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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Herr Everwien, was gehen Sie als Erstes an?

Porträtfoto Lennard Everwien

Lennard Everwien soll der erste Frankfurter Dezernent für Digitalisierung werden. Im Interview erklärt der Newcomer von Volt, wofür seine Partei steht und welche Aufgaben er als Erstes angehen möchte.

3,5 Prozent erreichte Volt in Frankfurt aus dem Stand bei der Kommunalwahl am 14. März. Damit zieht die europäische Partei mit gleich vier neuen Gesichtern in den Römer ein. Gemeinsam mit SPD, Grünen und FDP bildet die Newcomer-Partei nach zähen Verhandlungen die künftige Stadtregierung - und darf mit Lennard Everwien das neugeschaffene, hauptamtliche Dezernat für Digitalisierung besetzen.

Der 27-Jährige ist seit Januar Kreisvorsitzender der Partei in Frankfurt, zuvor war er unter anderem europäischer Generalsekretär von Volt. Als Projektleiter berät er außerdem Unternehmen bei der digitalen Transformation.

hessenschau.de: Herr Everwien, Volt ist in Frankfurt zum ersten Mal angetreten und darf direkt mitregieren. Haben Sie vor der Wahl mit einem solchen Erfolg gerechnet?

Lennard Everwien: Zwischendurch dachte ich, wir schaffen es auf jeden Fall ins Stadtparlament, dann kamen ab und an Zweifel auf - je nachdem, mit wem ich vorher gerade gesprochen habe.

Wir haben in diesem Wahlkampf alles gegeben und es sind viele Menschen auf uns zugekommen. Wir haben es geschafft, viele von ihnen direkt mitzunehmen und unser Team um ein Vielfaches wachsen zu lassen. Darüber freuen wir uns unglaublich.

Auf einem Plakat von Volt steht "Digitale Verwaltung wie in Estland?"

hessenschau.de: Sie verstehen sich als europäische Partei und haben im Wahlkampf mit Lösungen aus anderen Städten in Europa geworben. Wo hat Frankfurt Nachholbedarf im Vergleich zu Barcelona oder Amsterdam?

Everwien: Wir haben in unserem Wahlprogramm verankert, dass wir Frankfurt zu einer lebenswerten und gerechten Stadt für alle machen wollen - und das unabhängig von Herkunft, Einkommen oder Geschlechterzugehörigkeit. Uns ist dabei wichtig, dass wir nicht in unserer kleinen Blase leben, sondern über Stadt- und Landesgrenzen hinausschauen.

In Frankfurt leben schon viele Menschen, aber die Herausforderungen hier in der Stadt teilen wir uns mit über 100 Millionen anderen Menschen in Europa, wo es schon spannende Lösungskonzepte gibt. Wir können uns in anderen Städten viel in Sachen Wohnen, Mobilität und nachhaltiges Stadtleben abschauen. Das ist unsere Vision für Frankfurt. 

hessenschau.de: Grüne und SPD haben vorher schon zusammen regiert, auch die FDP ist eine alte Bekannte. Konnten Sie als neue, junge Partei bei den Koalitionsverhandlungen überhaupt auf Augenhöhe agieren?

Everwien: Wir hatten zu jedem Zeitpunkt das Gefühl, auf Augenhöhe angesehen zu werden. Von Anfang an waren es natürlich intensive Gespräche, aber immer konstruktiv und mit Respekt.

hessenschau.de: Der Koalitionsvertrag enthält viele grüne Ziele, zum Beispiel die Klimaneutralität bis 2035, die Energie- und Mobilitätswende. Auch Volt hat sich im Wahlkampf dafür stark gemacht. Wie unterscheiden Sie sich von den Grünen?

Everwien: Die Grünen sind eine nationale Partei und wir sind eine europäische Partei, das heißt, der politische Ansatz unterscheidet sich. Wir sind in ganz Europa präsent mit den gleichen Werten und Inhalten, sitzen zum Beispiel auch im niederländischen Nationalparlament oder in kommunalen Parlamenten in Italien.

Und dann gibt es auch ganz klar inhaltliche Unterschiede. Ja, es stehen viele grüne Themen im Koalitionsvertrag, aber gleichzeitig haben wir auch unsere Lösungskonzepte aus anderen Städten einbringen können. "Housing first" wäre ein Beispiel.

hessenschau.de: Können Sie das genauer erklären?

