Familie Ermagan auf ihrem Grundstück in Bad Endbach

In Hessen sind möglicherweise mehr als 100.000 Flächen mit gefährlichen Stoffen belastet. Für Häuslebauer kann das gravierende Folgen haben - vor allem, wenn die Kommunen ihrer Erfassungspflicht nicht nachkommen, wie ein Fall aus Mittelhessen zeigt.

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zum hr-fernsehen.de Video Bauen auf verseuchtem Boden – Wie Hessens Kommunen mit ihren Altlasten umgehen

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Den Traum vom eigenen Haus verwirklichen - diesem Ziel fühlte sich die Familie Ermagan ganz nah, als sie im Sommer 2014 ein Grundstück am Rande von Bad Endbach im Landkreis Marburg-Biedenkopf erwarb. Inzwischen ist aus dem Traum ein Alptraum geworden.

Teer, Öl und Bauschutt im Boden

Denn das Grundstück ist mit gesundheitsschädlichen Stoffen verseucht: Teer, Öl, Bauschutt, Asbest. Die scheinbar harmlose Wiese ist eine sanierungsbedürftige Altlast, die die Familie Ermagan nach eigenen Angaben bis heute rund 100.000 Euro gekostet hat.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Altlasten kontaminieren Baugrundstück

Arbeiter kontrollieren einen Bauplatz
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Wohnen, arbeiten, leben - all das ist hier ohne aufwendige Sanierung nicht denkbar. "Das belastet einen sehr, es gibt keinen Tag, an dem man nicht daran denkt", sagt Süheyla Ermagan. "Nach all den Tränen, der Kraft, die das gekostet hat, kann ich mir überhaupt nicht vorstellen, da mal zu wohnen, glücklich zu werden mit meiner Familie."

Die Ermagans fühlen sich von der Verkäuferin des Grundstücks, die sie über die Belastung nicht informiert habe, getäuscht. Sie fühlen sich aber auch von der Gemeindeverwaltung Bad Endbach im Stich gelassen. "Dafür sind die doch da, dass sie ihren Bürgern sagen: Vorsicht, da ist was, mach' erst mal eine Bodenprobe zum Beispiel, ansonsten kannst Du das nicht kaufen, das ist kontaminiert bis zum Gehtnichtmehr."

Großer Heizöltank stand lange auf dem Gelände

Tatsächlich hätte die Gefahr bekannt sein können. Auf dem Areal hatte eine frühere Heizölfirma einen großen Tank stehen. Das sei auch im Ort zumindest für die Älteren nichts Neues, erzählt der Bad Endbacher Kommunalpolitiker Rolf Herrmann von den "Freien Wählern". 

Genauso wie viele noch in Erinnerung hätten,  dass die Bahn in früheren Jahrzehnten in unmittelbarer Nachbarschaft Holzschwellen in einem Becken getränkt hat - eine mögliche Erklärung für die Teerklumpen, die die Ermagans im Boden ihres Grundstücks gefunden haben. "Es gibt kleinere Klumpen, wir haben aber auch Schichten von mehreren Metern gefunden , es gab alle möglichen Varianten," so Habib Ermagan.

Gesetzliche Erfassungspflicht seit den 90er Jahren

Die Gemeindeverwaltung hatte von all dem offenbar aber keine Ahnung. Noch im Jahr 2015 bescheinigte sie den Ermagans nicht nur, dass das Grundstück zur Bebauung vorgesehen sei, ausdrücklich verneinte die Gemeinde auch, dass ein Altlastverdacht bestünde. Ein Grund dafür: die Gemeinde Bad Endbach hat die verdächtigen Stellen in der Vergangenheit nicht erhoben.  

Und das, obwohl seit den 90er-Jahren nicht nur eine gesetzliche Pflicht zur Erfassung gilt. Verdachtsfälle seien außerdem "unverzüglich" dem Hessischen Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie (HLNUG) mitzuteilen, so das Umweltministerium auf hr-Anfrage. Hier werden die Informationen über die sogenannten Altflächen gesammelt. Aktuell sind es hessenweit potenziell mehr als 100.000.

Für die Erfassung gelten darüber hinaus bestimmte Standards. So seien "zu diesem Zwecke die Gewerberegister auszuwerten und bereits erhobene Daten fortzuschreiben". Allein die Auflistung von Mülldeponien, wie es in Bad Endbach in der Vergangenheit Praxis gewesen ist, "ist somit nicht vorgesehen", so das Ministerium.

Bad Endbach kein Einzelfall

Allerdings ist Bad Endbach kein Einzelfall. Auf hr-Anfrage teilte das zuständige Umweltministerium mit, dass aktuell gerade mal 185 von 426 hessischen Kommunen bisher ihren Meldepflichten nachgekommen seien, das heißt umgekehrt: Knapp 60 Prozent ignorieren diese Pflicht bis heute. "Lückenhaft“ seien vor allem die Datenlagen zu Ost- und Mittelhessen.

Und das, obwohl das Ministerium in der Vergangenheit immer wieder schriftlich die Kommunen ermahnt hat, zuletzt in Form eines Schreibens von Umweltministerin Priska Hinz (Grüne). Sie hatte im Sommer 2017 unter der Überschrift "Handlungsdefizite bei der kommunalen Verpflichtung zur Erfassung von Altablagerungen und Altstandorten" moniert, dass die "aktuelle Situation sehr unbefriedigend" sei.

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„Man muss einfach sagen, dass es im Alltag untergegangen ist.“ Zitat von Julian Schweitzer, Bürgermeister von Bad Endbach
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Auch der Bürgermeister von Bad Endbach, Julian Schweitzer (SPD), kennt die Ermahnung aus Wiesbaden, verteidigt sich aber: "Man muss einfach sagen, dass es im Alltag untergegangen ist. Man muss sich das so vorstellen, dass in der Praxis solche Schreiben vom Land Hessen auch regelmäßig kommen, dass man Kataster pflegen soll. Also, man muss auch einfach sagen, dass in der Flut von Schreiben das auch ein bisschen untergehen kann."

Familie hofft jetzt auf die Gerichte

Womöglich hat genau das aber jetzt im Fall der Familie Ermagan Folgen. Denn auch darauf verweist das Umweltministerium: Es kann teuer werden, wenn Kommunen nachlässig mit der Erfassung von Altlasten umgehen und deshalb Planungsfehler beim Aufstellen von Bebauungsplänen machen. So drohe den Kommunen unter anderem die Übernahme anfallender Sanierungskosten.  

Die Ermagans haben inzwischen Klage gegen die Stadt Bad Endbach eingereicht. Der Vorwurf: "Amtspflichtverletzung". Habib Ermagan fasst die Erwartung seiner Familie so zusammen: "Wir hoffen, dass wir Recht bekommen, dass die Gemeinde uns falsch informiert hat und dass wir das Grundstück loswerden und Schadenersatz dafür kriegen. Das ist unsere Hoffnung."

Sendung: defacto, 15.04.2019, 20.15 Uhr