Ein Jahr lang war Kultusminister Alexander Lorz (CDU) Präsident der Kultusminister-Konferenz. Ein turbulentes Jahr. Der Lehrermangel, die Debatte um fehlerhafte Prognosen und den Einsatz ungelernter Lehrer haben seinen Vorsitz geprägt. Wo Lorz überzeugen konnte - und wo nicht.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Lorz gibt KMK-Vorsitz ab: "Es war ein zweiter Fulltime-Job"

Kultusminister Alexander Lorz
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Die Kultusminister-Konferenz (KMK) soll dafür sorgen, dass die Bundesländer bei der Bildung prinzipiell an einem Strang ziehen. Im vergangenen Jahr ist ihr das unter dem Vorsitz von Alexander Lorz (CDU) nur in Teilen gelungen. Einige Baustellen werden der neuen Präsidentin Stefanie Hubig (SPD), Bildungsministerin in Rheinland-Pfalz, hinterlassen. Ein Überblick:

Lehrermangel nimmt weiter zu

Der Lehrermangel herrscht in fast allen Bundesländern und hat gerade im Bereich der Grundschulen nicht abgenommen. Im Gegenteil: Auch in den kommenden Jahren wird er deutschlandweit in allen Schulformen außer an Gymnasien zunehmen.

Alexander Lorz betont im Interview mit hr-iNFO, man habe in Hessen bereits Vorkehrungen getroffen, um für das Mehr an Kindern auch ein Mehr an Lehrern parat zu haben.

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Nur: Der Lehrermangel ist nicht nur aufgrund erhöhter Geburtenraten, kleineren Klassengrößen und Ganztagesbetreuung oder wegen gestiegener Migration entstanden, sondern vor allem, weil die Kultusminister – und das muss sich Lorz auch in seiner Rolle als Hessens Bildungschef vorwerfen lassen – ihn jahrelang nicht haben kommen sehen. Und so wird auch in Hessen bis 2025 der Lehrermangel um weitere 4.000 fehlende Lehrer zunehmen, wie aus einer Prognose der KMK hervorgeht. Besonders prekär wird es bei den Grundschullehrern sein.

Acht Prozent Quereinsteiger in Hessen

Momentan werden die Lücken durch Quereinsteiger ohne Lehramtsstudium gefüllt. In Hessen machen sie derzeit acht Prozent aller Lehrer aus - es gibt also 4.900 Quereinsteiger unter den insgesamt 59.000 Lehrkräften in Hessen. Vom "Verbrechen an den Kindern" - wie Heinz-Peter Meidinger vom Deutschen Lehrerverband sagte - und einer verlorenen Generation ist oft die Rede, wenn über Quereinsteiger berichtet wird. Die hessische Lehrergewerkschaft Erziehung und Wissenschaft kritisiert den zunehmenden Einsatz von Lehrern ohne Lehramtsstudium ebenfalls. Quereinsteiger würden genutzt, um die Unterrichtszahlen gut aussehen zu lassen, "während die Qualität den Bach runter geht".

Dabei wird oft übersehen, dass viele Quereinsteiger nicht nur die Lücken füllen, sondern mitunter viel Engagement in ihre Arbeit und Aus- und Weiterbildung stecken. Die KMK und Lorz wären gut beraten gewesen, die Weiterqualifizierung dieser Personen voranzutreiben, ehe diese das Weite suchen. Die Bundesländer haben es unter der Lorz' Präsidentschaft allerdings nicht geschafft, eine einheitliche Qualifizierung zu erarbeiten.

Prognosen sollen zuverlässiger werden

Beim Antritt von Lorz war längst klar, dass der Lehrermangel seine Präsidentschaft bestimmen wird. Denn im Oktober 2018 hatte die KMK erstmals eine bundesweite Lehrerbedarfsprognose für die Zeit bis 2030 vorgelegt. Die stellte sich allerdings rasch als unzutreffend heraus und musste nicht zuletzt aufgrund einer deutlich höheren Prognose der Bertelsmann Stiftung nach oben korrigiert werden.

