Kombo mit 5 Kandidaten

Nach zwölf Jahren wird Gießen bald wieder von einem Mann regiert. Die aussichtsreichsten Kandidaten sind der Sohn von Ministerpräsident Bouffier, ein Ex-Pfarrer und ein Berufsschullehrer. Dazu kommt ein Unabhängiger mit CDU-Vergangenheit und ein Kandidat der Satire-Partei "Die Partei".

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Die Ausgangslage

Im Januar kündigte Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz (SPD) überraschend an, dass sie ihren Posten nach zwei Amtszeiten nicht mehr verteidigen wird. Ihr fehle es an der "Motivation und frischer Begeisterungsfähigkeit" für weitere sechs Jahre, sagte die 64-Jährige dem hr. Grabe-Bolz war die erste Oberbürgermeisterin in Gießen. Nach zwölf Jahren wird das Amt nun wieder mit einem Mann besetzt, denn unter den fünf Kandidaten sind ausschließlich Männer.

Die Kandidaten

Frank-Tilo Becher (SPD): Der 58-Jährige ist eigentlich Pfarrer. 2018 wurde er dann in den hessischen Landtag gewählt. Jetzt möchte er seine Parteigenossin Dietlind Grabe-Bolz als Gießens Oberbügermeister beerben.

Frederik Bouffier (CDU): Sein Nachname verrät es schon: Der 30-Jährige ist der Sohn von Ministerpräsident Volker Bouffier. Aktuell arbeitet er als Anwalt in der Kanzlei seines Vaters.

Thomas Dombrowski (unabhängig): Er ist der Überraschungskandidat bei dieser Wahl. Der 47-jährige Einzelhandelskaufmann hatte sich erst kurz vor Ablauf der Frist für die Wahl angemeldet. Er tritt ohne Parteiunterstützung an, ist aber Mitglieder der CDU.

Marco Rasch (Die Partei): Der 33-Jährige wohnt im benachbarten Pohlheim, weil ihm nach eigenen Angaben die Mieten in Gießen zu teuer geworden sind. Er ist "Großer Vorsitzender" des Kreisverbandes der Satirepartei "Die Partei" und sitzt für sie im Kreistag.

Alexander Wright (Grüne): Der 34-Jährige arbeitet als Berufsschullehrer im benachbarten Wetzlar. Außerdem ist er Fraktionsvorsitzender der Gießener Grünen.

Die Themen

Bezahlbares Wohnen: In der Universitätsstadt werden die steigenden Mieten immer mehr zum Problem, nicht nur für Studierende. Alle Kandidaten setzen bei der Lösung des Problems auf die kommunale Wohnbaugesellschaft und wollen sie unterstützen. Grünen-Kandidat Wright will konkret zehn Prozent der Geschossfläche von neuen Wohnungen für mindestens 15 Jahre für eine Sozialquote sichern. Diese Wohnungen sollen dann zwei Euro unter der monatlichen ortsüblichen Durchschnittsmiete für Quadratmeter angeboten werden.

SPD-Kandidat Becher will den Wohnungsbau für kleine und mittlere Einkommen intensivieren und zusätzlich prüfen lassen, ob man bestehende Gebäude aufstocken kann. CDU-Mitbewerber Frederik Bouffier will, dass die Stadt dort wo die Sozialbindung der Wohnungsmieten ausläuft, die Belegungsrechte erwirbt. Damit sollen die Mieten bezahlbar bleiben. Außerdem will er mehr Wohnungsbau-Anreize für private Firmen schaffen, indem etwa bestehende Regeln, wie eine Mindestzahl an Parkplätzen, gelockert werden.

Der parteiunabhängige Thomas Dombrowski sagt, anspruchsberechtigte Mieter sollten mehr Wohngeld erhalten. Der Satirekandidat Marco Rasch von der Partei "Die Partei" sagt zu der Frage: "Entweder wir begreifen das Lied "Eat the Rich" von Motörhead als Handlungsanweisung oder wir enteignen. Eins von beiden wird es auf jeden Fall, was genau, das weiß ich noch nicht."

Klimaschutz: Bis spätestens 2035 will die Stadt Gießen klimaneutral werden. Bouffier (CDU) will für Neubauten eine Pflicht für Photovoltaik-Anlagen einführen, bei bestehenden städtischen Gebäuden sollen die Anlagen nachgerüstet werden. "Daneben werden wir bis 2030 für jedes Neugeborene einen Baum pflanzen, ergänzend unter anderem durch sogenannte Algenbäume erheblich die CO2-Bilanz verbessern und zudem städtische Flächen und Haltestellen begrünen."

Auch Dombrowski (unabhängig) will freie Flächen begrünen und Wasserkraftanlagen an der Lahn bauen. Becher (SPD) verspricht im Falle seiner Wahl einen Plan vorzulegen, mit dem die solare Energiegewinnung intensiviert wird, CO2-neutrales Heizen gefördert und energetische Gebäudesanierung vorangetrieben wird. "Öffentliche Stadtgärten sollen Teil einer Kampagne sein, mit der Bewusstseinsbildung und Mitmachmöglichkeiten beim Klimaschutz gefördert werden."

Rasch (Die Partei) will Klimaneutralität erreichen, indem er alle Autos aus Gießen verbannt und den Besitzern eine "Abfuckprämie" für SUVs zahlt. Außerdem will er Fahrrad-Rikschas einführen. Wright (Grüne) setzt unter anderem darauf, die Nah- und Fernwärme auszubauen, mehr Grünflächen innerhalb der Stadt zu schaffen, sowie die ökologische Landwirtschaft in und um Gießen zu fördern.