Everwien: Bei "Housing first" geht es um ein Umdenken der Hilfe für obdachlose Menschen. Im traditionellen Ansatz, wie es in Frankfurt lange gemacht wurde, muss der obdachlose Mensch erstmal nachweisen, dass er oder sie für die Unterstützung qualifiziert ist.

Durch das Housing-first-Konzept wird zuerst eine Unterkunft bereitgestellt und dann werden alle weiteren Maßnahmen eingeleitet. Dadurch wird mehr Vertrauen aufgebaut und Sicherheit geschaffen, und die Person erhält überhaupt die Möglichkeit, sich aus ihrer Lage herauszubewegen. Aus meiner Sicht ist das in Frankfurt total wichtig.

hessenschau.de: Im Magistrat werden Sie künftig das neue Dezernat für Digitalisierung, Bürgerbeteiligung und Europa leiten. Welche Schwerpunkte wollen Sie bei Ihrer Arbeit setzen?

Everwien: Alle drei Themen habe ich mit Herzblut in den Vertrag eingebracht. Die digitale Transformation Frankfurts ist für mich auch immer ein Thema der sozialen Gerechtigkeit. Durch Online-Zugänge zu Bürgerservices, Informationen und den Austausch mit der Stadt kann viel Vertrauen wieder aufgebaut werden, das verloren gegangen ist.

Andererseits braucht es auch eine stärkere Beteiligung der Bürger:innen an den politischen Entscheidungsprozessen der Stadt. Es gibt in Frankfurt schon enorm viele Beteiligungsmöglichkeiten, die aber nicht zusammengedacht werden.

Die Stadtverordnetenversammlung und andere Gremien nutzen schon das Informationssystem Parlis. Leider ist es teilweise so schwierig gestaltet, dass man ohne Vorwissen gar nicht versteht, wie man dort an Informationen kommt. Parlis zu modernisieren und vielleicht sogar mit "Frankfurt frag mich", der Beteiligungsplattform der Stadt, zu kombinieren, das sind Impulse, die wir setzen werden.

hessenschau.de: Also gehen wir künftig nicht mehr ins Bürgeramt, um unseren Wohnsitz anzumelden, sondern machen alles digital? Schließt das nicht ältere Menschen aus, die keinen digitalen Zugang haben?

Everwien: Wir wollen jetzt auf keinen Fall alles Analoge abschaffen. Wichtig ist, diese Angebote überhaupt erstmal zu schaffen, denn zum Teil existieren sie ja noch gar nicht oder nur vermindert. Digitale Transformation hört ja nicht bei Bürger:innenservices auf.

Während Corona haben wir wohl alle miterleben dürfen, dass vor allem Schüler:innen aus sozial benachteiligten Familien nicht die digitale Infrastruktur hatten, um am Online-Unterricht teilnehmen zu können. Es gab keine Laptops, nicht genug WLAN. Auch da wollen wir Frankfurt in den nächsten fünf Jahren voranbringen.

hessenschau.de: Viele der anderen Dezernenten sind 30 Jahre älter als Sie und bringen langjährige Erfahrung in der Stadtpolitik mit. Wie wollen Sie sich in Ihr neues Amt einarbeiten?

Everwien: Ich komme beruflich aus der Ecke der digitalen Transformation. Das wird mir dabei helfen, mich auf die digitalen Aufgabenbereiche einzuarbeiten. Und politisch habe ich an Volts Strukturen von Anfang an mitgearbeitet, im vergangenen Jahr auch als europäischer Generalsekretär. Insofern bringe ich die notwendigen Erfahrungen mit, um auch das Dezernat effizient nach vorne zu bringen.

hessenschau.de: Kritiker werfen Ihnen und den anderen Koalitionspartnern vor, die Ideen aus dem Papier ließen sich nicht finanzieren. Auch in der FDP gab es Bedenken.

Everwien: Egal, was wir gemacht hätten, diese Kritik wäre gekommen. Ich denke, wir haben unglaublich viel Potenzial in Frankfurt, das wir ausschöpfen können. Wir kommen gerade aus einer Krise und müssen jetzt und heute investieren, auch für unsere Zukunft.

Es ist auch ein Thema der Generationengerechtigkeit, heute für die kommenden Generationen zu investieren. Deswegen bin ich auch, was die Anforderungen dieses wirklich langen Vertrags angeht, sehr zuversichtlich. Als jemand, der viel mit der Stadt interagieren musste, freue ich mich darauf, die Bürger:innenservices zu digitalisieren. Allein auf menschlicher Ebene wird das eine große Erleichterung.

Die Fragen stellte Anja Engelke.