Die neue CDU-Fraktionsvorsitzende Ines Claus in ihrem Büro

Plötzlich Chefin: Überraschend und unter dramatischen Umständen hat die CDU im Landtag Ines Claus als erste Frau an die Spitze gewählt. Im Interview sagt die 42-Jährige, für welchen Kurs sie steht, wie sie mit enttäuschten Kollegen umgeht und wie sich Politik in Zeiten von Corona verändert hat.

Wer neu im Amt ist, verdient nach einer Journalistenregel 100 Tage Schonfrist. So viel Einarbeitungszeit wird sich die Politikerin Ines Claus in diesen Zeiten wohl nicht nehmen. Vor einer Woche noch war die 42-Jährige aus Bischofsheim (Groß-Gerau) außerhalb ihres Wahlkreises und des Landtags eher wenigen bekannt.

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Die Antworten von Ines Claus im hr-Kandidatencheck zur Landtagswahl 2018.

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Mitten in der vom Coronavirus ausgelösten Ausnahmesituation haben die Umstände, der Vorschlag von Regierungs- und Parteichef Volker Bouffier und die Abstimmung der Kollegen sie als erste Frau an die Spitze der CDU-Fraktion in Hessen katapultiert: Ihr Vorgänger Michael Boddenberg wechselte in die Regierung, nachdem der bisherige Finanzminister Thomas Schäfer sich das Leben genommen hatte.

Juristin und Ministerialrätin, berufliche Stationen im EU-Parlament und im Landtag – zuletzt als Europaexpertin und rechte Hand des Präsidenten, Kommunalpolitikerin, dreifache Mutter, mit einem Arzt verheiratet: Reichlich Erfahrung bringt sie mit. "Auf dem Zettel" für einen der wichtigsten Posten der Landespolitik hatte sich Claus aber selbst nicht. Die ersten Tage dieser Blitzkarriere dürften heftig gewesen sein, anmerken lässt sie es sich im Skype-Interview nicht.

hessenschau.de: Frau Claus, haben Sie inzwischen ganz realisiert, was da vor einer Woche geschehen ist?

Ines Claus: Es gibt schon noch Momente am Tag, an denen ich mir sage: Mensch, das ist wirklich alles passiert. Der Anruf von Volker Bouffier kam vergangenen Mittwoch, am Nachmittag. Es war zwar der 1. April, aber für einen Scherz war selbstverständlich die Lage zu traurig. Aber da ich mich selbst nicht auf dem Zettel hatte, habe ich kurz nachgedacht: Was läuft da gerade ab? Ich löse das wie häufig: Ich stürze mich in die Arbeit, nehme schnell Fahrt auf und arbeite mich in die anstehenden Themen ein. Da hat das Wochenende nach der Wahl schon sehr geholfen.

hessenschau.de: Im Landtag sitzen Sie erst seit Januar des vergangenen Jahres. Verraten Sie uns, wie Ihre Karriereplanung damals ausgesehen hat? Fraktionschefin im Frühjahr 2020 wird es wohl nicht gewesen sein.

Claus: Vor allem war ich damals unheimlich dankbar, dass ich es in den Landtag geschafft hatte. Denn das war alles andere als gewiss, und ich wollte vor allem den Wahlkreis Groß-Gerau II für die CDU behalten. Das war mein größtes Ziel...

…das Sie mit rund 300 Stimmen Vorsprung sehr knapp erreicht haben.

Claus: Es waren 246 Stimmen. Das weiß ich so genau, weil es in mehreren Wahlkreisen sehr eng war und mir dieser Erfolg sehr viel bedeutet. Damals habe ich mich mit der Kandidatur in eine Situation begeben, die alles andere als sicher war. Ich habe entschieden, es zu versuchen, und dass es geklappt hat, hat mich glücklich gemacht. Mein Karriereziel war dann, beim nächsten Mal wieder den Wahlkreis zu holen.

hessenschau.de: Und auf einmal sind Sie in einer Zeit Chefin der größten Landtagsfraktion, in der mancher froh sein dürfte, keine politische Verantwortung zu tragen. Das werden mit einbrechenden Steuereinahmen, drohendem Schuldenberg und härteren Verteilungskämpfen wohl keine rosigen Zeiten. Warum haben Sie nicht einfach nein gesagt, als Herr Bouffier anrief?