Verkehr: Ein großes Streitthema aktuell in der Stadt; Fahrradwege werden ausgebaut, dafür fallen Autospuren und Parkplätze im Innenstadtbereich weg. Becher (SPD) steht voll dahinter. Er will den Verkehr in der Stadt zugunsten des Fußverkehres und der Radfahrenden neu ordnen. "Das soll damit zusammengehen, dass der öffentliche Nahverkehr durch bessere Taktungen und weitere Bahnhaltepunkte attraktiver wird", sagte er.

Bouffier (CDU) will zwar auch mehr Raum für Fahrräder und Fußgänger: "Ich will aber keine Politik gegen das Auto, sondern für alle Verkehrsteilnehmer - auch zukünftig muss gerade die Innenstadt gut mit dem Auto erreichbar sein. Dies gilt vor allem wegen der Pendler und Kunden aus dem Umland." Auch Dombrowski (unabhängig) findet: "Die Radwege müssen so geplant werden, dass der Bus- und Autoverkehr nicht beeinträchtigt wird."

Wright (Grüne) steht da seinem SPD-Konkurrenten näher: "Vorfahrt für Menschen, die zu Fuß gehen oder das Fahrrad nutzen und Vorfahrt für Busse und Bahnen!" Dazu zählt für ihn: Die Förderung eines Leihsystems für Lastenräder, den Takt im Stadtbusverkehr verdoppeln und die zweite Spur auf dem Gießener Anlagenring nur für den Radverkehr bereitzustellen.

Rasch (Die Partei) will "die totale Klimadiktatur ausrufen. Zum Spaß setze ich mir dann noch eine Greta-Perücke auf und gehe Umweltsäue erschrecken."

Lebensqualität: Wir haben die Kandidaten gefragt, mit welchen Ideen sie Gießen zum Leben attraktiver machen wollen. Dombrowski (unabhängig) will die Stadt für Veranstalter und Künstler noch attraktiver gestalten und bewerben: "Insbesondere der Musikalische Sommer auf dem Schiffenberg und das Open-Air-Rock-Konzert."

Wright (Grüne) möchte gerne mehr Aufenthaltsorte wie Spielplätze oder einfach mehr Bänke schaffen: "Um diese Räume zu schaffen müssen wir den Platz in unserer Stadt umverteilen und denen, die wenig Lärm machen und keine Emissionen ausstoßen mehr Flächen zur Verfügung stellen." Außerdem will er das Sicherheitsgefühl der Bürger verstärken, durch mehr Präsenz der Ordnungsbehörden.

Becher (SPD) plant mehr Sport, Spiel- und Freizeitangebote für alle Generationen schaffen. "In unseren Kitas und Schulen werde ich alles dafür tun, dass Kinder und Jugendliche passende und bildungsgerechte Wege für ihr Leben finden - gute Gebäude, gute Ganztagsangebote, gute Konzepte."

Für Bouffier (CDU) braucht es für ein noch lebenswerteres Gießen eine "sehr gute digitale Infrastruktur, bestens ausgestatte Schulen, eine stärkere Förderung unserer Vereine und des Ehrenamts, die Entwicklung des Lahnufers und des Selterswegs samt den angrenzenden Straßen, ein breiteres kulturelles Angebot sowie eine stärkere Kooperation mit den Hochschulen auch und gerade um den Wirtschaftsstandort zu stärken und auszubauen." Daneben müssten stärkere Akzente für Familien mit Kindern gesetzt werden.

Rasch (Die Partei) verspricht: "Wenn wir erstmal alle Immobilienhaie aufgegessen oder enteignet und außerdem alle Autos aus der Stadt rausgeworfen haben, ist das ja schon mal was. Danach gibts erstmal Party auf dem Rathausdach (auf Kosten des Steuerzahlers selbstverständlich)."

Die Aussichten

Da Gießens OB Dietlind Grabe-Bolz (SPD) nicht mehr zur Wahl antritt, kann keiner der Kandidaten mit einem Amtsbonus in die Wahl gehen. Eine Stichwahl ist also wahrscheinlich. Die aussichtsreichsten Kandidaten sind Becher (SPD), Bouffier (CDU) und Wright (Grüne).

Becher könnte vom Aufwärtstrend der SPD bei der gleichzeitig stattfindenden Bundestagswahl profitieren. Bei der Kommunalwahl im März waren die Grünen noch stärkste Kraft in Gießen geworden - das könnte für den Fraktionsvorsitzenden der Gießener Grünen, Wright, von Vorteil sein. Bouffier (CDU), aufgrund seines Nachnamens schon bekannt, könnte es nützen, wenn sich Stimmen aus dem linken Lager zwischen SPD und Grünen aufteilen.

Die Wahl

Die Gießener Oberbürgermeisterwahl findet am 26. September gleichzeitig mit der Bundestagswahl und der Landratswahl statt. Wahlberechtigt sind alle deutschen Staatsangehörigen und EU-Staatsbürger, die das 18. Lebensjahr vollendet haben und seit mindestens sechs Monaten in der Stadt gemeldet sind.

Um die Wahl gleich im ersten Durchgang zu gewinnen, müsste einer der Kandidaten mehr als die Hälfte der abgegebenen Stimmen bekommen - bei fünf Kandidaten ist das aber unwahrscheinlich. Am 24. Oktober wird es daher voraussichtlich zur Stichwahl zwischen den beiden Bestplatzierten kommen.

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