Lehrerin Jasmin Schneider macht ihre Schüler am Heinrich von Gagern-Gymnasium in Frankfurt mit den Hygiene-Vorschriften vertraut.

Wie motiviere ich meine Kinder zum Home Schooling? Wann kommen die nächsten Klassen zurück in die Schule? Was ist, wenn mein Kind zu einer Risikogruppe gehört? Kultusminister Lorz beantwortet Fragen von hr-iNFO-Hörern zum Schulbetrieb in der Ausnahmesituation.

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Lehrerin geht mit Maske durch die Reihen
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Seit Montag sind die ersten hessischen Schüler zurück im Unterricht. Viele Eltern und Schüler haben Fragen zum Schulbetrieb in der Corona-Krise. In der "Corona-Fragestunde" von hr-iNFO beantwortete Kultusminister Alexander Lorz (CDU), was Hörer zum Schulbetrieb in der Ausnahmesituation wissen wollen.

Hans-Jürgen Schäfer hat uns geschrieben, dass aus seiner Sicht die Abstandsregeln an den Schulen nicht eingehalten werden können. Er berichtet außerdem von einer Frankfurter Schule, die keine Schutzmasken zur Verfügung stellen könne.

Alexander Lorz: Zumindest das mit den Masken stimmt so nicht. Wir haben allein als Landesregierung 750.000 dieser Masken für die Wiedereröffnung des Schulbetriebs am Montag zur Verfügung gestellt - zusätzlich zu dem, was die Schulträger aufbieten. Es sind also wirklich eine Menge Masken an den Schulen. Man muss aber auch dazu sagen: Das Tragen von Masken im Unterricht ist wenig sinnvoll und außerdem für die Kinder eine Qual.

Im Unterricht sind die Abstandsregeln das Entscheidende. Das kann man ja auch über die Tischordnung gewährleisten. Da muss man natürlich auch auf gewisse beliebte Unterrichtsformate wie Gruppenarbeit verzichten. Und wenn es wirklich Situationen außerhalb des Unterrichts gibt, wo Masken erforderlich sein sollten, verfügen die Schulen mittlerweile über einen Grundvorrat.

Kultusminister Alexander Lorz (CDU)

Auch die Viertklässler in den Grundschulen sollten seit dieser Woche wieder Unterricht haben. Das hat der Hessische Verwaltungsgerichtshof in Kassel allerdings am vergangenen Freitag untersagt. Wie wollen Sie weiter vorgehen?

Alexander Lorz: Das Dilemma ist, dass wir eigentlich von den Bedürfnissen der Kinder und der Eltern her als erstes die Kleinen zur Schule und in die Kita schicken sollten.

Auf der anderen Seite sind es eben die kleinsten Kinder, die nach überwiegender Meinung der Gesundheitsexperten das größte Gefahrenpotential für die Verbreitung des Virus bieten. Deshalb gibt es die Empfehlung des Robert Koch-Instituts (RKI), mit den älteren Schülern zu beginnen. Das haben wir jetzt auch getan mit den Abschlussklassen. Wir wollten dann die vierten Klassen auf Grund ihrer Sonderrolle vorziehen. Die Sonderrolle hat der Verwaltungsgerichtshof nicht akzeptiert.

Nun werden wir wohl, den Empfehlungen des RKI folgend, konsequent von oben nach unten öffnen. Wann und wie dieser nächste Öffnungsschritt vollzogen werden kann, wird eine Entscheidung sein, die spätestens in der nächsten Woche fallen muss.

Viele Eltern sind verunsichert und würden gerne wissen, wie es weitergeht. Gibt es einen konkreten Plan, wann weitere Jahrgangsstufen in die Schulen kommen können?

Alexander Lorz: Wir leben leider immer noch in einer Situation, in der uns im Kern das Virus das Geschehen diktiert. Wir bekommen es nach den vorliegenden Daten zunehmend in den Griff - das ist die gute Botschaft. Aber wir müssen nach wie vor aufpassen, dass wir nicht in die Situation von Mitte März zurückfallen. Denn das wäre für die Gesellschaft und die Schulen fatal.

Wir haben viele Pläne in der Schublade für die Art und Weise der Wiederaufnahme des Unterrichtsbetriebs, aber wir warten auf das seuchenpolitische "Go", um den Zeitplan dafür vorzulegen.

Dem Wunsch nach Unterricht vor Ort stehen die Sorgen vieler Menschen gegenüber, zum Beispiel von Margit Kohle. Ihr Sohn gehört wegen eines Leberschadens zur Risikogruppe. Muss sie ihren Sohn zur Schule schicken?

Alexander Lorz: Nein, wir haben für die Risikogruppen eine Ausnahme von der Schulpflicht gebildet, sodass sie bis auf weiteres nicht zur Schule gehen müssen. Das sind vor allem diejenigen mit einschlägigen Vorerkrankungen, die das Risiko für einen schweren Verlauf einer Covid-19-Infektion deutlich erhöhen.

