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Audioseite Janine Wissler - ein Portrait

Janine Wissler

Zweimal wurde es wegen Corona verschoben: Aber jetzt wird Janine Wissler wohl endgültig eine der beiden neuen Bundesvorsitzenden der Linkspartei. Einige Fakten über die Frankfurterin: von A wie Alpenverein bis Z wie Zementsack.

Die Linke hält Bundesparteitag, wegen Corona digital, versteht sich. Am Samstag werden die 600 Delegierten nach neun Jahren mit Katja Kipping und Bernd Riexinger eine neue Doppelspitze wählen. Aussichtsreiche Kandidatin für einen der freiwerdenden Posten ist Janine Wissler, prominenteste Linken-Politikerin Hessens.

Die Vorsitzende der Landtagsfraktion geht im Tandem mit der thüringischen Landes- und Fraktionschefin Susanne Hennig-Wellsow ins Rennen. Auch wenn man sich mehr für Bismarck als für Marx interessiert: Es lohnt sich, ein bisschen mehr über die Frankfurterin zu wissen.

1. Wer ist Janine Wissler – und wenn ja, wie viele?

Janine Wissler ist eine 39 Jahre alte Diplom-Politologin, wohnhaft in Frankfurt. Landtagsabgeordnete ist sie seit zwölf, alleinige Fraktionschefin im Landtag seit vier und Vize-Bundesvorsitzende seit sechs Jahren.

Ehrlich gesagt heißt Wissler Wißler, wie auch ihr Wikipedia-Eintrag vermerkt. Warum sie reinen Gewissens auf das im Digitalzeitalter praktikablere doppelte S umgestiegen ist, hat die Politikerin einmal in einem Tweet erklärt: In ihrem Personalausweis landeten beide Versionen.

2. Warum erst jetzt?

Sie ist ja erst 39. Und Armin Laschet (CDU) mit 60 und Norbert Walter-Borjans (SPD) mit 67 haben viel länger gebraucht. Aber etwas früher sollte es schon passieren. Wegen Corona hat die Linke ihren Parteitag zweimal verschoben. Sich selbst hat Wissler nach rasantem Aufstieg aber auch schon Geduld in der Karriereplanung verordnet, als sie lieber nicht für den Bundestag kandidierte.

Ihr Weg an die Linken-Spitze begann im Elternhaus in Langen (Offenbach): die Mutter DKP-Mitglied, das Bild von Rosa Luxemburg an der Wand. Erst ein Engagement als Globalisierungskritikerin bei Attac, mit 23 Jahren die "Wahlalternative Arbeit & soziale Gerechtigkeit" (WASG) mitgegründet als Reaktion auf die rot-grünen Agenda-Politik. 2007 ging die WASG in der Linken auf, im Jahr darauf saß Wissler schon im Landtag.

3. Worauf lässt sie sich da ein – und kann sie das?

Kommunistische Plattform und Reformlinke, Sozialistische, Antikapitalistische, Ökologische und Emanzipatorische Linke, das marxistische Forum nicht zu vergessen: Mit übersichtlichen Trennlinien zwischen Fundis und Realos, Ost und West gibt sich die Partei nicht zufrieden. Der für Linken-Vorsitzende ungemütlichen Ausgangslage wird der Polit-Profi Wissler auf dem Parteitag gewiss Positives abgewinnen.

Schwierig, anstrengend und nervtötend sei das alles schon, klagte sie in einem Ende 2019 veröffentlichten Gespräch mit der Parteilegende Gregor Gysi. Aber: "Dass wir in dieser Partei so viele verschiedene linke Strömungen vereinen und aus so vielen Traditionen kommen – ich betrachte das als Stärke."

Erfahrung hat sie aus dem Landesverband. Trotz ihrer Rolle als Frontfrau, brillante Landtagsrednerin und gefragter Talk-Show-Gast: Die Frau ist völlig unprätentiös. Zu so erbittertem öffentlich ausgetragenem Zwist wie auf Bundesebene hat es Hessens Linke nicht einmal ansatzweise gebracht. Außerdem ist Wissler ja schon Vize-Bundeschefin. Und niemand erhielt bei der Wahl ein so gutes Ergebnis.

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Erst Digitalwahl, dann Briefwahl

Die Linke veranstaltet erstmals einen Bundesparteitag samt Wahl der neuen Parteispitze digital. Rund 600 Delegierte sitzen am Freitag und Samstag daheim und stimmen auch online ab. Das Ergebnis muss per Briefwahl bestätigt werden. Die Redner treten in der Station Berlin auf, einem früheren Paketpost-Bahnhof. Motto: "Macht das Land gerecht!"

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4. Wofür steht Wissler – und was hat das mit einem Zementsack zu tun?

"Wir müssen auch die Vision einer grundsätzlich anderen Gesellschaft mittransportieren." Bei aller Unschärfe von Einsortierungen zeigen programmatische Sätze wie dieser: In der Partei ist Wissler erkennbar links der Mitte anzusiedeln. Also bei Fundis und Traditionalisten. Gerechtigkeit, Gleichheit, Frieden, Klimaschutz, Kampf gegen Rassismus und Rechtsextremismus – das nennt sie als wichtigste Ziele.

