Sechs neue Landtagsabgeordnete
Anfänger mit viel Erfahrung: Saadet Sönmez (Linke), Dirk Gaw (AfD), Katrin Schleenbecker (Grüne), Thomas Hering (CDU), Marion Schardt-Sauer (FDP) und Knut John (SPD) Bild © Collage hr

Das ist Rekord: Fast jeder zweite Abgeordnete im Landtag ist neu im Job. Der eine war früher Metzger, der andere Priesteramtskandidat. Die eine hat schon ihre erste Rüge kassiert, andere kamen noch nicht zu Wort. Sechs Beispiele für Freud' und Leid der Findungsphase.

Regierungserklärung des Innenministers, Wahl der Mitglieder des Parlamentarischen Kontrollausschusses: Besonders aufregend klingen die Themen zu Beginn der zweiten Plenarwoche des hessischen Landtags nicht gerade. Routiniert abspulen werden viele Abgeordnete das Programm trotzdem nicht. Denn sie sind noch in der Findungsphase.

So viel Neuanfang war noch nie. 61 der 137 Mandatsträger sind zum ersten Mal ins Parlament gewählt worden. Sechs Beispiele zeigen: Die Anfänger bringen viele anderweitige Erfahrungen in den Landtag. Und so bunt wie die Truppe der Neuen ist, so verschieden sind auch ihre bisherigen Eindrücke vom parlamentarischen Betrieb. Eine Erfahrung eint sie über Fraktionsgrenzen hinweg. Die Wochenarbeitzeit ist mit dem neuen Job sprunghaft gestiegen.

Bei Aldi geht's schneller: Knut John (56, SPD)

In seinem ersten Beruf als Fleischer hat es Knut John bis zum Meister gebracht. Nach dem Studium der Ernährungswissenschaft war er dann im Handel. Expansionsleiter bei Aldi, Projektleiter "Dorfladen" bei Tegut - das berechtigt den 56-Jährigen aus Eschwege zum Vergleich: "In der Wirtschaft wird beschlossen und gemacht. In der Politik dauert es bis zu einem Ergebnis oft deutlich länger." Sein Mandat aber kam schnell: John ist seit drei Jahren SPD-Mitglied.

Dass es in seiner Fraktion keine stark unterschiedlichen Strömungen gebe, gefällt ihm besonders. Dass er noch keine Rede im Landtag gehalten hat, stört ihn nicht. "Das wird kommen. Es ist mir ganz lieb, wenn ich mich erst ein bisschen eingewöhnen kann." Bis John sich an die Präsenz der AfD im Landtag gewöhnt hat, könnte es länger dauern. "Von da kommt viel Unwahres."

Knut John (SPD)
Knut John (SPD) Bild © SPD/Angelika Aschenbach

Praline geschnappt: Marion Schardt-Sauer (48, FDP)

Man muss sich Marion Schardt-Sauer (FDP) als besonders glückliche Neu-Abgeordnete vorstellen. Das Wort Freude fällt oft, wenn die Limburgerin über ihr Mandat spricht. Zum Beispiel darüber, dass sie als Fachanwältin für Familienrecht die FDP im rechtspolitischen Ausschuss vertritt: "Das war für mich die Praline im Setting."  Die 48-Jährige war früher unter anderem Geschäftsführerin im Bauernband und Referatsleiterin im Wirtschafts- und im Umweltministerium.

Zu Wort ist sie im Plenum schon mehr als einmal gekommen - das ist der Vorteil, wenn die Fraktion klein ist. Gleich am Anfang ging es um Etatfragen. "Es war schön, mit den anderen auf fachlicher Ebene die Klinge zu kreuzen." Dass sie direkt neben der AfD sitzt, zu der die meisten Abgeordneten auf Distanz gehen, macht Schardt-Sauer nicht befangen. "Ich begegne allen, die gewählt worden sind, erst einmal mit Respekt", sagt sie.

Marion Schardt-Sauer (FDP)
Marion Schardt-Sauer (FDP) Bild © privat

Allergie gegen Druck: Thomas Hering (47, CDU)

Bis er seine spätere Frau kennenlernte, war Thomas Hering ein Kandidat fürs katholische Priesteramt, dann Polizist, nun Politiker. "Meine Lebensabschnitte haben mehr Gemeinsamkeiten, als man zunächst annehmen möchte. Alle haben mit Menschen zu tun, auch in Ausnahmesituationen", sagt der 47-Jährige aus Fulda. So spontan wie im Stadtparlament in Fulda gehe es im Landtag längst nicht zu.  "Hier läuft das hochstrukturiert, Wortmeldungen kommen seltener."

