Kein Unterricht mehr, Notbetreuung in Kitas, Besuchseinschränkungen in Kliniken und Altenheimen: Die Landesregierung hat bekanntgegeben, wie sie die Corona-Epidemie eindämmen will.

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Auf die Menschen in Hessen kommen spürbare Einschränkungen im Alltag zu, mit denen die Verbreitung der Corona-Epidemie verlangsamt werden soll. Das haben Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) und mehrere Mitglieder seines Kabinetts am Freitag nach einer Sondersitzung in Wiesbaden klargemacht.

"Wir haben jetzt noch eine Chance, die nächsten vier, fünf Wochen sind zentral", betonte der Regierungschef im Beisein von Gesundheitsminister Kai Klose, Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir (beide Grüne), Innenminister Peter Beuth und Kultusminister Alexander Lorz (beide CDU). An die Bevölkerung appellierte Bouffier: "Wir werden diese Herausforderungen gemeinsam meistern." Er sprach von einer "ganz außergewöhnliche Lage", in der sich das Land befinde.

Die neuen drastischen Maßnahmen, die beschlossen wurde, gelten ab sofort bis zum Ende der Osterferien. Sie betreffen vor allem den Bildungs- und Gesundheitssektor. Leitendes Prinzip ist es, die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen und so Verhältnisse wie in Italien zu vermeiden. Dort sind mittlerweile mehr als 1.200 Menschen an Covid-19 gestorben, das Gesundheitssystem ist regional überlastet.

Schulen und Kitas als Betreungsstätten

Die Schulpflicht in Hessen wird bis zum Ende der Osterferien ausgesetzt. Das heißt: Es wird von Montag an keinen Unterricht mehr geben. Die Schulen bleiben aber offen, um Betreuungsmöglichkeiten für Kinder von bestimmen Berufsgruppen wie etwa medizinischem Personal zu ermöglichen. Für Lehrer gilt die Dienstverpflichtung.

Auch die Kindertagesstätten in Hessen sind von kommender Woche an nur noch für eine Notfallbetreuung geöffnet. Diese Notfallbetreuung können Eltern, die beispielsweise in Krankenhäusern arbeiten, für ihre Kinder in Anspruch nehmen. Eine vollständige Liste der ausgenommenen Berufsgruppen hat das Land Hessen auf seiner Website aufgestellt. Das Betreuungsangebot gilt allerdings nur für Alleinerziehende sowie Eltern, die beide in einer solchen Berufsgruppe arbeiten.

Abitur soll möglich sein

"Wir gehen nach heutigem Stand davon aus, dass die Abiturprüfungen abgelegt werden können", sagte Kultusminister Lorz. Die schriftlichen Prüfungen sollen am Donnerstag (19.3.) beginnen. Lorz kündigte an, dass es bis zum Sommer verschiedene Nachschreibetermine geben wird.

Der Vorlesungsbeginn an den Hochschulen wird auf 20. April verschoben. Der sonstige Forschungs- und Wissenschaftsbetrieb könne aber vorerst weitergehen. Studenten sollen außerdem auch Examen ablegen können.

Besuche in Heimen und Kliniken eingeschränkt

Die Besuche in Altenheimen und Kliniken werden eingeschränkt. Ausgenommen von den Beschränkungen seien Eltern minderjähriger Patienten in Krankenhäusern. Menschen, die aus Risikogebieten wie den Skigebieten Südtirols zurückkehren, dürften solche Einrichtungen wegen Ansteckungsgefahr 14 Tage lang nicht betreten.

Angehörige bestimmter Berufsgruppen werden nach ihrer Rückkehrer aus Coronavirus-Risikogebieten unter Quarantäne gestellt. Das gelte zum Beispiel für Polizisten, Rettungskräfte oder medizinisches Personal, sagte Gesundheitsminister Klose (Grüne). Eine solche Quarantäne von 14 Tagen gelte auch für Richter und Feuerwehrleute.

Infrastruktur aufrechterhalten

"Der Alltag in Hessen wird ab Montag ein anderer sein", sagte Wirtschaftsminister Al-Wazir (Grüne). Man werde alles dafür tun, die Infrastruktur aufrechtzuerhalten. Es gebe klare Empfehlungen für den öffentlichen Nahverkehr. Dazu gehöre, nicht mehr vorne in den Bus einzusteigen.

Zum Thema Hamsterkäufe betonte der Minister: "Ich will ausdrücklich sagen, dass es nicht so ist, dass wir von irgendetwas zu wenig haben. Die Zentrallager sind gut gefüllt. Man muss nur dafür sorgen, dass die Waren in die Märkte vor Ort kommen."

In einer Sondersitzung hatte die Landesregierung über die Auswirkungen des Coronavirus und notwendige Maßnahmen beraten. Zuvor hatten bereits alle weiteren Bundesländer entschieden, Schulen und Kitas flächendeckend zu schließen.

133 bestätigte Corona-Fälle in Hessen

Die Zahl der bestätigten Infektionen lag nach Angaben des Sozialministerium vom Freitagnachmittag bei 133. Damit kamen seit Donnerstag 42 Fälle hinzu, die meisten davon im Main-Kinzig-Kreis (9), im Rheingau-Taunus-Kreis (9) und in der Region Kassel (8). Nach Angaben des Ministeriums wiesen alle erkrankten Personen aktuell milde Verläufe mit keinen oder leichten Symptomen auf.

Bald 16 Testcenter in Hessen

Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Hessen kündigte unterdessen an, kommende Woche sechs weitere Coronavirus-Testcenter zu eröffnen. Zehn Center gibt es bisher. "Wir sorgen mit der Aufstockung der Testcenter dafür, dass fast jeder Bürger Hessens innerhalb eines Radius von 30 Kilometer ein Testcenter erreichen kann", teilte die Vereinigung mit.

Es sei allerdings "realitätsfremd", in jedem Landkreis ein Testcenter einzurichten, da es dafür nicht genügend Personal gebe. Es sei medizinisch auch nicht sinnvoll, Massentests auf den Erreger Sars-CoV-2 ohne Indikation durchzuführen, betonten die KV-Vorstandsvorsitzenden Frank Dastych und Eckhard Starke der Mitteilung zufolge. Da die Labore mittlerweile an ihren Kapazitätsgrenzen angekommen seien, "müssen wir die Tests dringend auf diejenigen Patienten beschränken, bei denen eine medizinische Indikation nach den Kriterien des Robert-Koch-Instituts besteht".

Sendung: hr-fernsehen, hessen extra, 13.03.2020, 20:15 Uhr