Eine Frau in Südafrika mit Mundschutz

Mit Corona rückt der Ausnahmezustand auf einmal bis vor unsere eigene Haustür. Die Frankfurter Organisation Medico International hilft weltweit in Ländern, die viel schlechter aufgestellt sind. Dort zeichne sich eine "nie da gewesenen Extremsituation" ab.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Anne Jung: "Die Pandemie im globalen Süden steht uns noch bevor"

Anne Jung, Expertin für globale Gesundheit bei Medico International
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Seit 50 Jahren setzt sich Medico International von Frankfurt aus für Menschenrechte und Hilfe in den armen Regionen der Welt ein, gerade auch bei der Gesundheitsversorgung. Die Bewältigung akuter Krisen ist für die Organisation eine Daueraufgabe. Doch die neue Corona-Pandemie ist eine nie gekannte Herausforderung.

Medico International und andere Nichtregierungsorganisationen sprechen unabhängig von der Geographie nicht von Entwicklungs- und Schwellenländer, sondern vom Globalen Süden. Und dort ist es nicht die Covid-19-Erkrankung alleine, die nun eine enorme Bedrohung darstellt, wie Anne Jung im Interview mit hessenschau.de erklärt. Sie ist Expertin für globale Gesundheit bei Medico International.

hessenschau.de: Frau Jung, mit dem Coronavirus ist auf einmal Deutschland zur Krisenregion geworden, viele Sorgen sich um Probleme vor der eigenen Haustür. Fällt Hilfe für den Globalen Süden da hinten herunter?

Anne Jung: In der Tat war die öffentliche Debatte in den vergangenen Wochen sehr auf nationale und europäische Probleme fokussiert. Auch wenn es um Rettungsschirme ging, waren die primär national oder innereuropäisch ausgerichtet. Hilfen für den Süden wurde nicht mitgedacht. Auf der anderen Seite beobachten wir derzeit eine gegenläufige Tendenz zu mehr Solidarität.

hessenschau.de: Wie meinen Sie das?

Jung: Die Coronakrise scheint einigen die eigene Verletzlichkeit sehr bewusst zu machen. Sie fühlen sich anderen in der gleichen Situation, noch einmal näher, auch wenn sie an ganz anderen Orten der Welt leben. Einige wenden sich deswegen derzeit gezielt an uns, um zu spenden. Es geht ihnen darum, jetzt in der Krise ein globales Bewusstsein zu schaffen. Noch ist es aber zu früh zu sagen, wie es länger- oder mittelfristig für unser Spendenaufkommen aussieht. Wir machen uns durchaus Sorgen, wie es weitergeht, vor allem weil die Herausforderung derzeit so groß ist wie nie.

hessenschau.de: Was bedeutet die derzeitige Coronakrise für Ihre Arbeit?

Jung: Wir haben eine noch nie da gewesene Extremsituation. Anders als bei anderen Notlagen, die immer spezifisch für bestimmte Länder oder Regionen gelten, betrifft die Pandemie alle Länder gleichzeitig, in denen wir aktiv sind. Das sind immerhin 30 Länder im Globalen Süden, in denen wir Projektpartnerinnen und -partner unterstützen. Erschwerend kommt dazu, dass wir hier in Frankfurt fast alles aus dem Homeoffice heraus koordinieren und teils noch auf Kinder aufpassen müssen.

hessenschau.de: Noch ist das Coronavirus vor allem auf der nördlichen Halbkugel und weniger in den Ländern im Süden angekommen. Was passiert, wenn es sich dort ausbreitet?

Jung: Die Pandemie in der großen Breite steht dort noch bevor, das stimmt. Aber die Auswirkungen. werden erheblich sein. Abstand halten, Hände regelmäßig waschen und zuhause bleiben, diese Schutzmaßnahmen greifen in einigen Ländern gar nicht. Nicht alle haben Zugang zu sauberem Wasser, oder sie leben schlichtweg viel zu beengt, um Distanz zu wahren. Unter solchen Umständen kann sich das Virus rasend schnell ausbreiten. Wir rechnen aber nicht nur wegen des Virus mit zahlreichen Toten, sondern auch wegen der Begleitumstände.

Soldaten patroullieren in einem dicht besiedelten Township in Südafrika

hessenschau.de: Tote nicht nur wegen des Virus selbst?

Jung: Bei sehr vielen armen Menschen hängt das tägliche Überleben daran, das Haus zu verlassen, um Geld zu verdienen auf den Märkten, Baustellen oder anderen Wegen. Sie haben keine Rücklagen. Wenn es Ausgangssperren gibt und sie nicht mehr arbeiten können, ist das für sie sofort eine existenziell bedrohliche Situation, weil sie einfach nicht mehr genug zu Essen haben.

hessenschau.de: Sind die Gesundheitssysteme auf die Krise vorbereitet?

