Schreibtisch mit Büroutensilien, im Vordergrund drei gelbe, runde Workshop-Karten, beschrieben mit "Schule neu", "Verhalten" und "Corona?".

Die Lage an Hessens Schulen in der neuen Corona-Welle? Die Opposition im Landtag spricht von "Chaos". Der Vorwurf prallt an Kultusminister Lorz ab – genau wie Forderungen nach Unterricht in Schichten oder Homeschooling.

Die Zeiten sind vorerst vorbei, in denen ganze Schulklassen den Sozialkundeunterricht auch einmal auf der Tribüne des Landtags in Wiesbaden verbringen konnten. Die unterschiedlichen Rollen von Regierungslager und Opposition hätten sie ohne pandemiebedingtes Besuchsverbot am Donnerstag in der x-ten Auflage der Debatte über Hessens Schulen in der Corona-Pandemie auf Anhieb erkannt.

Und das nicht nur, was die politischen Ziele betrifft. Auch die Lagebeschreibungen gehen mitten in der zweiten großen Ansteckungswelle so weit auseinander, dass sie aus verschiedenen Welten zu stammen scheinen. Klar ist: Auch an Hessens Schulen steigt zwar die Zahl der Fälle, mehr Schüler und mehr Lehrer sind - vor allem als Kontaktpersonen - in Quarantäne. Noch trifft es mit 3,4 Prozent (Schüler) und 4,2 Prozent (Lehrer) nur einen geringen Anteil.

Die Sicht der Opposition: Obwohl diese mit dem Herbst eingesetzte neue Corona-Welle mit Ansage kam, hat die Landesregierung wichtige Weichenstellungen versäumt. Es fehle an Lehrern, an Luftreinigungsanlagen, an Konzept und Technik für digitalen Fernunterricht - und die Schulbusse seien auch noch immer überfüllt.

Kritiker: Lorz "krachend gescheitert"

"Das Schulchaos, das wir gerade erleben, zeigt doch, wie krachend ihre Politik gescheitert ist“, fasste Elisabeth Kula (Linke) ihr Zeugnis für Kultusminister Alexander Lorz (CDU) zusammen. Mit einem Dringlichkeitsantrag wollten SPD und Linke erreichen, dass Lorz vor dem Winter noch umsteuert.

Ein wesentlicher Punkt: Es sollen landesweite Regeln gelten, ab welchen Infektionszahlen pro 100.000 Einwohner (Inzidenz) welche Etappe im Vier-Stufen-Plan für Schulen erreicht ist. Aktuell gilt Stufe zwei: Präsenzunterricht nach Hygieneplan und mit Maskenpflicht ab Klasse 5. Dabei wäre es nach Meinung der Lorz-Kritiker in vielen Landkreisen landesweit längst Zeit für Stufe drei: einen Wechsel aus Unterricht in der Schule und Homeschooling.

SPD will präventiven Schichtbetrieb

Auch Schichtbetrieb im Schulgebäude wäre doch möglich, um mit den Lerngruppen die Ansteckungsgefahr zu verringern, sagte der SPD-Abgeordnete Christoph Degen. Wie er hat auch der FDP-Bildungsexperte Moritz Promny den Verdacht: Stufe drei oder gar vier mit der kompletten völligen Umstellung auf Fernunterricht - das meidet die Landesregierung nicht nur aus sachlichen Gründen.

Denn dann träten, so die Kritik, wie im Frühjahr auch wieder eklatante Versäumnisse zu Tage: "Es fehlt den Schulen an den grundsätzlichen Voraussetzungen dafür. Sie bekommen es nicht geregelt", sagte Promny. Die Familien bräuchten aber Sicherheit, das entweder der Präsenz- oder der Distanzunterricht auch funktionierten.

CDU: Es läuft gut

Von "Stimmungen statt Tatsachen" sprach der CDU-Abgeordnete Armin Schwarz. Aufgrund der lokal unterschiedlichen Lage sei es richtig, dass die Gesundheitsämter über Einschränkungen befänden. Und die Schulen seien sehr wohl gut vorbereitet.

Wie Schwarz fand das auch der Grünen-Abgeordnete Daniel May: Die Regierung habe angemessen reagiert und unter anderem Geld für den Ersatz von Lehrkräften, die Anschaffung von Luftreinigungsgeräten und zusätzliche Schulbusse bereitgestellt. Wann und in welchem Umfang Schulen auf Wechselbetrieb umstellen sollten – diese wichtige Frage ließen SPD und Linke unbeantwortet.

Am Minister selbst prallte die Forderung nach einem sofortigen Strategiewechsel ab. "Solange es infektiologisch vertretbar ist, werde ich für jedes Kind an jedem Ort in Hessen um jeden Tag Präsenzunterricht kämpfen", sagte er. Das sei auch sozial geboten, wie die Folgen der Schulschließungen im Frühjahr gezeigt hätten. Im Übrigen beschäftige sich sein Ministerium seit Monaten mit nichts anderem als der Frage, wie die Schulen sicher durch Herbst und Winter kämen.

Erinnerungen an die Nachkriegszeit

"Sie reden die Bedingungen an den Schulen schön und nehmen die Sorgen von Lehrern, Eltern und Schülern nicht ernst“ – so fasste Christoph Degen den Befund der SPD dazu zusammen. Als Beispiel nannte er die Zahlen über coronabedingte Schulschließungen: Komplett seien vielleicht nur einige Schulen betroffen, aber vielerorts mehrere Klassen.

Die AfD hält Lorz' Kurs des Offenhaltens der Schulen zwar für richtig – schon weil Schulen keine wesentlichen Infektionsherde darstellten, wie ihr Abgeordneter Heiko Scholz sagte. Dass es an den nötigen Rahmenbedingungen fehle, findet sie aber genauso wie SPD, FDP und Linke. Das zeige schon die Empfehlung, auch im Winter viel zu lüften. Deshalb dicke Pullis zu tragen und warme Decken mitzubringen erinnere "eher an die Nachkriegszeit".

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Rund 26.000 Schüler zum Wochenbegin in Quarantäne

Mit dem erneuten Anstieg der Corona-Neuinfektionen müssen auch in Hessen zunehmend Schüler und Lehrer in Qurantäne - nach positiven Tests, vor allem aber als Kontaktpersonen. 26.123 von rund 760.000 Schülerinnen und Schüler nahmen Anfang der Woche wegen angeordneter Quarantäne nicht am Präsenzunterricht teil, wie das Kultusministerium mitteilte. Das entspricht einer Quote von 3,4 Prozent. Bei den Lehrern waren es 2.613 von 62.500 (4,2 Prozent). Beide Prozentwerte lagen laut Ministerium vor den Herbstferien dauerhaft unter einem Prozent.

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Sendung: hr-iNFO, 12.11.2020, 13.00 Uhr