Die Premiere als Redner steht Hering noch bevor. Geärgert hat den CDU-Politiker, dass gleich zum Auftakt ein Antrag der Opposition auf namentliche Abstimmung kam. "Mich stört, wenn man glaubt, mit Druck Einfluss auf meine Entscheidungen nehmen zu können. Ich stehe zu meiner Linie, ob geheim oder öffentlich." Und manche Fraktionsentscheidung müsse man eben "schweren Herzens" mittragen. Sonst werde Regieren unmöglich.

Thomas Hering (CDU)
Thomas Hering (CDU) Bild © privat

Erste Rede, erste Rüge: Saadet Sönmez (46, Linke)

"Die Tage werden immer länger", sagt Saadet Sönmez und meint nicht die Jahreszeit. In ihrem früheren Berufsleben war die Frankfurterin Sozialarbeiterin, zuletzt in einer Klinikambulanz. Nach 26 Jahren gesellschaftspolitischer Basisarbeit sei sie die im Landtag fällige Kontroverse mit dem politischen Gegner noch nicht so gewöhnt – und auch nicht das notwendige Eingehen von Kompromissen. "Man muss lernen, damit umzugehen."

Als Mitglied der kleinsten Fraktion war sie schon zweimal am Rednerpult. Und gleich beim erste Auftritt kassierte die 46-Jährige eine Rüge, die erste in der Legislaturperiode überhaupt: Eine "rassistische Einstellung" warf Sönmez der FDP  vor, weil die beim Asylrecht weitere Staaten als sichere Herkunfstländer einstufen wollte. "Da hab ich mich etwas im Ton vergriffen. Aber ich werde schon weiter versuchen, die Dinge beim Namen zu nennen."

Saadet Sönmez (Linke)
Saadet Sönmez (Linke) Bild © privat

(Noch) kein Beifall: Dirk Gaw (46, AfD)

"Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal Berufspolitiker werde", sagt Dirk Gaw von der AfD. Der 46-Jährige aus Hammersbach (Main-Kinzig) lernte Einzelhandelskaufmann, leitete das Sportgeschäft der Familie und wurde dann Polizist. Der Landtag sei da schon eine andere Welt - auch verglichen mit dem Kreistag, den er kennt. "Mit den vielen wortgewandten Profis dort war das eine gute Schule. Aber hier sind Niveau und Tempo doch noch etwas höher."

Seine erste Wortmeldung - über Rechtsextreme bei der Polizei - hat Gaw hinter sich. "Ich kann’s eigentlich besser. Aber fürs erste Mal war es in Ordnung", findet er. Der 46-Jährige verurteilte extremistische Tendenzen, lobte die Ermittler, zeigte Verständnis für den Innenminister. Beifall kam trotzdem nur von den eigenen Leuten. "Ich bin nun mal AfD-Politiker. Da klatscht man nicht – noch nicht“, sagt Gaw. Er wisse aber: Die Rede sei bei vielen gut angekommen, "die das offiziell nicht zugeben könnten." Und wegen des Beifalls der anderen sitze er ja nicht im Landtag.

Dirk Gaw (AfD)
Dirk Gaw (AfD) Bild © hr

Die Patzer der anderen: Katrin Schleenbecker (42, Grüne)

Sechs Jahre hat die Grüne aus Heuchelheim (Gießen) bei einem Bio-Catering-Service gearbeitet – nebenher im Studium. Hauptberuflich ist es längst die Politik: als Mitarbeiterin für grüne Bundestags- und Landtagsabgeordnete, zuletzt als Büroleiterin der Schuldezernentin im Kreis Gießen. "Wer applaudiert wem bei welchem Thema, wer stimmt mit wem? Das fand ich schon spannend", sagt die 42-Jährige über die ersten Sitzungen als Landtagsabgeordnete.

Gestört hat sie eine Initiative von SPD und Linkspartei zur Freilassung politischer Gefangener in der Türkei - nicht wegen des Inhalts, ganz im Gegenteil. "Es hätte der Sache geholfen, wenn man so etwas Wichtiges von Beginn an gemeinsam gemacht hätte." Und die erste Rede? "Ich hätte sie gerne gehalten", sagt Schleenbecker. Wegen einer formalen Panne der AfD fiel die Debatte über den Islamunterricht in letzter Sekunde  aus - und damit auch der Premieren-Auftritt der Grünen-Politikerin.

Katrin Schleenbecker (Grüne)
Katrin Schleenbecker (Grüne) Bild © Grüne