Schule Symbolbild

Vorfreude auf einen geregelten Alltag und Angst vor der zweiten Corona-Welle: Der angekündigte Regelbetrieb an Hessens Schulen nach den Sommerferien ruft unterschiedliche Reaktionen hervor. Auch Eltern sind zwiegespalten und drohen bereits mit Klagen.

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Mit dem Schulbetrieb zu Corona-Zeiten verhält es sich so wie in den meisten Bereichen des öffentlichen Lebens, die durch die Pandemie in den vergangenen Monaten eingeschränkt wurden. Den einen geht die schrittweise Lockerung nicht schnell genug, die anderen fordern ein striktes Festhalten oder sogar eine Verschärfung der Maßnahmen zur Eindämmung des Virus.

In Hessen hat sich das Kultusministerium nun auf die Seite der Lockerungs-Befürworter geschlagen - und wie: Mit einem Schlag werden nach den Sommerferien sämtliche Schulformen wieder für den Regelbetrieb geöffnet. Präsenzunterricht an fünf Tagen in der Woche, ganz so wie zuletzt vor der Krankheitswelle Mitte März. Das verkündete der zuständige Minister Alexander Lorz (CDU) am Dienstag in Wiesbaden. Auch die Abstandsregeln sollen zugunsten eines reibungslosen Unterrichts außer Kraft gesetzt werden.

Gewerkschaft sieht "gewagte" Entscheidung

Mutig oder leichtsinnig? Diese Frage stellt sich mit Blick auf die hessische Rückkehr zur Normalität und kann seriös wohl erst nach einigen Wochen oder gar Monaten des schulischen Neustarts beantwortet werden. Der seit der Vorwoche andauernde Probelauf an den Grundschulen könne dafür noch kein Indikator sein, rügen Kritiker die Argumentation des Kultusministers.

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Der 14-tägige Testbetrieb laufe noch und die Gefahr, dass nach den Sommerferien Schüler aus unterschiedlichen Urlaubsregionen zurückkehren und so neue Infektionsherde entstehen könnten, werde außer Acht gelassen, sagt der Landesvorsitzende des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) Hessen, Stefan Wesselmann.

Alles, was noch vor wenigen Wochen zum Schutz aller Seiten als unerlässlich gegolten habe, gelte nach den Sommerferien nicht mehr, kritisierte er und nannte die Entscheidung der Landesregierung "gewagt".

Kritik auch aus der Politik

Der Verzicht auf ausreichende Schutzmaßnahmen und ein fehlender Plan B, lauten auch die Vorwürfe aus den Reihen der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) sowie der Landtagsopposition. Das Ministerium verfahre nach der Devise: "Es wird schon alles gut gehen", meint die GEW und vermisst Vorkehrungen vor einer möglichen zweiten Welle von Infektionen im Herbst.

FDP und Linke als Oppositionsfraktionen im Landtag fordern deshalb wirksame Hygienekonzepte. Es komme "zu wenig Substanzielles, um den Schulstart verlässlich zu regeln", heißt es dazu von der Linken-Abgeordneten Elisabeth Kula. Die Liberalen prangern zudem große Mängel in der digitalen Bildung an.

Eltern zwischen Jubel und Klage

Etwas pragmatischer werden die Pläne zur Schulöffnung nach monatelangem Improvisieren und Homeschooling bei den direkt Betroffenen gesehen. "Wir haben Eltern, die freuen sich sehr über einen geregelten Alltag; dass die Kinder ihre Freunde wiedersehen und ordentlich unterrichtet werden", sagt der Vorsitzende des Landeselternbeirats, Korhan Ekinci.

Auch in zahlreichen Kommentaren auf hessenschau.de ist die Erleichterung groß. "Ich finde das super! Meine Tochter freut sich schon", schreibt etwa Linda Mayer aus Raunheim. "Das Sitzen zu Hause tut den Kindern nicht gut. Es muss wieder Struktur in den Alltag", pflichtet Lehrer Christof Sperl aus Kassel bei. Doch auch hier gibt es zahlreiche Skeptiker. "Unbegreiflich", findet etwa Ingeborg B. aus Wiesbaden die Pläne: "Soll ich die Kinder zur Schule schicken und mein eigenes Leben riskieren?", fragt sie.

"Wir haben aber auch sehr viele Rückmeldungen von Eltern, die besorgt sind, dass die Schulen wieder aufmachen, die Kinder keinen Abstand halten und die Gruppenregeln aufgelöst werden", sagt Landeselternbeirat Ekinci. Manche erwägten sogar schon Klagen gegen die Öffnung. "Ich würde mich einer Sammelklage anschließen", schreibt auch Userin Maria auf hessenschau.de.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 30.06.2020, 19.30 Uhr

Ihre Kommentare Schulen kehren nach den Ferien zum Regelbetrieb zurück: Was halten Sie davon?

216 Kommentare

  • Nichts. Absolut riskant. Das würde ich privat nicht riskieren.

  • Ich befürchte - und das ist meine persönliche Meinung- das wir uns in Zukunft daran gewöhnen müssen, mit solchen Viren zu leben. Das heutige heißt Covid-19, in ein paar Tagen/Monaten/Jahren kommt Covid-25, R2D2 oder C3PO. Was dann? Wieder ein Lockdown? Wieder alle Schulen und Geschäfte zu? Die Fabriken dicht, Gastronomie geschlossen. Das schafft auf Dauer keine Gesellschaft, weder die ökonomische noch die soziale. Bitte mal aktuell z. B. die Küstenregionen anschauen: Urlauber dicht an dicht, keine (bzw. wenige) mit Masken, Coronaregeln werden ignoriert. Keiner macht sich Gedanken. Wenn Schule zu, dann auch Küste zu, kein Urlaub, stay at home. Wollen die wenigsten (siehe Küsten etc.). Deshalb bin ich dafür, die Schulen nach den Sommerferien wieder vollumfänglich zu öffnen. Der Alltag muss zurück, im Zweifel auch mit höherem Ansteckungspotential. Denn auf Dauer befürchte ich - wie oben erwähnt - dass auf Covid-19 weitere Viren folgen könnten. Und auf ewig geht es so nicht weiter.

  • Die Krise war bisher eine Herausforderung für alle und wir hatten großes Glück. Man kann natürlich nicht ewig so vor sich hin dümpeln und vielleicht zuhause hocken. Verwunderlich fand ich die schnelle und selbsttätige Einsicht der Politik, sofort standen Gelder bereit, auch wenn ich eher Menschen kenne, die immer noch darauf warten. Da wir zur Vergesslichkeit neigen, wie bedroht wir uns "gestern" noch fühlten, kommt nun die Schwamm-drüber Mentalität der hessischen CDU vielen gelegen. Dabei fehlt mir leider jeglisches Anknüpfen an die Vorsicht der vergangenen Wochen. Der Vorteil liegt auf der Hand, Freunde wieder sehen, ab in den Urlaub. Überspielung der Konzeptlosigkeit seitens der Politik im Falle eines weiteren halben Schuljahres wie bisher. Gott sei Dank kenne ich keinen der bisher Verstorbenen. Ich farge mich manchmal, was sie zu dem Hauruck der Schulöffnung sagen würden.

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