Männerhände
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Mike ist homosexuell. Weil er sich deshalb schuldig fühlte, machte er eine Konversionstherapie, die sein "Schwulsein wegtherapieren" sollte. Das brachte ihn an den Rand des Selbstmords. Das Land setzt sich im Bundesrat für ein Verbot dieser zweifelhaften Therapien ein.

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Mike Konversionstherapie

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"Gott will das nicht. Wenn du dein Leben nicht änderst, bist du tot, ewig tot", redete sich Mike damals als Jugendlicher ein. Es beschämte ihn, dass er sich zu Männern hingezogen fühlte. "Ich bat Gott in meinen Gebeten immer wieder um Vergebung", erinnert er sich. Aufgewachsen in einer streng evangelikalen Gemeinde habe er Homosexualität als Sünde betrachtet, sagt Mike, der aus Bad Homburg kommt. Seinen Nachnamen will er lieber nicht öffentlich machen.

Therapie sollte "Schwulsein wegtherapieren"

Ein christlicher Therapeut empfahl ihm schließlich eine sogenannte Konversionstherapie, die "sein Schwulsein wegtherapieren sollte". Bei einer Organisation evangelikaler Christen in Frankfurt fand er dafür ein Therapieangebot.

Teil seiner "Therapie" sei gewesen, dass er sofort alle Kontakte zu anderen Homosexuellen abbrechen und versprechen musste, niemals jemandem von den Inhalten seiner Therapie zu erzählen. Doch er fühlte sich durch die Sitzungen nicht besser - im Gegenteil: Er wurde immer einsamer, irgendwann dachte er an Selbstmord. Das war vor fast 20 Jahren.

Bereits vor mehr als fünf Jahren hat der Weltärztebund Konversionstherapien als "unverantwortliche Praktiken" verurteilt und deren Verbot empfohlen. In einer Stellungnahme wurde von "Menschenrechtsverletzung" gesprochen. Doch auch heute noch werden solche Behandlungen praktiziert. Besonders evangelikal geprägte Gruppierungen propagieren diese "Umwandlungstherapien".

DIJG gegen Verbot von Konversionstherapien

In Hessen fällt in diesem Zusammenhang immer wieder der Name des "Deutschen Instituts für Jugend und Gesellschaft" (DIJG) in Reichelsheim (Odenwald). Das DIJG gehört zur Offensive Junger Christen, einem Fachverband des Diakonischen Werks der Evangelischen Kirche. Das Institut bietet selbst keine Konversionstherapien an, von einem Verbot hält dessen Leiter Jeppe Rasmussen dennoch wenig. Er sagt: "Wir erwarten Respekt gegenüber Menschen, die den Wunsch haben, heterosexuell zu leben." Dieser Wunsch solle nicht diskreditiert und vor allem nicht mit einem Gesetz kriminalisiert werden.

Für das Hessische Sozialministerium stellen die Positionen des Vereins zu sexueller und geschlechtlicher Identität "Randpositionen dar, die von den maßgeblichen Fachgesellschaften abgelehnt werden. Diese sprechen sich ausdrücklich gegen eine Pathologisierung von Homo- und Transsexualität aus."

Hessen für Verbot von Konversionstherapien

Sozialminister Kai Klose (Grüne) kündigte jetzt an, mit einer Initiative gegen Konversionstherapien vorzugehen. Die Landesregierung kann sich dabei auf eine breite Unterstützung aus dem Landtag stützen, wie eine Abstimmung in dieser Woche in Wiesbaden ergab. Die Initiative sei ein wichtiger Schritt, um Menschen in ihrer sexuellen Orientierung zu stärken, betonte Klose. "Homosexualität ist weder eine Erkrankung noch eine Störung und deshalb auch in keiner Weise behandlungsbedürftig." Kommende Woche (12. April) will die schwarz-grüne Regierung gemeinsam mit Berlin, Bremen, dem Saarland und Schleswig-Holstein einen Antrag in den Bundesrat einbringen. Weitere Bundesländer hätten ihre Zustimmung signalisiert, so Klose.

Unterstützung erfährt die Position der Landesregierung auch von den Kirchen. In manchen dieser "Therapien" würde sogar Gewalt angewandt, die einem Exorzismus ähneln, sagt Ansgar Wucherpfennig, Rektor an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt. Konversionstherapien sind für ihn "ein massiver spiritueller Missbrauch" und biblisch in keiner Weise zu rechtfertigen.

Evangelische Kirche: Bibel nicht wörtlich nehmen

Auch Volker Rahn, Pfarrer und Sprecher der Evangelischen Kirche Hessen-Nassau (EKHN), sagt: Fundamentalistische Kreise, die teilweise Konversionstherapien durchführten, nähmen die Bibel wortwörtlich. Würde man das wirklich tun, müsse etwa Ehebruch mit Steinigung bestraft werden. Ähnlich verhielte es sich mit den kritischen Aussagen zur Homosexualität. Die EKHN begrüße ausdrücklich den Vorstoß zum Verbot von Konversionstherapien.

Mike hat seinen "Umpolungsversuch" mittlerweile hinter sich gelassen. Er steht zu seiner Homosexualität und hat einen Partner gefunden, mit dem er in einer "glücklichen" Beziehung lebt. Und: "Natürlich glaube ich an Gott."

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