Nicht das erste Mal in den Medien: Stefan Jagsch von der rechtsextremen NPD

Der Eklat ist perfekt: Ende vergangener Woche wählte der Ortsbeirat von Altenstadt-Waldsiedlung einstimmig einen Vertreter der rechtsextremen NPD zum Ortsvorsteher. Die anderen Mitglieder des Gremiums beschreiben NPD-Mann Stefan Jagsch als "ruhig" und "kollegial". Dabei ist er seit fast zwei Jahrzehnten offen in der Neonazi-Szene aktiv.

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zum Video Debatte um NPD-Ortsbeirat

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"Absolut kollegial und ruhig." Wenn CDU-Mann Norbert Szielasko dieser Tage auf seinen Mit-Abgeordneten im Ortsbeirat Altenstadt-Waldsiedlung (Wetterau), Stefan Jagsch, angesprochen wird, kommt ihm kein kritisches Wort über die Lippen. Was Jagsch "in seiner Partei oder privat" mache, sei nicht "sein Ding", betont Szielasko.

Deshalb hat Szielasko am vergangenen Donnerstag Jagsch seine Stimme gegeben, genau wie die übrigen sieben Mitglieder des Ortsbeirats. Stefan Jagsch wurde damit zum Ortsvorsteher gewählt. Und der 2.500 Einwohner zählende Ortsteil Waldsiedlung rückte damit in den Fokus bundesweiter Berichterstattung.

Seit 2002 in der NPD aktiv

Auf Facebook verkündete NPD-Politiker Stefan Jagsch seine Wahl zum Ortsvorsteher

Denn "seine Partei" das ist im Falle Stefan Jagschs die rechtsextreme NPD, eine Partei, die vom Bundesverfassungsgericht als "verfassungsfeindlich" und "wesensverwandt mit der NSDAP" eingestuft wurde, in der offener Rassismus, Antisemitismus und Holocaustleugnung nicht einfach nur vorkommen, sondern Teil des politischen Programms sind.

"Sein Ding" in der NPD macht Stefan Jagsch bereits seit 2002. Dass man davon im Ortsbeirat Waldsiedlung nichts mitbekommen hat, ist äußerst unwahrscheinlich.

Denn für den Funktionär einer rechtsextremen Partei, die zuletzt bei den Landtagswahlen in Hessen gerade einmal 0,2 Prozent der Stimmen holte, ist Jagsch auffällig oft Thema in den Medien.

Beschäftigt bei der Stadt Frankfurt

Mitte 2014 deckte die Frankfurter Rundschau auf, dass Jagsch – zu diesem Zeitpunkt bereits stellvertretender Vorsitzender der hessischen NPD – im Jobcenter Höchst beschäftigt wird. Auch hier wussten seinerzeit Vorgesetzte und Kollegen nichts Schlechtes über Jagsch zu berichten. Dass er zur Führungsriege einer vom Verfassungsschutz beobachteten Partei gehörte, wollte man im Jobcenter nicht mitbekommen haben.

Dabei hat Jagsch das Licht der Öffentlichkeit selten gescheut und aus seinen Überzeugungen nie einen Hehl gemacht. In den 2000er-Jahren gehört er zunächst der von Beobachtern als besonders radikal eingeschätzten Jugendorganisation "Junge Nationaldemokraten" (JN) in Hessen an.

Jagsch hält Reden, unterhält enge Kontakte zur gewaltbereiten Kameradschaftsszene und Autonomen Nationalisten, tritt wie etwa 2009 in Friedberg als Anmelder von Demonstrationen auf, bei denen er selbst den Sprechchor "Deutschland uns Deutschen" anstimmt und mitmarschiert, während Teilnehmer Lieder aus dem Fundus der Hitler-Jugend intonieren. Allmählich steigt er auch in der Mutterpartei auf.

Die Stadt Frankfurt versucht derweil 2014 nach Bekanntwerden von Jagschs politischer Tätigkeit, sein Beschäftigungsverhältnis zu kündigen. Was folgt ist ein länger als zwei Jahre währender Rechttstreit, an dessen Ende das Bundesarbeitsgericht Jagsch Recht gibt. Die Stadt muss den NPD-Mann weiterbeschäftigen. Zuletzt arbeitete er im Jugend- und Sozialamt.