Wir haben auch bei den Lehrkräften Rücksicht genommen auf die besondere Risikogruppen der Über-60-Jährigen und die Vorerkrankten. Auch die werden wir bis auf weiteres nicht im Präsenzunterricht einsetzen.

Viele Eltern fragen sich, wie sie die Kinder beim Home Schooling motivieren, wenn die Arbeiten nicht benotet werden. So geht es Jan Kotulla, Vater zweier Kinder. Er schreibt außerdem, einige Lehrer hätten trotzdem Arbeiten benotet, die zuhause entstanden sind.

Alexander Lorz: Ich setze ja immer noch darauf, dass man Schüler über das Interesse am Stoff zum Lernen motivieren kann. Ich weiß, das ist manchmal so eine Sache - ich habe meine eigenen Schulerfahrungen noch im Kopf. Aber man soll es auch nicht von vorneherein ausschließen.

Man muss unterscheiden zwischen Bewertungen, durchaus auch Notengebung, im Sinne eines Feedbacks an die Schülerinnen und Schüler, und Bewertung in dem Sinne "wir bilden eine Abschlussnote, die dann möglicherweise versetzungsrelevant ist". Letzteres können wir nicht machen.

Deswegen habe ich auch gesagt, es wird in diesem Schuljahr keine zwangsweisen Nichtversetzungen geben, weil uns dafür in dieser Ausnahmesituation die Entscheidungsgrundlage fehlt. Aber dass Lehrkräfte Rückmeldung an ihre Schüler geben in Form von Bewertungen, auch von Noten, das ist auch für die zuhause erbrachten Lernleistungen nicht ausgeschlossen.

Sibylle Bender schreibt uns, dass ihre Tochter Medizin studieren möchte. Wird bei der Zulassung zu Studienplätzen mit Numerus Clausus mitgedacht, dass die Abiturienten nicht die gleichen Voraussetzungen hatten wie andere Jahrgänge?

Alexander Lorz: Ja, so gut man das kann, wird man das sicherlich mitbedenken. Man muss dazu sagen, der Großteil derjenigen, die sich um einen Studienplatz bewerben, entstammt ja typischerweise dem selben Abiturjahrgang. Da sind die Bedingungen in Deutschland für alle gleich schlecht, weil die Epidemie wirklich alle Bundesländer getroffen hat und alle Abiturprüfungen beeinflusst hat. Ich glaube, da ist die Vergleichbarkeit innerhalb dieses Jahrgangs nicht das vorrangige Problem.

Was die Vergleichbarkeit unter den Jahrgängen angeht, haben wir glücklicherweise erst vor kurzem mit dem neuen Staatsvertrag zum Thema Medizin entschieden, dass die Note nicht mehr das alleinige Kriterium für die Zulassung zum Medizinstudium ist. Ich gehe davon aus, dass die Universitäten die anderen Kriterien vielleicht in diesem Jahr besonders gewichten werden.

Natalie Hofmann hat sich mit einer Frage zu den Berufsschulen gemeldet. Sie macht eine Ausbildung und würde im November ihre Abschlussprüfungen schreiben. Falls sie dieses Schuljahr keine Schule mehr haben sollte, müssten dann die Abschlussprüfungen verschoben werden?

Alexander Lorz: Ich sage es mal so: bis November ist es noch eine Weile hin. Und wir hoffen alle, dass die Abschlussprüfungen, die im nächsten Schuljahr anstehen, nicht in Frage gestellt werden müssen.

Wir streben auch an, speziell die Berufsschulen relativ weitgehend vor den Sommerferien wieder zu öffnen. Gerade mit Blick darauf, dass da ständig Abschlussprüfungen anstehen. Ich bin zuversichtlich, dass uns das gelingt und dass sich die Frage damit erledigt.

Sollte es wirklich so kommen, wie die Fragestellerin meint, dass sie überhaupt erst nach den Ferien in die Schule gehen kann, dann müssen wir die Situation neu bewerten.

Seit Montag läuft der eingeschränkte Unterricht an den Schulen wieder. Sie hatten angekündigt, sich das zwei Wochen anzuschauen, um dann zu entscheiden, wie es weitergeht. Bleiben Sie bei dieser Aussage?

Alexander Lorz: Bitte zählen Sie diese zwei Wochen nicht auf den Tag genau. Wir können den Betrieb ab dem 27. April verfolgen. Ich gehe davon aus, dass wir in der nächsten Woche in der Lage sein werden, eine Entscheidung über den weiteren Zeitplan zu treffen.

Es hängt am Ende alles von der Infektionslage ab. Da geht es ja um die Bewertung der Lockerungen, die schon seit dem 20. April im Gange sind. Und wenn die Daten das hergeben, wollen wir auf jeden Fall an dem Ziel festhalten, dass wir alle Schülerinnen und Schüler zumindest zeitweise vor den Sommerferien noch in den Präsenzunterricht zurückbekommen.

Das Interview führte Dirk Wagner.

Sendung: hr-iNFO, 30.04.2020, 6.00 Uhr bis 9.00 Uhr