Claus: Es gibt Zeiten, in denen man einfach Verantwortung übernehmen muss. Am Tag vor diesem Anruf hatte Michael Boddenberg ein Amt übernommen, das sehr viel schwieriger anzunehmen war, gerade auch psychologisch. Denn es war unmittelbar mit dem Tod von Thomas Schäfer verknüpft. Er hat als Fraktionsvorsitzender einen sehr guten Job gemacht, und es war auch nicht seine Karriereplanung, Finanzminister zu werden. Wenn man dieses Vorbild vor Augen hat und wird dann angerufen, fühlt man ein großes Maß an Verantwortung. Also sagt man sich: Wenn ich auf dem Zettel stehe, dann ist es auch richtig, dass ich das annehme und trage.

hessenschau.de: Neben Überraschung und Freude wird Ihre Wahl bei dem ein oder anderen in der Fraktion auch Enttäuschung bewirkt haben. Bekommen Sie das neben den Gegenstimmen, die Sie auch erhalten haben, schon zu spüren?

Claus: Das kann ich sehr deutlich sagen: Nein. Gleich nach der Wahl habe ich angefangen, viel mit den Kollegen zu telefonieren. Das geht ja jetzt leider nicht im direkten Kontakt. Aber ich habe den Anspruch, dass wir einen sehr offenen Umgang miteinander haben. Es war schließlich das erste Mal, dass wir nicht nach Anciennität (Reihenfolge nach Dienstalter, Anm.d.Red.) entschieden haben. Wenn der ein oder anderer da erst einmal schlucken muss, kann ich das menschlich auch verstehen. Das nehme ich persönlich niemandem übel. Das Abstimmungsergebnis von knapp 80 Prozent ist auch nicht ganz unüblich in der Hessen-CDU. Es ist aber mein Anspruch, es beim nächsten Mal zu verbessern.

hessenschau.de: Jetzt muss vieles rasch entschieden werden. Handeln muss vor allem die Regierung. Schmälert das nicht auf bedenkliche Weise auch die Bedeutung ihrer neuen Funktion und die des gesamten Parlaments?

Claus: Momentan ist es unbestritten die Zeit der Exekutive. Das heißt aber nicht, dass das Parlament weniger Bedeutung hat, ganz im Gegenteil. Wir als Fraktion schauen, dass wir im Landtag richtig eingebunden werden. Auf der einen Seite habe ich jetzt die Aufgabe, der Regierung den Rücken zu stärken. Auf der anderen Seite muss aber sichergestellt sein, dass die Fraktion und das gesamte Parlament stattfinden und unterrichtet werden, um eben die notwendigen Gesetze auch beschließen zu können.

hessenschau.de: Kann das überhaupt funktionieren? Die zwei Landtagssitzungen seit Beginn der Coronakrise fanden im Eilverfahren statt, das Parlament fährt im Notbetrieb.

Claus: Es funktioniert gut, auch wenn es ein geänderter Modus ist. Wir stehen alle im Austausch, es finden viele Telefonschalten und Videokonferenzen statt. Gerade erst hatten wir auch eine Schalte mit allen Fraktionsvorsitzenden. Wir stehen also auch untereinander im Kontakt.

hessenschau.de: Gesundheitspolitik gehört neben Bildung und Familie zu Ihren Schwerpunkten. Ihr Mann ist Hausarzt, da bekommen Sie auch einiges mit. Welche Erfahrung kann die Politik schon jetzt aus der Corona-Krise ziehen?

