zudem sei nur ein Teil der Schulen mit technischen Endgeräten ausgestattet.

Das hessische Kultusministerium beschreibt die Situation anders. Bis auf "kleinere Anlaufprobleme" beim Login des Schulportals sei die Lage an den Schulen sehr gut gewesen, sagte ein Sprecher. Auch mit der Resonanz auf den Präsenzunterricht sei man zufrieden: 18 Prozent der Schüler aus den Klassen eins bis sechs seien von ihren Eltern in den Präsenzunterricht geschickt worden, die anderen nahmen von zuhause am Unterricht teil. "Das heißt, die Eltern gehen sehr verantwortungsvoll mit der Situation um."

GEW: Bis zu Dreiviertel der Kinder im Unterricht

Roman George, bildungspolitischer Referent der GEW Hessen, hat einen anderen Eindruck. Wie viele Kinder den Präsenzunterricht besuchten, unterscheide sich je nach Bezirk oder Schule - und auch von Klasse zu Klasse. Lehrer hätten ihm berichtet, dass teilweise bis zu Dreiviertel der Kinder im Klassenzimmer säßen. "Dann ist das Abstandsgebot natürlich nicht mehr einzuhalten."

Außerdem habe die erste Woche gezeigt, dass es vor allem Kinder aus eher gut situierten Familien seien, die von ihren berufstätigen Eltern in die Schule geschickt würden. "Es sind weniger die Kinder, die zuhause schlechte Lernvoraussetzungen haben, und gerade die führt der Kultusminister gerne als Begründung an."

George kritisiert außerdem, dass den Schulen die Entscheidung, wie es am Montag nach den Ferien weitergehe, erst am Donnerstag mitgeteilt wurde. "Das haben andere Länder wie Rheinland-Pfalz besser gemacht. Da wurden den Schulen schon zu Beginn des Schuljahres klare Szenarien an die Hand gegeben."

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found So lief die erste Schulwoche nach den Weihnachtsferien

Ein fotografischer Blick auf den Schreibtisch eines Schülers. Zwischen den Arbeitsmaterialien liegt eine OP-Maske.
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Lehrerverband: "Versprechen gehen an der Realität vorbei"

Der Landesvorsitzende des Verbands Bildung und Erziehung (VBE), Stefan Wesselmann, kritisierte: Das Versprechen, dass das digitale Lernangebot für Kinder gleichwertig mit dem Unterricht in der Schule sei, gehe völlig an der Realität vorbei.

Ein Livestream aus dem Unterricht, wie ihn das Kultusministerium vorgeschlagen hatte, sei an den meisten Grundschulen kaum denkbar: Nach wie vor fehle die technische Infrastruktur, die versprochenen Tablets hätten viele Schülerinnen und Schüler nach Monaten immer noch nicht erhalten. Der VBE fordert deshalb, das Wechselmodell an den Grundschulen für alle Klassen wieder einzuführen. Im Mai waren die Viertklässler zwei Wochen lang in getrennten Gruppen in der Schule unterrichtet worden.

Beratung von Bund und Ländern schon nächste Woche

Wegen der Corona-Pandemie hatte die Landesregierung beschlossen, dass Schülerinnen und Schüler ab Klasse sieben mit Ausnahme der Abschlussklassen ausschließlich digital unterrichtet werden. Für die jüngeren Stufen wurde die Präsenzpflicht ausgesetzt, Eltern dürfen ihre Kinder zur Schule schicken, wenn sie sie nicht zuhause betreuen können. Diese Regelung gilt zunächst bis Januar.

Über eine mögliche Verlängerung der Corona-Beschränkungen wollten die Ministerpräsidenten eigentlich am 25. Januar beraten. Wegen der aktuellen Lage wurde das Treffen vorgezogen, auf Dienstag kommender Woche. Die Zahl der Neuinfektionen sei nach wie vor viel zu hoch, begründete ein Regierungssprecher am Freitag. Dazu komme das Risiko einer neuen Virus-Mutation. Es gehe darum, "noch mehr" zu tun, um die Infektionszahlen zu senken.

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zum Video Gespräch mit Kultusminister Lorz

hessenschau vom 15.01.2021
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Lorz hält an Abitur und Abschlussprüfungen fest

Trotz aller Unwägbarkeiten hält das Kultusministerium an den Abschlussprüfungen für Haupt- und Realschüler sowie dem Abitur fest. In einem Interview mit dem Deutschlandfunk sagte Kultusminister Alexander Lorz (CDU) am Donnerstag, von einem Corona-Bonus für Abiturienten halte er wenig. "Sie sollen nicht mit dem Malus durchs Leben gehen, sie hätten jetzt so ein Corona-Abitur oder einen Notreifevermerk bekommen, sondern das muss ein vollwertiger Abschluss sein", sagte Lorz.

Der Termin wurde allerdings nach hinten verschoben, statt vor den Osterferien finden die schriftlichen Abiturprüfungen nun vom 21. April bis 5. Mai statt. "Damit wurde ein zusätzlicher Zeitraum von zwei Monaten geschaffen, den Lehrkräfte gemeinsam mit ihren Schülerinnen und Schülern zum Nacharbeiten und Vertiefen prüfungsrelevanter Unterrichtseinheiten nutzen können", sagte Lorz. Außerdem werde den Schulen in jedem Prüfungsfach ein zusätzlicher Aufgabenvorschlag zur Verfügung gestellt.

