Stellen sich zur Landratswahl: Amtsinhaber Oliver Quilling (CDU, links), Carsten Müller (SPD, Mitte) und Robert Müller (Grüne).

Am kommenden Sonntag entscheiden die Bürger im Kreis Offenbach über ihren künftigen Landrat. Zur Wahl stehen dieselben drei Kandidaten wie vor sechs Jahren.

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Wahlberechtigte im Kreis Offenbach könnten am nächsten Sonntag ein echtes Déjà-vu erleben. Wenn am kommenden Sonntag die Republik über die Zusammensetzung des Bundestags entscheidet, dürfen die Einwohner des Kreises zusätzlich über einen neuen Landrat bestimmen. Drei Kandidaten stehen zur Auswahl - deren Namen dürften zumindest jenen, die sich vor sechs Jahren an der Wahl des Landrats beteiligten, bekannt vorkommen.

Quilling (CDU) - Müller (SPD) - Müller (Grüne). Alle drei Kandidaten gingen bereits 2015 ins Rennen um das höchste Amt im Kreis. Zwei von ihnen treten schon zum dritten Mal gegeneinander an - übrigens arbeiten sie im Dietzenbacher Kreishaus seit Jahren in einer Koalition zusammen. Doch nicht nur die personelle Konstellation macht die Landratswahl im Kreis Offenbach spannend.

Der Kreis

Der Kreis Offenbach teilt sich seinen Namen mit der angrenzenden Großstadt, hat aber strukturell wenig mit ihr gemein. Rund 357.000 Einwohner verteilen sich auf 13 Städte und Gemeinden - die größte davon: Rodgau mit knapp 46.000 Einwohner. Sitz der Kreisverwaltung ist Dietzenbach.

Wirtschaftlich geht es dem Kreis deutlich besser als der Großstadt. Die Arbeitslosenquote lag zuletzt mit 5,2 Prozent nur geringfügig über dem Landesniveau. In der Rangliste der Kreise nach Pro-Kopf-Einkommen gehört Offenbach zwar nicht zur absoluten Spitzengruppe, belegt jedoch einen Platz im oberen Fünftel.

Die Kandidaten

Oliver Quilling (CDU): Seit nicht weniger als 32 Jahren ist der 56-Jährige in der Kommunalpolitik aktiv. Zunächst vor allem in seiner Heimatstadt Neu-Isenburg, der er von 1996 bis 2010 als Bürgermeister vorstand. 2009 stellte die CDU Quilling erstmals als Kandidaten für die Landratswahl auf. Im zweiten Wahlgang setzte er sich gegen den SPD-Kandidaten durch. Der hieß damals wie heute Carsten Müller. 2015 gelang Quilling die Wiederwahl - mit absoluter Mehrheit gleich in der ersten Runde. Der Amtsinhaber hat sich über die Parteigrenzen hinweg einen guten Ruf erworben. Er gilt als besonnener Sachpolitiker und fähiger Manager mit einem gutem Gespür für die Belange der Bürgerschaft.

Carsten Müller (SPD): Tritt zum dritten Mal gegen Quilling an. Doch von einer verbissenen, gar bitteren Rivalität kann nicht die Rede sein. Abseits des Wahlkampfs arbeiten die beiden seit Jahren sehr eng zusammen. 2005 wurde der 49-Jährige erstmals zum Kreisbeigeordneten gewählt und übernahm die Verantwortung für das Sozial- und Jugendamt. Seit 2010 wacht er zudem als Kämmerer über die Finanzen des Kreises. Inzwischen erwirtschaftet der einstmals schwer defizitäre Kreis jährlich sogar Überschüsse.

Robert Müller (Grüne): Gehört seit 2005 dem Kreistag in Dietzenbach an und fungiert dort als Sprecher seiner Fraktion. Der 54-Jährige stammt aus Mühlheim und arbeitet als Wirtschaftsingenieur. Sein selbst gestecktes Ziel ist es, "die behäbige CDU-SPD-Koalition zu beenden, um dem Kreis seine Handlungsfähigkeit zurückzugeben". Müller tritt nach 2015 zum zweiten Mal bei der Wahl zum Landrat an.

Die Themen

Klimaschutz: Grünen-Kandidat Müller kritisiert, dass der Kreis sich in diesem Themenfeld bislang zu wenig engagiert habe. "Selbst einfache Maßnahmen wie die Nutzung der Dächer von Schulen und kreiseigenen Gebäuden für Solarenergie werden nicht konsequent umgesetzt", so Müller. Zudem müsse sich der Landkreis angesichts des Klimawandels für Extremwetterereignisse wappnen.

Auch der Sozialdemokrat Müller spricht davon, dass die Maßnahmen zum Klimaschutz verstärkt werden müssten. Um diese zu koordinieren, sei eine stärkere Vernetzung zwischen Kommunen und Kreis unerlässlich. Zudem spricht sich Müller für die Stärkung regionaler Energieversorger und der biologischen Landwirtschaft aus.

Amtsinhaber Quilling sieht derweil noch weitere Möglichkeiten, die Energieeffizienz kreiseigener Immobilien zu verbessern. Dabei handele es sich "um eine Daueraufgabe", erklärt Quilling.

