Ein Gang im Uniklinikum Frankfurt

Vor zwei Wochen berichtete der hr über Missstände in der Akutpsychiatrie am Uniklinikum Frankfurt. Jetzt legen neue Recherchen nahe, dass die von Mitarbeitern erhobenen Vorwürfe schon länger bekannt sind. Sozialminister Klose (Grüne) soll sich im Landtag dazu äußern.

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Schriftzug auf dem Haupthaus des Universitätsklinikums Frankfurt
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Die als "unerträglich" und "unzumutbar" kritisierte Situation an der Akutpsychiatrie des Frankfurter Uniklinikums hat nun auch parlamentarische Konsequenzen. Eine Sondersitzung des Sozialausschusses im Landtag soll sich am Montag mit den von Insidern erhobenen Vorwürfen befassen, über die das hr-Magazin defacto vor zwei Wochen berichtet hatte

Zahlreiche Beschäftigte der Akutstation hatten am 24. April einen Brandbrief an den Personalrat der Uniklinik geschrieben und Fehlplanungen sowie die Überlastung ihrer Station angeprangert. "Wir sind nicht gewillt, die Personalsituation auf unseren Schultern zu stemmen, noch diese mit unserer Gesundheit zu bezahlen", hieß es in dem Schreiben. Weitere hessenschau-Recherchen legen nun jedoch nahe, dass die Vorwürfe schon länger im Raum stehen, als bislang bekannt.

Beschwerde ohne Konsequenzen?

Nach hessenschau-Informationen gab es bereits vor fast zwei Jahren eine ähnliche Beschwerde, die offenbar ohne Konsequenzen blieb. Sie stammt vom 11. August 2017 und thematisierte die Überlastung des Personals ausführlich und eindringlich.

Gab es auch hier im Uniklinikum - wie vermutlich im Klinikum Höchst - monatelange Fixierungen von Patienten? Womöglich aus Personalmangel, wie zu hören ist? Sollte das stimmen, könnte das die Staatsanwaltschaft auf den Plan rufen. Der Personalratsvorsitzende der Universitätsklinik Frankfurt, Uwe Richtmann, bestätigte der hessenschau die Beschwerde von vor zwei Jahren. Über die Details dürfe er aber wegen der Verschwiegenheitspflicht in seinem Gremium nichts mitteilen.

Kritische Fragen an den Sozialminister

Nach dem defacto-Bericht hatte Sozialminister Kai Klose (Grüne) die Klinikleitung aus Frankfurt zum Rapport gebeten. Das "fachaufsichtliche Gespräch" fand bereits am 7. Juni statt, vier Tage nach Ausstrahlung des defacto-Berichts. Über die Ergebnisse schwiegen sich beide Seiten bislang aus. Das Uniklinikum unterliegt öffentlichem Recht. Die Fachaufsicht hat seit dem vergangenem Jahr das Sozialministerium. Vorsitzende des Aufsichtsrates der Universitätsklinik ist eine weitere Grüne, Hessens Wissenschaftsministerin Angela Dorn.

Sozialminister Klose hatte sich bislang noch nicht konkret zu den Vorwüfen gegen das Uniklinikum geäußert. Am Montag nun soll er im Landtag einen langen Fragenkatalog beantworten. Die Fraktion der Linken will in ihrem dringlichen Antrag mit insgesamt zwölf Fragen unter anderem wissen, ob der Landesregierung Erkenntnisse zu Überlastungsanzeigen von Mitarbeitern und von baulichen und hygienischen Mängeln vorliegen. Sie verlangt zudem eine Stellungnahme darüber, wie die Landesregierung den Einsatz von Leiharbeitern bei der 1:1-Betreuung von fixierten Patienten beurteilt.  

Klinik: Lautstärke und Stress gehören zum Arbeitsalltag

Im defacto-Beitrag berichteten Insider davon, dass diese oft über keinerlei Fachkenntnisse verfügten und vor allem den richtigen Umgang mit fixierten Patienten nicht beherrschten. Auch Gewalt käme regelmäßig vor. Die Klinik erklärte auf Anfrage vor der Ausstrahlung des defacto-Beitrages, man habe seit 2018 mit einem deutlichen Anstieg von Patientenzahlen zu tun. Dennoch gebe es aktuell keine Überbelegung in der akutpsychiatrischen Station. Ausserdem gehörten Lautstärke und Stress in gewissem Masse zum Arbeitsalltag. Seit zwei Wochen allerdings lehnt die Klinikleitung jede weitere Stellungnahme ab.

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Auch zum aktuellen Stand der Aufarbeitung der Missstände am Klinikum Höchst verlangt die Opposition Auskunft in der Sondersitzung des Sozialausschusses im Wiesbadener Landtag. Nach den dort durch Undercover-Aufnahmen des Privatsenders RTL thematisierten Fällen, geht die Frankfurter Staatsanwaltschaft dem Verdacht der Freiheitsberaubung nach. Patienten sollen dort wochenlang ans Bett gefesselt worden sein. Zwar mit richterlicher Genehmigung wohl, aber vielleicht nicht mit ausreichender medizinischer Begründung.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 17.06.2019, 19.30 Uhr