Auch die Abschlussprüfungen an den Haupt- und Realschulen hat das Kultusministerium um drei Wochen auf den 7. bis 11. Juni verschoben. Die Gewerkschaft GEW hatte hingegen gefordert, die Abschlussprüfungen in diesem Jahr ausfallen zu lassen und stattdessen die Zeugnisnoten zu verwenden.

Sitzenbleiben aussetzen?

Die Diskussion, ob Schülerinnen und Schüler in diesem Jahr sitzenbleiben dürfen, hält der hessische Kultusminister hingegen für verfrüht: "Wir haben das im letzten Jahr etabliert, das heißt natürlich ist das alles mit auf dem Schirm, aber es ist im Januar noch zu früh, um darüber zu urteilen", sagte Lorz im Deutschlandfunk. "Wir schauen jetzt erst einmal, wie dieses Halbjahr zu Ende geht, die Halbjahreszeugnisse, die ja nur informatorischen Charakter haben. Und dann werden wir zu gegebener Zeit darüber informieren."

Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) sagte der Rheinischen Post, sie halte nichts davon, das Sitzenbleiben generell auszuschließen. Denn mit einem wiederholten Schuljahr sei auch die Chance verbunden, wieder Anschluss an den Lernstoff zu bekommen. Die GEW hatte sich zuvor gefordert, wegen der Corona-Bedingungen auch in diesem Schuljahr auf das Sitzenbleiben zu verzichten.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 15.01.2021, 19.30 Uhr

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37 Kommentare

  • Unser Bildungssystem, in dem ich arbeite, hat unseren Kindern abtrainiert zu spüren, wie ihr natürlicher Rhythmus "gebaut" ist. Das geht solange das System funktioniert, aber jetzt sehen wir, wie sehr Kinder in ihrem Entdecken und Wachsen von äußerer Struktur abhängig sind: Sie versumpfen, können sich nicht konzentrieren, haben wenig "flow"-Erlebnisse und die wenigsten können sich selbst analog schöpferisch beschäftigen. Das rächt sich auch finanziell, wenn diese Kinder später darob nicht genug Geld verdienen können und aufstocken müssen.

    Dazu kommt im Moment, dass wegen der großen Unruhe eigentlich viel Zuwendung nötig wäre. Ich versuche, kreative Aufgaben zu stellen, damit die Kinder sich innerhalb dieses Rahmens etwas austoben können.

  • 5:00 Wecker klingelt
    5:10 PC im HomeOffice startklar, nebenbei Kaffee
    8:00 Kinder (8 und 4) wecken, Frühstück
    9:30 dem großen fix die Aufgaben erklärt, der kleinen Malzeug in Hand gedrückt
    Start Erste Calls, nebenbei Motivation für das nächste Arbeitsblatt.
    Mit Kopfhörer auf, Besprechung in Ohr nebenbei essen kochen.
    12-14 Pause ohne Calls, zum Essen / spielen (oder Wutanfälle der Kleinen aushalten)
    15:00 übernimmt der Mann nach Arbeit ink Haushalt
    15-17 weiter arbeiten
    18-20 Abendessen, Kinder ins Bett
    20-23 weiterarbeiten
    23-5 Schlaf, Pause, Zeit für alles andere

    Ernsthaft? Schaffe das nicht mehr lang.

    Das Verständnis aus dem Frühjahr seitens Arbeitgeber ist nicht mehr da. Jetzt heißt es nur noch funktionieren, da rückt keiner mehr zusammen und findet es süß, wenn die 4 jährige dazwischen quakt.

    Es macht mich wütend, dass
    1) Eltern sich jetzt lieber gegenseitig beschimpfen, als zusammenzuhalten und Verständnis zu haben.
    2) seit 1. Lockdown kein Konzept

  • Unsere Tochter besucht die 4. Klasse einer Grundschule und wie schon im ersten Lockdown findet keine nennenswerte Betreuung der SchülerInnen statt, die zum Wohle aller zu Hause bleiben. Es werden Wochenpläne und Arbeitsblätter zur Verfügung gestellt, eine digitale oder anderweitige kommunikative Begleitung der Klassenlehrkräfte findet nicht statt. Diese unterrichten ja nahezu regulär die SchülerInnen in der Schule im Präsenzunterricht. Die Klasse unserer Tochter ist in der 1. Woche zu einem guten Drittel gefüllt. Nicht immer stehen Arbeitszwänge o. Unlust hinter der Entscheidung für den Präsenzunterricht, wie wir wissen, sondern die Angst, den eigenen Kindern den "guten" Unterricht vorzuenthalten. Die hessische Regelung führt zu einer Benachteiligung der SchülerInnen und Haushalte, die sich um Solidarität in dieser Pandemie bemühen. Zudem unterläuft die Regelung die Ziele der Bundesregierung, da zu viele von der Öffnung Gebrauch machen (im KiGa unseres Sohnes 70 Auslastung).

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