Mobilität: Der Kreis Offenbach ist ein Pendlerkreis. Knapp 72.000 Menschen pendeln Tag für Tag in den Kreis hinein, mehr als 86.000 hinaus - zum großen Teil mit dem eigenen Pkw. Klimaschutzpolitik ist gerade auf lokaler Ebene auch immer Mobilitätspolitik - auch hierhin stimmen alle drei Kandidaten überein.

Auch die Vorhaben für die nahe Zukunft klingen relativ ähnlich: Ausbau des öffentlichen Personennahverkehrs und des Radwegenetzes - insbesondere von Radschnellwegen. Quilling und Carsten Müller verweisen auf die erfolgreiche Einführung des "Hoppers" - eines günstigen Sammeltaxis - durch die Kreisverkehrsgesellschaft im Ostkreis. Ein Angebot, das sowohl nach Ansicht des Landrats als auch des Kämmerers auf weitere Kommunen ausgeweitet gehört.

Schule und Kinderbetreuung: Die Bevölkerung im Landkreis wächst langsam, aber stetig. Gut 18.000 Einwohner hat der Kreis seit 2010 hinzugewonnen. Und weil sich darunter zahlreiche Familien befinden, stoßen die vorhandenen Schul- und Kinderbetreuungseinrichtungen an ihre Kapazitätsgrenzen.

Oliver Quilling hält der Kreisverwaltung zugute, dass in den vergangenen Jahren zahlreiche Schulneubauten und Erweiterungen entstanden sind. Zudem werde der Ausbau von Betreuungsangeboten vom Kreis wieder zu einem Drittel finanziert. Auch die Bewirtschaftung der Schulen liegt seit dem Jahreswechsel 2019/2020 wieder in der Hand des Kreises. Zuvor war diese (unter Quillings Vorgänger) in einer umstrittenen öffentlich-privaten Partnerschaft (PPP) an Unternehmen übergeben worden - was sich im Nachhinein als kostspielige Fehlplanung herausstellte.

Robert Müller von den Grünen glaubt hingegen, dass der Kreis die stetig steigenden Schülerzahlen über Jahre ignoriert habe. Zwar sei der Ausstieg aus der PPP-Partnerschaft zu begrüßen, doch werde nun zu hektisch ausgebaut, findet er. Immer wieder müsse auf teure Container als Zwischenlösung zurückgegriffen werden.

Carsten Müller mahnt derweil an, dass nicht nur in den Ausbau der Schulen, sondern auch in die Qualität des Unterrichts investiert werden müsse - beispielsweise um das Arbeiten in Lerngruppen zu ermöglichen. Zudem müssten die Voraussetzungen geschaffen werden, um den ab 2026 geltenden Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung für Kinder im Grundschulalter erfüllen zu können. Müller sieht hier in Teilen des Kreises noch erhebliche Defizite.

Die Wahl

Rund 264.000 Wahlberechtigte sind am 26. September zur Stimmabgabe aufgerufen. Wahlberechtigt sind alle deutschen Staatsangehörigen und EU-Staatsbürger, die das 18. Lebensjahr vollendet haben und seit mindestens sechs Monaten im Kreis gemeldet sind.

Um die Wahl gleich im ersten Durchgang zu gewinnen, müsste einer der drei Kandidaten mehr als die Hälfte der abgegebenen Stimmen auf sich vereinigen - so wie es Oliver Quilling vor sechs Jahren gelang. Sollte dies am kommenden Sonntag keiner der Kandidaten schaffen, käme es am 10. Oktober zur Stichwahl zwischen den beiden Bestplatzierten.

Die Aussichten

Oliver Quilling geht als Favorit in die Wahl am Sonntag. Amtsinhaberbonus und zwei bereits gewonnene Wahlen sprechen für ihn. Doch möglicherweise könnte sich das Zusammenfallen von Bundestags- und Landratswahl als Nachtteil für den CDU-Mann erweisen.

Als Quilling 2009 erstmals antrat, fielen beiden Wahlen schon mal auf dasselbe Datum. Seinerzeit lag die Wahlbeteiligung bei 71,7 Prozent - und Quilling musste in die Stichwahl. Sechs Jahre später, als die Bürger ausschließlich zur Wahl des Landrats aufgerufen waren, fand nur etwas mehr als ein Viertel der Wahlberechtigten den Weg an die Urne - und Quilling konnte sich gleich im ersten Durchgang die Wiederwahl mit 59,2 Prozent sichern.

Fraglich ist zudem, wie sich der Bundestrend der jeweiligen Parteien auf das Ergebnis der Landratswahl auswirken wird. Quilling ist überzeugt, dass die meisten Bürger "die unterschiedlichen politischen Entscheidungsebenen differenziert" betrachten. "Die Menschen, so erlebe ich es, wollen ihren Landrat vor Ort als Ansprechpartner, der ihnen zuhört, auf ihre Sorgen eingeht und bestehende Probleme jenseits von parteipolitischen Befindlichkeiten schnell und pragmatisch löst."

Auch Robert Müller glaubt, dass sich das Ergebnis seiner Partei im Bund nur bedingt auf das Ergebnis der Landratswahlen niederschlagen wird: "Die Menschen kennen die Kandidaten, die Themen sind durch die jüngste Kommunalwahl bekannt." Hingegen ist nach Ansicht von Carsten Müller die positive Stimmungslage für die SPD hilfreich: "Das wird auch Auswirkungen auf das Wahlergebnis haben."

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