Die parlamentarische Kleinstarbeit leistet die 39-Jährige akribisch – auch als Wirtschaftsausschuss-Vorsitzende des Landtags. Die Hoffnung auf den großen Wurf und eine sozialistische, antikapitalistische Welt hat sie deshalb nicht aufgegeben. Denn die Gegenwart begreift sie klassisch marxistisch in Kategorien von Ausbeutung, Unterdrückung  und Klassenauseinandersetzung. Der Einsatz für Geringverdiener ist biografisch unterfüttert: Die Politologin arbeitete während des Studiums jahrelang im Baumarkt.

5. Also plant sie den Umsturz, oder?

Den Vorwurf muss Wissler sich schon seit Jahren anhören. Mit dem bösen K-wie-Kommunismus-Wort bringt die Linke die CDU zwar nicht mehr in Wallung. Mit Überlegungen wie dieser aber schon: "Wenn man es nicht schafft, die gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse grundlegend zu verändern, dann kann man in den Parlamenten machen, was man will." Aus der vom Verfassungsschutz beobachteten trotzkistischen Parteigruppierung Marx21 trat Wissler nach Bekanntgabe ihrer Kandidatur aus. Ein Good-Will-Signal an den Reformflügel, aber auch eine Abkehr? Marx21 findet: "Die Linke kann das Kapital schlagen, wenn Massenbewegungen bereit sind, die herrschende Klasse zu enteignen …"

Zweifeln an ihrer Verfassungstreue begegnet Wissler damit, dass sie eine "viel demokratischere Gesellschaft" will. Den Verdacht, sie sei Wölfin im Schafspelz, hegen Gegner trotzdem. Wissler setzt, wie Auftritte an der umstrittenen A49-Baustelle in Mittelhessen und bei Warnstreiks zeigen, auf Bewegungen wie Fridays for Future oder betriebliche Kämpfe. Bei denen, die SPD und Grüne in Sozial- und Klimapolitik vernachlässigt hätten, sieht sie Wählerpotenziale.

Für gerechtfertigt hält sie "gezielte Regelbrüche" wie zivilen Ungehorsam bei Abschiebungen. Dass sie parlamentarische Spielregeln nicht respektiert hätte, ist nicht aktenkundig. Wenn Gewalt bei der Durchsetzung politischer Ziele eine Rolle spielte, dann weil sie selbst Opfer von Morddrohungen wurde. Das kam im Zuge der NSU 2.0-Affäre heraus, ohne dass Wissler selbst es an die große Glocke gehängt hätte.

6. Ist sie regierungsfähig?

Diese Woche hat Wissler bekräftigt, was in einer Koalition mit SPD und Grünen gar nicht zu machen wäre: Auslandseinsätze der Bundeswehr, auch nicht mit blauem Helm. "Ein bisschen Krieg gibt es nicht", sagte sie. Tandem-Kollegin Hennig-Wellsow scheint da beweglicher. Weshalb Wissler gerade im tageschau.de-Interview betont: "Wir sagen beide, die Frage einer Regierungsbeteiligung muss anhand der Inhalte entschieden werden."

Wollen das neue Linken-Bundesvorsitzenden-Duo werden: Susanne Hennig-Wellsow (l.) und Janine Wissler.

Wie beweglich die Frankfurterin wäre, um in Berlin koalitionsfähig und als Spitzenkraft ministrabel zu sein, müsste sich zeigen. Der Austritt aus Marx 21 könnte ein Hinweis sein. Eine absolute Mehrheit von SPD, Grünen und Linken ist derzeit aber auch nicht in Sicht.

7. Was macht die Linke in Hessen ohne sie?

Die Partei ist intern gut sortiert. Im aktuellen hr-Hessentrend steht sie bei sechs Prozent - verdächtig nah an der Fünf-Prozent-Hürde, aber immerhin darüber. In einem westlichen Flächen-Bundesland versteht sich das nicht von selbst. Wenn es für die Noch-Fraktionschefin in der Bundespolitik später gut läuft, strahlt bestimmt was bis nach Hessen ab.

Die Linke verliert aber viel. Nicht zuletzt eine Rednerin mit Timing. Die 39-Jährige hat auch einen der wirkungsvollsten Gags der laufenden Legislaturperiode gemacht. Auf einen Rechtschreibfehler der AfD in einem Antrag zur Meinungsfreiheit wies sie mit den Worten hin: "Fürsorge schreibt man nicht mit h. Mit Sorge um den Führer hat das nämlich nichts zu tun."

8. Und privat so?

Geht uns nichts an, Frau Wissler lässt auch nicht viel raus. Berichterstatter weisen gerade wieder auf ihren Sinn für Mode hin. Was man auch nicht unbedingt wissen muss: Auf ihrer Homepage gesteht sie eine Mitgliedschaft im Alpenverein. Und sie hält zu Eintracht Frankfurt. Sie läuft auch gerne, kam schon beim Frankfurt-Marathon ins Ziel. In Zukunft liegt der Berlin-Marathon wohl näher.

Sendung: hr-iNFO, 26.02.2021, 17.25 Uhr