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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Schützen oder schießen: Wolfsdebatte im Landtag

Wolf im Wildpark Knüll

Der Wolf lässt sich in Hessen nieder und reißt schon Schafe. Umweltministerin Hinz muss sich deshalb im Landtag des Vorwurfs erwehren, nicht genug zu tun. Für die "Entweder-Oder"-Methode ist aber nur eine Fraktion.

Fünf Opfer sind bisher zu - ja, was eigentlich? Zu beklagen? Jedenfalls lagen seit dem Jahr 2000 auf hessischen Straßen fünf überfahrene Wölfe, nach einem aktuellen Fall in Frankfurt wohl eher sechs. Weil das eben nicht jeder bedauern mag, ging es am Donnerstag im Landtag ziemlich emotional um den Wolfsschutz. Aber halt nicht um den für Wölfe, sondern vor ihnen.

200 Jahre galt das größte Raubtier aus der Familie der Hunde als ausgerottet in Hessen. Mit seiner allmählichen Rückkehr (hr4-Faktencheck) steigt nicht nur die Zahl der von Autos zur Strecke gebrachten Exemplare. Bei zwölf Wolfsattacken sind im vergangenen Jahr in Hessen 27 Schafe und zwei Kälber getötet worden. Also fordert eine Initiative der FDP von Umweltministerin Priska Hinz (Grüne) in der Überschrift: "Wolfsromantik beenden."

Demo, Gespräch - und keine Ruhe

Acht Wölfe sichtete man 2019 in Hessen, zwei von ihnen gründen womöglich ein Territorium. Der bisherige Umgang mit den Tieren gefährde die Haltung von Weidetieren, sagte die Liberale Wiebke Knell. Wenn Wölfe ungeborene Lämmer aus dem Leib der Muttertiere rissen, sei das nicht nur wirtschaftlich für die Besitzer schlimm. "Offensichtlich nimmt die Landesregierung das nicht ernst genug."

Den Vorwurf bestritten im Landtag neben Hinz auch Sprecher der schwarz-grünen Koalition. Er kommt nicht von ungefähr jetzt aufs Tapet.

Vor zwei Wochen hatten Halter von Schafen, Ziegen, Rindern und auch Alpakas aus ganz Hessen in Wiesbaden gegen Hinz demonstriert. Ein dabei vereinbartes Gespräch zwischen Verbandsvertretern und Umweltministerin brachte diese Woche keine Ruhe. "Das hat uns sehr enttäuscht“, sagte Burkhard Ernst vom Landesverband für Schafzucht und Schafhaltung. Hinz weigere sich vehement, zentrale Forderungen zu erfüllen.

Forderungen übernommen

Mehr Geld für hohe elektrische Zäune, weniger bürokratischen Aufwand, Befreiung von der Beweispflicht bei Anträgen auf Schadenersatz für gerissene Tiere: Solche Forderungen der Halter hat die FDP fast wortgleich in ihren Parlamentsantrag übernommen.

Im vergangenen Jahr sind lediglich rund 320.000 von bereitstehenden 500.000 Euro für den Herdenschutz vergeben worden. Schuld waren nach Meinung des Schafzucht-Verbandes die hohen Hürden: 5.100 Halter gebe es, für die allermeisten ein Hobby. 4.500 von ihnen fielen schon deshalb ganz aus der Förderung, weil sie weniger als die geforderten drei Hektar bewirtschaften. Dabei gehöre ihnen ein Drittel der insgesamt rund 120.000 Schafe im Land.

Land verspricht Weideprämie

"Wir unterstützen Schaf- und Ziegenhalter so gut wie möglich und werden es in Zukunft noch stärker machen", sagte die Ministerin dazu im Landtag. Mit der Bekanntgabe von Verbesserungen verteidigte sie sich gegen den vom SPD-Angeordneten Heinz Lotz erhobenen Vorwurf, "Ihre Arbeitsverweigerung hat zu Unfrieden und Unsicherheit geführt".

Zur Erhöhung der Herdenschutzprämie von 31 auf 40 Euro kommt eine Ausweitung: Ab vier Tieren und zwei Hektar soll es Geld geben. Kommendes Jahr werde Hessen zudem die von den Haltern geforderte Prämie für ihre ökologisch wichtige Landschaftspflege einführen - falls der Bund dies nicht aus EU-Mitteln mache.

Denn ob CDU, Grüne oder Linkspartei: Trotz unterschiedlicher Akzente identifizierten die meisten Redner nicht den Wolf als Hauptproblem, sondern fehlende Unterstützung für die Arbeit der Tierhalter. "Machen sie den Wolf nicht zum Sündenbock", forderte Linken-Politikerin Heidemarie Scheuch-Paschkewitz von der FDP.

Ein Denkmal fürs Ausrotten

Blieb die Frage: schießen oder nicht? Und wenn ja: wie arg? Hinz‘ Wolfsmanagement sieht "Entnahmen" vor, wenn Wölfe wiederholt Tiere reißen. Von "naturverträglicher Steuerung des Bestandes“ sprach auch Lena Arnoldt vom Koalitionspartner CDU. Die FDP und der Landesverband der Schafzüchter können sich mehr vorstellen: bestimmte ganz "wolfsfreie" Zonen und hessischer Einsatz für eine vom Bund festgelegte Obergrenze.

Damit gehen die Liberalen nicht am weitesten. "Es gibt nur ein Entweder-Oder", sagte der AfD-Politiker Gerhard Schenk. Im dicht besiedelten Bundesland sei einfach kein Platz für die Raubtiere. Und er erinnerte an einen sogenannten Wolfstein zwischen Melsungen und Felsberg (Schwalm-Eder), ein Jagd-Denkmal zu Ehren eines Rittmeisters namens Wolf. Als der dort 1805 einen vierbeinigen Namensvetter per Gewehr der Natur entnahm, hatte er Hessen knapp zwei Jahrhunderte lang wolfsfrei gemacht.

Sendung: hr-iNFO, 30.01.2020, 16.00 Uhr