Lorz wollte diese Prognosen von der KMK bundesweit und vor allem regelmäßiger zusammentragen zu lassen. Das ist ihm mit einem nun festgelegten einjährigen Rhythmus gelungen. In einem Antrittsinterview versprach er außerdem: "Da zerbrechen sich in allen Ministerien Heerscharen von hoch qualifizierten Mathematikern und Statistikern den Kopf, wie die Prognosen noch zuverlässiger werden können." Heute wirke es so, als ob sie Prognosen – oder zumindest deren Veröffentlichung – eher verhindern wollten.

Länder behalten ihre Hoheit - Aus für nationalen Bildungsrat

In Lorz' Amtszeit fiel auch der Streit um den sogenannten Nationalen Bildungsrat. Mit Hilfe des Bundes sollten die Länder über den Bildungsrat bessere und einheitlichere Bildungsstandards und -Abschlüsse bekommen. Das hatte sich die schwarz-rote Koalition in Berlin in den Koalitionsvertrag geschrieben. Unter anderem Bayern und Baden-Württemberg fürchteten, dass der Bund die Bildungshoheit der Länder beschneiden könnte – und ließen das Projekt kurzer Hand vor die Wand fahren.

Dass der Nationale Bildungsrat nicht kommt, ist für den scheidenden KMK-Präsidenten Lorz kein Verlust: "Weil uns ist allen nicht damit gedient ist, wenn da ein Gremium frei im Raum schwebt, das eigentlich keine operativen Zuständigkeiten hat, keine klar definierten Kompetenzen, aber trotzdem überall mitreden und die Richtung vorgeben soll. Das geht nie gut!" Deswegen sei er froh, dass es so nicht käme. Positiv bewertet Lorz hingegen, dass die KMK stattdessen ein ständiges Beratungsgremium beschlossen hat.

PISA: Schüler schneiden im internationalen Vergleich schlecht ab

Auch die schlechten Ergebnisse der aktuellen Pisa-Studie fielen in Lorz' Präsidentschaft. Die deutschen Schüler haben sich im internationalen Leistungsvergleich leicht verschlechtert. Besorgniserregend, dass jeder fünfte 15-Jährige in Deutschland Texte nicht mehr sinnverstehend lesen kann. Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) nannte das "erschreckend“. Lorz sieht Handlungsbedarf: "Das ist auch einer der Punkte, die uns am meisten zu denken geben müssen." Getestet wurde in den Bereichen Mathematik, Naturwissenschaften und Lese-Kompetenz.

Hohe Investitionen für digitale Schule

Ein weiteres Anliegen war der Digitalpakt, der zwischen Bund und Ländern verhandelt wurde. Bis zu 5,5 Milliarden Euro stehen für Investitionen in die digitale Infrastruktur der Schulen bereit, also etwa für schnelles W-LAN und Whiteboards in den Klassenzimmern. Den Großteil der Summe (5 Milliarden Euro) stellt dabei der Bund zur Verfügung. Der Digitalpakt ist auf fünf Jahre ausgelegt. Für Lorz ist der Digitalpakt auch ein Beleg für die Handlungsfähigkeit der KMK.

Deutsch als Bildungssprache gestärkt

Alexander Lorz selbstgesetztes Ziel der Förderung der Bildungssprache Deutsch als "Zugangstor zur gesamten Bildungslaufbahn" blieb ob dieser Probleme weitgehend im Hintergrund. Um Schülern künftig "bessere Sprachkompetenzen mit auf den Weg geben" wurden gemeinsame Leitlinien der KMK entwickelt – mit dem Ziel, die Chancengleichheit von Schülern zu stärken. Bisher sei die Frage "Wie gestaltet man Deutsch-Unterricht?" eher als fachwissenschaftliche Diskussion geführt worden, so Lorz. 

"Und jetzt ist das Bewusstsein überall da, dass in einer Zeit, in der eben ganz, ganz viele Schülerinnen und Schüler nicht-deutscher Muttersprache in die Schulen kommen, wir diesem Erlernen der Bildungssprache Deutsch einen ganz anderen Stellenwert beimessen müssen", sagte Lorz. Für ihn war es ein Erfolg, immerhin dieses Kernziel umgesetzt zu haben.

Sendung: hr-iNFO, 16.01.2020, 6.00 Uhr