Noch richtet der Moscheeverband Ditib fast den kompletten Islamunterricht an hessischen Schulen aus. Erste Wahl ist er nicht mehr - ganz im Gegenteil, wie eine Gästeliste von Kultusminister Lorz zeigt. Sie verärgert auch den Zentralrat der Muslime.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Umstrittene Gästeliste bei Islamtreffen der Landesregierung

Eine Schülerin mit Kopftuch meldet sich im Unterricht. An der Tafel prangt das Wort "Islam"
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Vertreter von Religionsverbänden, Sprecher von Migrantenorganisationen, Wissenschaftler: Ihnen allen trug Kultusminister Alexander Lorz (CDU) an seinem Amtssitz in Wiesbaden vor, wie er sich den Islamkundeunterricht in Zukunft vorstellt. Mitte Mai war das. An die große Glocke gehängt wurde das Treffen nicht. Jetzt wird es doch öffentlich zum Thema, besser gesagt: zur Streitsache.

Denn mit ihrer Einladungspolitik bei dem Informationsaustausch geht die Landesregierung weiter auf Distanz zu ihrer langjährigen Strategie – und zu ihrem langjährigen Partner. Der Moscheeverband Ditib, der fast den kompletten bekenntnisorientierten islamischen Religionsunterricht an hessischen Schulen verantwortet, saß nicht mit am Tisch.

Zu großer Einfluss der Türkei

Die Kooperation des Landes mit Ditib nähert sich dem Ende: Der Verband soll dem Land seit längerem nachweisen, dass er nicht zu sehr unter dem Einfluss der türkischen Regierung steht (siehe Infobox). Ursprünglich hatte die Landesregierung dafür eine Frist bis Ende 2018 gesetzt. Ditib Hessen reagierte mit Änderungen an der eigenen Satzung und internen Strukturen, die von Kultusminister Lorz jedoch Ende Februar 2019 als nicht ausreichend eingestuft wurden.

Ditib erhielt eine Fristverlängerung bis Ende dieses Jahres. Gleichzeitig aber bereitete Minister Lorz den Umstieg in eine Zeit ohne Ditib vor – und um die ging es bei dem Treffen im Mai.

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Partner ohne Vertrauen

Bis zu 15.000 Mitglieder zählt der türkische Moscheenverband Ditib allein in Hessen. Zumindest präsentierte der Verein Anfang dieses Jahres ein Mitgliedsregister mit eben so vielen Namen. Kritiker werfen Ditib vor, verlängerter Arm der türkischen Religionsbehörde Diyanet zu sein. Ein Gutachten im Auftrag der Landesregierung kam 2018 zu einem ähnlichen Schluss. Das Kultusministerium forderte Ditib Hessen auf, seine Unabhängigkeit nachzuweisen. Der Verband änderte daraufhin seine Satzung und schränkte den Einfluss des Ditib-Bundesverbandes ein. Dem Land reicht das noch nicht; es kündigte eine Entscheidung über die weitere Zusammenarbeit bis Ende des Jahres an.

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Bei den Anwesenden warb Lorz für die im Februar vorgestellten Pläne: Die Landesregierung würde demnach Schülern der 7. Klasse des kommenden Schuljahres eine nahtlose Weiterführung des Religionsunterrichts garantieren - und das erstmals in Eigenregie des Landes. Die ursprünglichen Pläne hatten vorgesehen, auch bei diesem Angebotsausbau mit Ditib zusammenzuarbeiten. Bislang wird islamischer Religionsunterricht lediglich bis Klasse 6 angeboten.

"Die Einladungspraxis des Ministeriums ist mir schleierhaft", erklärte Said Barkan vom Zentralrat der Muslime Hessen (ZDM) dem hr. Barkan ist auch in eigener Sache entrüstet: Auch der ZDM war nicht eingeladen. Der Organisation wird von Kritikern vorgeworfen, sich nicht eindeutig genug von fundamentalistischen Strömungen abzugrenzen.

Ditib fordert Gleichbehandlung

Das Kultusministerium hatte laut Barkan Anfang des Jahres angekündigt, bis zu den Sommerfreien werde "ein Informationsaustausch mit muslimischen Organisationen sowie akademischen Institutionen" stattfinden. "Darin war keine Beschränkung auf einige oder einen Teil der muslimischen" Organisationen angeführt“, sagt der ZDM-Landesvorsitzende.