Jung: Wenn ich mir anschaue, wie das Gesundheitssystem in der hochentwickelten westlichen Metropole New York derzeit kollabiert, dann ist das schon eine schlimme Situation. In den Ländern, in denen wir aktiv sind, ist die Versorgung zum Teil wegen fehlender Ärzte oder Krankenversicherungen noch einmal dramatischer. Außerdem gibt es dort oft wenige Möglichkeiten, Intensivpatienten mit Lungenerkrankungen zu versorgen.

hessenschau.de: Medico International warnt derzeit besonders vor der Gefahr für Südafrika. Warum?

Jung: Wenn sich Covid-19 in Südafrika ausbreitet, drohen dramatische Folgen. Wir erwarten, dass Südafrika sich innerhalb des afrikanischen Kontinents zu einem Epizentrum für das Virus entwickeln wird. Nur die privat Versicherten haben eine Krankenversicherung. 80 Prozent der Gesundheitsressourcen kommen 15 Prozent der Bevölkerung zu.

Für den Rest greifen staatliche Systeme, die allerdings sehr schlecht ausgestattet sind. Hier springen sogenannte "Community Health Worker" ein. Das sind zumeist Frauen aus den Gemeinschaften, die ein niederschwelliges Gesundheitsangebot machen. Der Staat bindet sie teilweise aktiv in den Gesundheitssektor ein, sie haben aber kaum Schutzausrüstung und sind zudem sehr prekär angestellt und zu Niedriglöhnen.

hessenschau.de: Und sie spielen eine wichtige Rolle bei der Bekämpfung des Virus?

Jung: Den Gesundheitsarbeiterinnen aus den Gemeinden kommt eine zentrale Funktion zu. Wenn sie keine Schutzkleidung bekommen oder wegen der schlechten Beschäftigungbedingungen krank zur Arbeit gehen, wird natürlich riskiert, dass sie das Virus weiterverbreiten. Sie müssen besser finanziell abgesichert und mit Schutzausrüstung ausgestattet werden. Die Frauen selbst fordern zudem die Öffnung der privaten Krankenhäuser für alle und nicht nur für die verschwindend geringe Zahl der Privatversicherten.

hessenschau.de: In Südafrika wurden drastische Ausgangssperren verhängt. In dem Zusammenhang ist auch von gewalttätigen Übergriffen durch Polizei und Militär und sogar Todesfällen die Rede. Ist das ein zusätzliches Problem?

Jung: Ja. Obwohl Südafrika ein demokratischer Staat ist, geht die Polizei äußerst brutal gegen die Menschen vor, um die Ausgangssperren durchzusetzen. Allerdings wurde zuvor weder genug informiert darüber, wie sich die Menschen angesichts von Corona verhalten sollen. Noch wurden die Rahmenbedingungen geschaffen, die es armen und prekären Menschen erlauben, unter diesen Umständen zu überleben. Es fehlt an Platz, Essen, Sanitäranlagen und fließendem Wasser.

hessenschau.de: Zur Gesundheitskrise kommen auch noch Menschenrechtsverletzungen?

Jung: Das können wir jetzt schon beobachten. Durch eine temporäre, drastische Einschränkung von Grundrechten sollen Vorerkrankte und Schwächere geschützt werden. Doch was ist, wenn das Staaten ausnutzen? Die Bolsonaro-Regierung in Brasilien hat damit begonnen, das Virus schamlos zu instrumentalisieren und in seinem Schatten die Recht von Bürgern und Bürgerinnen abzubauen.

Die Ausbreitung von Corona in Brasilien würde aufdecken, welch tödliche soziale Ungleichheiten die systematische Beschneidung öffentlicher Gesundheitsdienste und die Privatisierung medizinischer Einrichtungen hervorgebracht haben. Die Hälfte der 50.000 Intensivbetten stehen in Privatkliniken, zu denen ein Großteil der Bevölkerung keinen Zugang hat. Da müssen wir sehr genau hinschauen, jetzt und auch nach der Krise.

hessenschau.de: Was könnte die Politik tun, um Menschen in den betroffenen Ländern jetzt zu unterstützten?

Jung: Zum einen muss Schutzkleidung, Ausrüstung und medizinische Unterstützung zur Verfügung gestellt werden. Ein möglicher Impfstoff muss patentfrei sein, damit er für alle erschwinglich ist. Die ökonomische Dimension ist aber auf längere Sicht ebenso wichtig: Wir brauchen eine Entschuldung der Länder, damit diese Staaten wieder auf die Beine kommen.

Wir merken spätestens jetzt, dass wir alle miteinander in einem Boot sitzen. Deshalb setzen setzen wir uns von Medico für globale Umverteilungsstrategien ein, die eine öffentlich zugängliche Gesundheitsfürsorge für alle ermöglichen soll. Das sollte als Maßstab für die Zeit nach der Krise gelten.

Das Interview führte Alina Leimbach.