Roter Stift und gemaltes Kreuzchen auf einem Zettel

Bei den OB-Stichwahlen in Mittelhessen könnte es besonders spannend in Marburg werden. In Wetzlar macht eine gekaufte Wahlempfehlung Schlagzeilen. Auch in anderen Kommunen werden neue Rathauschefs gesucht.

In Marburg und Wetzlar entscheidet sich am Sonntag, wer als neuer Oberbürgermeister ins Rathaus einzieht. Beim ersten Wahlgang vor zwei Wochen erhielt kein Kandidat und keine Kandidatin die erforderliche absolute Mehrheit. Nun muss die Stichwahl entscheiden.

Wetzlar

Das Rennen war knapp vor knapp zwei Wochen. Sehr knapp. Fast hätte Wetzlars amtierender Oberbürgermeister Manfred Wagner (SPD) sich im ersten Wahlgang die nötige Mehrheit für eine zweite Amtszeit gesichert. Gerade mal 0,6 Prozentpunkte blieb der 61-Jährige unter der 50-Prozent-Marke. Deshalb muss Wagner sich an diesem Sonntag einer Stichwahl mit seinem Herausforderer Michael Hundertmark (CDU) stellen. Hundertmark hatte im ersten Wahlgang 25,9 Prozent der Stimmen erhalten.

Themen

Bei den drei wichtigsten Themen liegen die Kandidaten gar nicht weit auseinander. Für mehr bezahlbaren Wohnraum setzen beide auf neue Wohnungen durch die städtische Wetzlarer Wohnungsgesellschaft WWG. Hundertmark betont außerdem, dass es mehr finanzielle Anreize für private Investoren geben soll.

Beim Verkehr setzt sich Wagner für mehr autofreie Straßen und Plätze in der Innenstadt ein. Wenn die marode Hochstraße B49 in ein paar Jahren abgerissen wird, wollen beide Kandidaten, dass die Strecke dann nicht mehr durch die Innenstadt verläuft, sondern durch einen Tunnel an einer anderen Stelle.

Die "Domhöfe", eine Betonbausünde aus den 1970er und 1980er Jahren, sollen weg. Da sind sich beide Kandidaten einig. Doch wie soll das Gebiet entwickelt werden? Kritiker bemängeln, dass die Bürger zu wenig an dem städtebaulichen Prozess beteiligt gewesen seien. Amtsinhaber Wagner sieht das anders. Herausforderer Hundertmark betont dagegen, dass er die Bürgerinnen und Bürger mehr bei solchen Entscheidungen einbinden will.

Wahlempfehlungen

Eine Wahlempfehlung ist auf jeden Fall gekauft. Dominic Harapat von der Satire-Partei Die Partei war in der ersten Runde unterlegen und versteigerte danach auf Ebay seine Empfehlung. Am Ende bot jemand 530 Euro und entschied, dass die Empfehlung an Amtsinhaber Wagner gehen soll. Das Geld will Harapat nicht selbst behalten, sondern an das Frauenhaus in Wetzlar spenden.

Auch Grüne, Linke und den Freie Wähler sprechen sich für Wagner aus. FDP und AfD wollen keine Wahlempfehlung aussprechen.

Marburg

Schleifen die Grünen nach Kassel die nächste SPD-Hochburg? Vor zwei Wochen mussten sich die Marburgerinnen und Marburger zwischen neun Kandidatinnen und Kandidaten entscheiden, an diesem Sonntag stehen nur noch zwei auf dem Wahlzettel: Amtsinhaber Thomas Spies (SPD) und Nadine Bernshausen (Grüne). Spies hatte in der ersten Runde 33,9 Prozent geholt, Bernshausen 26,0 Prozent.

Themen

Bezahlbarer Wohnraum spielt in einer Studentenstadt wie Marburg immer eine große Rolle. Hier wollen sich beide Kandidaten für mehr neue Wohnungen einsetzen. Beim Thema Verkehr in der Innenstadt setzt Bernshausen vor allem auf mehr Öffentlichen Nahverkehr. Spies will vor größeren Änderungen erstmal abwarten, bis die Stadt ihr Verkehrskonzept mit dem Titel "moVe 35" ausgearbeitet hat.

Das dritte größere Thema ist die Videoüberwachung per Knopfdruck im Jägertunnel. Nachdem mehrere Frauen dort sexuell belästigt wurden, hat sich die Verwaltung für ein Modellprojekt entschieden: Ist jemand in Gefahr, kann sie oder er einen der Knöpfe an der Wand in dem Fußgängertunnel drücken, wodurch eine Videoübertragung zur Feuerwehr gestartet wird. Beide Kandidaten stehen hinter dem Projekt. Während Spies sich aber auch mehr Videoüberwachung vorstellen kann, weist Bernshausen darauf hin, dass sie aus Datenschutzgründen davon nicht begeistert wäre.

Wahlempfehlungen

Für wen werden sich die Wählerinnen und Wähler der unterlegenen Kandidaten entscheiden? Dirk Bamberger (CDU) holte im ersten Wahlgang 22,4 Prozent, Renate Bastian (Linke) 6,3 Prozent. Die CDU spricht keine Wahlempfehlung aus. Die Linken empfehlen SPD-Amtsinhaber Spies, weil sie bei der Grünen-Kandidatin Bernshausen befürchten, dass sich "in Marburg nach dem Muster von Wiesbaden eine schwarz-grüne Liaison" andeutet.

Spies setzt auf Nachfrage von hessenschau.de auf seinen Amtsbonus: "Die Menschen in ganz Marburg wissen sehr genau, was sie an mir haben. Ich stehe für klare Themen: mehr bezahlbare Wohnungen, konsequente Umsetzung des Klima-Aktionsplans, konsequenter sozialer Ausgleich, Stärkung von Kultur und Vereinen sowie keinen Millimeter Raum für Rechtsradikale und Rassisten."

Bernshausen weist darauf hin, dass sich in ihrem Programm viele Punkte der ausgeschiedenen Kandidaten wiederfänden: "Zum Beispiel der von der Klimaliste geforderte konsequente Klimaschutz. Auch die von den Linken angemahnte stärkere soziale Gerechtigkeit bei der Wohnraumversorgung ist bei mir gut verankert. Und liberalen und konservativen Wählerinnen und Wähler pflichte ich bei, dass wir die Fragen der Stadtentwicklung und Mobilität nicht gegen Handel und Wirtschaft, sondern nur im städtischen Dialog vorantreiben sollten."

Bürgermeisterwahlen auch in sieben weiteren Kommunen

Außerdem finden an diesem Wahl-Sonntag in Hessen noch Bürgermeisterwahlen in folgenden Kommunen statt: Limburg, Dietzenbach (Offenbach), Friedrichsdorf, Glashütten, Oberursel (jeweils Hochtaunus), Siegbach (Lahn-Dill) und Kelkheim (Main-Taunus).

Sendung: hr-fernsehen, hessenchau, 28.03.2021, 19.30 Uhr