Eine Altenpflegerin mit Antigen-Corona-Schnelltest in der Hand, im Hintergrund eine Bewohnerin.

Der Corona-Pandemie fallen vor allem Bewohner von Altenheimen zum Opfer. Jetzt will das Land bei der Beschaffung von einer halben Million Schnelltests pro Woche helfen. Zu spät und nicht genug an Hilfe, kritisiert die Opposition.

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Ansteckung, Erkrankung, Tod - in der Corona-Pandemie droht das vor allem alten Menschen. Und am gefährlichsten leben auch in Hessen Bewohner in Altenheimen, wie sich nach der ersten Welle im Frühjahr auch in der zweiten rasch gezeigt hat. Jetzt soll eine enorme Ausweitung der Schnelltests in Hessen mehr Schutz davor bieten, dass Besucher oder Pflegende das Virus ungewollt in Heime einschleppen oder infizierte Bewohner es verbreiten.

Bei der Beschaffung von 500.000 Antigen-Schnelltests pro Woche will das Land ambulanten und stationären Pflegeeinrichtungen helfen. Gesundheitsminister Kai Klose (Grüne) präzisierte am Donnerstag in einer Mitteilung, was er am Vortag bereits angekündigt hatte: Heime oder ganze Trägergesellschaften können die Tests demnach ab 14. Dezember über das Land bei einer Dienstleistungsgesellschaft bestellen.

Klose: Hilft vor allem kleinen Heimen

Dieses Verfahren entlaste die Einrichtungen davon, den Markt der Testangebote zu durchforsten, Preise zu vergleichen und sich um die Logistik zu kümmern. "Sie können sich auf ihre wichtige Arbeit konzentrieren", sagte Klose. Das helfe vor allem den vielen kleinen Einrichtungen.

Bei den Tests geht es um den Point-of-care-Antigen-Schnelltest, kurz PoC. Sie liefern ohne Labor nach einem Abstrich innerhalb von weniger als einer halben Stunde ein Ergebnis. Fällt es positiv aus, weil der Teststreifen mit Eiweißbestandteilen des Coronavirus reagiert hat, muss es durch den genaueren und aufwändigeren PCR-Test im Labor gecheckt werden. Bei diesem PCR-Test wird Erbmaterial des Virus vervielfältigt. Es kann dadurch auch in geringen Mengen nachgewiesen werden.

Tödliche Falle

Heimbewohner und Pflegebedürftige, Pflegende und Besucher können sich nach der novellierten Testverordnung des Bundes seit Mitte Oktober testen lassen. Doch dieses Recht besteht derzeit oft nur in der Theorie. Häufig können die Einrichtungen die Tests auf dem Markt wegen der großen Nachfrage gar nicht bekommen. Oder sie sind so teuer, dass die Kosten nicht vollständig erstattet werden.

Auch deshalb grassiert das Virus trotz Besuchseinschränkungen noch immer in vielen Häusern, die dadurch für die Bewohner zur tödlichen Falle werden können. Anfang Dezember meldete das landesweit zuständige Regierungspräsidium Gießen: In Hessens Alten- und Pflegeheimen seien Ende November so viele Menschen an oder mit Covid-19 gestorben wie noch nie im Verlauf der Pandemie. Demnach traf es innerhalb einer Woche 137 positiv getestete Heimbewohner.

Der Erreger breitete sich da allerdings nicht mehr ganz so schnell in den Heimen aus wie zuvor. Gut ein Viertel der 800 Einrichtungen war betroffen. Insgesamt leben in Hessen rund 60.000 Menschen in Altenheimen.

Kritiker: keine Strategie, kein Überblick

Nun will das Land dafür sorgen, dass viel mehr Tests in den Einrichtungen und bei Pflegediensten ankommen. Kosten sollen sie unabhängig von der Bestellmenge maximal neun Euro pro Stück inklusive Versand - genauso viel, wie den Bestellern maximal erstattet wird.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Land hilft Heimen bei Test-Einkäufen

Eine Altenpflegerin mit Antigen-Corona-Schnelltest in der Hand, im Hintergrund eine Bewohnerin.
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Ein wichtiger Schritt, heißt es auch aus den Reihen der Opposition im Landtag. Aber die nun angekündigte Hilfe bei den Schnelltests sei nicht nur überfällig, sie reiche auch nicht. Dass die Pflege ohne eigenes Verschulden zu den Corona-Hotspots zähle, sei schließlich seit dem Frühjahr bekannt, sagt Daniela Sommer, gesundheitspolitische Sprecherin der SPD. An einer intelligenten und konsequenten Teststrategie habe es trotzdem bisher gefehlt.

Die Landesregierung habe auch keinen Überblick, wie intensiv in den Heimen derzeit überhaupt getestet wird. "Ich weiß von ambulanten Pflegediensten, die vor zwei Wochen zum ersten Mal getestet worden sind. Und die ziehen von Haushalt zu Haushalt", sagt Sommer. Da das Bestell-Kontigent von 500.000 Tests pro Woche nicht reichen werde, müssten die ohnehin stark belasteten Einrichtungen sich zudem auch weiterhin um Material kümmern, befürchtet die Abgeordnete.

Yanki Pürsün, gesundheitspolitischer Sprecher der FDP, sieht es ähnlich. Er wisse von Pflegekräften, die noch kein einziges Mal getestet wurden. "Und mit dem Material allein ist es auch nicht getan." Viele Einrichtungen könnten die zeitliche Zusatzbelastung der Schnelltestungen kaum stemmen. Auch das Wissen werde anfangs mancherorts fehlen. Pürsün schlägt daher vor, das Land möge die Zusammenstellung mobiler Testteams organisieren.

Genug Tests, zu wenig Personal?

Deutschlandweit ist nicht nur der generelle Schutz von Heimen ein bleibendes dramatisches Problem, sondern auch die inzwischen angestrebte Ausweitung der Schnelltests. Anfang Dezember schlug die Deutsche Stiftung Patientenschutz Alarm: Die Heime bekämen von Bund und Ländern personell nicht genügend Unterstützung

Kräfte der Bundeswehr und des Katastrophenschutzes sollten entsandt werden, lautete der Appell. Weil es bis zur Impfung noch länger dauern dürfte, werde es für viele Heimbewohner sonst zu spät oder es drohe ein einsames Weihnachten ohne Besuch.

Das hessische Gesundheitsministerium verspricht zumindest, die von ihm organisierte zentrale Schnelltest-Bestellung sei "auf Wunsch sogar inklusive Schulung" möglich. Das Bestellportal soll nach dem Wochenende online sein.

Weitere Informationen

Wer darf die Schnelltests bestellen?

Schnelltest-Lieferungen aus dem 500.000er-Kontigent des Landes dürfen Einrichtungen bestellen, die "dem Schutz besonders vulnerabler Gruppen dienen". Unter anderem sind das nach Angaben des Gesundheitsministeriums:

  • voll- oder teilstationäre Einrichtungen, in denen ältere, behinderte oder pflegebedürftige Menschen untergebracht und betreut werden
  • ambulante Pflege- und Hospizdienste
  • Einrichtungen für ambulantes Operieren oder Dialyseeinrichtungen.


Geliefert wird monatlich. Die Menge müssen die Träger vor der ersten Bestellung online beantragen und genehmigen lassen. Abgerechnet werde direkt zwischen Anbietern und Einrichtung.

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Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 11.12.2020, 19.30 Uhr