Auch bei Ditib-Landeschef Salih Özkan stieß die Nicht-Berücksichtigung auf Unverständnis. "Von der Landesregierung erwarten wir, dass sie die Muslime gleichwertig behandelt", beklagt Özkan. Dennoch glaube er an eine Fortsetzung der Zusammenarbeit. "Wir sind mit dem Ministerium im konstruktiven Gespräch. So wurden auch wichtige Schritte eingeleitet und fristgemäß umfangreiche Unterlagen geliefert", so Özkan.

Islamunterricht unter staatlicher Regie

Zu dem Treffen im Kultusministerium eingeladen war Atila Karabörklü. Aus Sicht des Vorsitzenden der Türkischen Gemeinde Hessen sollte das Treffen ein "Testballon" sein. "Das Ministerium wollte eine Rückmeldung haben, wie das in einem Teil der muslimischen Community ankommt", erklärt Karabörklü dem hr. Das Feedback sei überwiegend positiv gewesen: Nach dem Tenor: besser Islamunterricht in staatlicher Regie als gar keinen.

Eingeladen waren nach hr-Informationen auch Inhaber islamisch-theologischer und pädagogischer Lehrstühle der Goethe-Uni in Frankfurt und der Justus Liebig-Uni in Gießen. Außerdem der Ausländerbeirat AGAH, die Alevitische Gemeinde Hessen, die Deutsch-Türkische Gesundheitsstiftung und die Ahmadiyya-Gemeinde. Jene ist neben DITIB der zweite, sehr viel kleinere Anbieter von islamischem Religionsunterricht in Hessen. Beanstandungen gegen das von Ditib organisierte Angebot gab es bislang in Hessen nicht.

Gesprächsfaden nicht abreißen lassen

Das Kultusministerium kann an seiner Einladungspraxis nichts Auffälliges entdecken: Mit Ditib sei man durch das noch immer laufende Prüfungsverfahren ohnehin im Gespräch. Der ZDM in Hessen bestehe erst seit 2014. Er sei dementsprechend bei dem Runden Tisch, der schon vorher eingerichtet worden war, nicht dabei.

Der Frankfurter Islam-Theologe Begim Agai sieht die Angelegenheit kritischer. Der Direktor der Akademie für Islam in Wissenschaft und Gesellschaft (AIWG) in Frankfurt beobachtet die Tendenz, dass staatliche Stellen den Kreis ihrer Ansprechpartner für den islamischen Religionsunterricht sehr weit halten. Dadurch stelle sich die Frage, "wie hierbei Handlungssicherheit und Verbindlichkeit angesichts einer noch größeren Vielfalt an muslimischen Akteuren erreicht werden soll".

Für die zukünftige Akzeptanz des Religionsunterrichts hält der Professor das Gespräch mit den Verbänden wie Ditib und ZDM für wichtig. "Aus Sicht derjenigen Eltern, die den Verbänden nahe stehen, können unüberlegte Aktionen die Akzeptanz schmälern." Im Gegenzug spricht laut Agai für die staatlich verantwortete Islamkunde, in die Hessen einsteigen will: "Dieser Unterricht könnte gerade Eltern ansprechen, die den Religionsverbänden kritisch gegenüberstehen."

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Hessen als Vorreiter

2013 Jahren war Hessen das erste Bundesland, das einen bekenntnisorientierten islamischen Religionsunterricht einführte, wie man ihn vom katholischen oder evangelischen Schulfach kennt. Für die inhaltliche Ausgestaltung und die Besetzung der Lehrerstellen hatte sich die damalige CDU/FDP-Landesregierung auf zwei Partner festgelegt: Neben Ditib ist dies die Ahmadiyya-Gemeinschaft, die aber nur eine Nebenrolle spielt und weitermachen darf wie bisher. Den Islamunterricht in Hessen besuchen derzeit rund 3.120 Schüler an 56 Grundschulen und zwölf weiterführenden Schulen. Die allermeisten von ihnen, knapp 3.000, werden nach dem Bekenntnis von Ditib sunnitisch unterrichtet.

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