Erfolge bei Kommunalwahl

Noch während des Rechtsstreits übernimmt Jagsch 2015 für ein Jahr die Führung der hessischen NPD. Die Partei befindet sich in einer Krise, die Mitgliederzahlen gehen zurück, Mitglieder und Sympathisanten wandern zu Gruppierungen wie dem "III. Weg" und "Die Rechte" und schließlich auch zur AfD ab.

Demo Neonazis Wetzlar

Jagsch hingegen wird im Tandem mit dem späteren Landesvorsitzenden Daniel Lachmann zu einer Art Aushängeschild der geschrumpften NPD in Hessen. Er beteiligt sich an Kundgebungen der Frankfurter und Kasseler Ableger von Pegida, marschiert bei Anti-Flüchtlinsdemos von Neonazis in Wetzlar mit, bei denen die Einrichtung eines "Volkstribunals" gefordert wird, um Kanzlerin Angela Merkel abzuurteilen, oder mobilisiert mit einem eigenen Video zur "Demo für Alle" gegen die angebliche "Frühsexualisierung" von Kindern.

Jagsch versucht seine siechende Partei anschlussfähig zu halten – bei militanten Rechtsextremisten wie bürgerlichen Rechtspopulisten. 2013 und 2014 wird er namentlich im hessischen Verfassungsschutzbericht erwähnt. 2016 erzielt die NPD bei den Kommunalwahlen in Büdingen 10 Prozent, in Jagschs Heimatort Altenstadt 10,2 Prozent. Seitdem sitzen die Rechtsextremisten im Wetterauer Kreistag, in den Stadtparlamenten von Büdingen und Altenstadt und – in Person von Jagsch – im Ortsbeirat Waldsiedlung.

Ein Autounfall bringt ihn in die internationale Presse

Der Kleinbus des NPD-Politikers krachte gegen einen Baum.

Internationale Aufmerksamkeit zieht Jagsch derweil nicht mit den Kommunalwahlergebnissen auf sich, sondern mit einem Verkehrsunfall. Als Jagsch im März 2016 auf einer Bundesstraße zwischen Altenstadt und Büdingen verunglückt, berichtet die Frankfurter Rundschau, dass zwei syrische Flüchtlinge den NPD-Mann aus dem Wrack gezogen und erstversorgt hätten.

An der Geschichte sollten später Zweifel aufkommen. Ob es, wie es zuletzt seitens des zuständigen Regierungspräsidiums Gießen hieß, ein Busfahrer und ein Syrer waren, die Jagsch aus dem demolierten Wagen zogen, konnte nie gänzlich geklärt werden. Doch da hatte es die Meldung bereits in die internationale Presse geschafft.

Politisch eindeutige Rhetorik

Jagsch bleibt sich auch nach diesem Vorfall politisch treu. Auf Facebook verfasst er Beiträge, die ihn schon ob ihrer Rhetorik klar im rechtsextremen Milieu verorten. Die Bombardierung Dresdens im Zweiten Weltkrieg firmiert bei ihm als "Bombenholocaust". "In der BRD", heißt es in einem anderen Eintrag, "haben kriminelle Ausländer Linksextremisten und sonstiger Abschaum Narrenfreiheit". Selbstveröffentlichte Bilder zeigen Jagsch, wie er mit anderen Rechtextremisten Streife durch die Hanauer Innenstadt läuft, um Deutsche vor vermeintlicher Zuwandererkriminalität zu schützen.

Und auch vor laufender Kamera vertritt Jagsch stramm das Programm der NPD. Im Kandidatencheck des hr zur Landtagswahl 2018 forderte er unter anderem getrennte Schulklassen für deutsche und ausländische Kinder, das "Ende der Zuwanderung" und "den Beginn von Rückführungen", sowie Investitionsprogramme. Geld für Letztere sei vorhanden, sobald man aufhöre "Geld für diese Multi-Kulti-Politik" rauszuwerfen.

Seit Ende letzter Woche nun hat Jagsch erstmals ein offizielles Amt außerhalb seiner Partei inne. Qualifiziert haben ihn nach Aussagen von Mitgliedern des Ortsbeirats unter anderem seine Computerkenntnisse - etwa die Fähigkeit, Emails zu verschicken. Alles andere war anscheinend nicht so wichtig, nicht "das Ding" wie es CDU-Ortsbeirat Szielasko ausdrückte.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau kompakt, 09.09.2019, 16.45 Uhr