Claus: Um das genau zu bestimmen, ist es noch etwas früh. Es zeigt sich schon jetzt, was ein stabiles Zusammenhalten bringen kann, auch über Parteigrenzen hinweg. Wir werden uns selbstverständlich den Gesundheitsbereich genau anschauen,die Digitalisierung wird ein weiterer Punkt sein. Das kann im Gesundheitswesen zum Beispiel die Telemedizin sein, mit der ein Hausarzt im Kontakt mit dem Patienten entscheidet, ob ein Hausbesuch nötig ist. Oder auch im Bildungswesen, wo wir mit der hessischen Schul-Cloud noch stärker nach vorne gehen können.

hessenschau.de: Ihre Wahl steht für einen Verjüngung der Partei. Bei der Wählerschaft haben Sie da einiges zu tun. Nur in der Altersgruppe ab 70 lag die CDU bei der jüngsten Landtagswahl noch vorne.

Claus: Inwieweit man mit 42 für eine Verjüngung steht, ist ja auch schon gefragt worden. Aber mit meiner Wahl sendet die Landtagsfraktion eindeutig schon einmal dieses Signal. Durch meinen Lebenslauf sagen wir zudem: Man kann auch mit Familie und Kindern Politik machen. Wir gehen in dieser Zeit auch neue Wege, wenn wir Vorstandssitzungen digital abhalten. Diese gesamte Entwicklung wird in meiner Person mit einer gewissen Glaubwürdigkeit verbunden. Dass wir stabil und verlässlich sind, haben wir lange Jahre bewiesen. Dass wir überraschen können, jung und alt können und Mann und Frau – das haben wir jetzt gezeigt.

hessenschau.de: Was den Einfluss von Frauen betrifft, bleibt der Nachholbedarf aber groß. Auf neun weibliche kommen 31 männliche CDU-Abgeordnete.

Claus: Alle unsere 40 Abgeordneten sind aber auch direkt in den Wahlkreisen nominiert und gewählt worden. Da hätte selbst eine Quote auf der Landesliste nichts gebracht. Umso mehr freut es mich, dass ich ganz starke Kolleginnen an meiner Seite habe. Nehmen Sie Sandra Funken, die ihren Wahlkreis im Odenwald knapp gewonnen hat. Das sind alles Signale für Frauen: Traut Euch, in den Wahlkreisen zu kandidieren und dort Politik zu machen.

hessenschau.de: Aber welche Politik? Die Junge Union, aber auch andere, fordern klarere und konservativere Kante der Hessen-CDU – nicht zuletzt gegenüber dem immer stärker gewordenen grünen Koalitionspartner. Wofür stehen Sie?

Claus: Meine Funktion an der Koalitionsspitze ist die des verbindenden Allrounders. Ich komme aus einem äußerst katholischen Umfeld, ich stehe in der Mitte. Es ist meine Aufgabe, das in der Koalition mit den Grünen abzubilden. Ich glaube, das weiß auch die Junge Union, mit der ich schon vorher in einem guten Kontakt stand.

hessenschau.de: Lassen Sie uns noch mal auf vergangene Woche zu sprechen kommen. Mit einem Zitat haben Sie Zeitungskollegen ohne eigenes Zutun Kritik beschert. Wissen Sie das eigentlich?

Claus: Ich kann mir vorstellen, um was es geht...

hessenschau.de: Kollegen hatten nach Ihrer Wahl die "dreifache Mutter aus der vierten Reihe" in die Überschrift genommen. Zwei Grünen-Politikerinnen erkannten es offenbar nicht als Originalzitat Ines Claus und beklagten sexistische Berichterstattung.

Claus: Es ist ein Zitat von mir, das stimmt. Wir wollen doch alle Frauen in Führungspositionen. Meine Wahl ist auch ein Zeichen für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Darum ging es mir in dem Moment mit dem Wortspiel, leicht ironisch und mit einem Augenzwinkern. Ärger wollte ich selbstverständlich nicht auslösen. In der Überschrift hätte aber auch gerne von Volljuristin und Ehrenamtlerin die Rede sein können.

Das Interview führte Wolfgang Türk