Wiesbadener OB Gert-Uwe Mende (SPD, l) und Dennis Volk-Borowski, Parteivorsitzender SPD Wiesbaden

Party und SPD, das geht ja doch zusammen. Eine von vielen Pleiten frustrierte Partei umjubelt Gert-Uwe Mende in Wiesbaden. Und führende Sozialdemokraten empfehlen, sich am OB-Wahlsieger ein Beispiel zu nehmen.

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Gert-Uwe Mende wird neuer Oberbürgermeister von Wiesbaden
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Es waren erst 60 von 260 Wahlbezirken ausgezählt. Aber der Vorsprung des eigenen Kandidaten war groß, und die Lust der versammelten Basis auf ein Erfolgserlebnis nach bitteren Monaten in Stadt, Land und Bund war es auch. Die ersten im übervollen SPD-Fraktionssaal des Wiesbadener Rathauses klatschten also, einer rief "juchhu". Aber nur einmal.

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Klarer Erfolg

Mit 61,8 Prozent hat Gert-Uwe Mende (SPD) am Sonntag die Oberbürgermeisterwahl in Wiesbaden gewonnen. Konkurrent Eberhard Seidensticker von der CDU kam auf 38,2 Prozent. Alle Ergebnisse der OB-Wahl in Wiesbaden gibt es hier.

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Denn Gert-Uwe Mende  ging durch die Reihen, als wäre er sein eigener Referent. Mit beschwichtigenden Handbewegungen warnte der 56-Jährige vor Voreiligkeit. Das hätte er wohl noch sehr viel länger getan, wenn sein CDU-Kontrahent Eberhard Seidensticker nicht schon eineinhalb Stunden nach Schließung der Wahllokale vorbeigeschaut hätte, um angesichts des klaren Vorsprungs persönlich zum Sieg zu gratulieren.

Erst Notnagel, dann Sieger

In die Pose des Triumphators warf sich Bald-OB Mende aber auch dann nicht, auch nicht in seiner Dankesrede. Dabei hatte er die unerwartete Glanzleistung geschafft, als Notnagel für den unter Klüngel- und korruptionsverdacht stehenden Amtsinhaber Sven Gerich OB-Kandidat zu werden - und klar zu gewinnen.

Mochte neben ihm Wiesbadens SPD-Chef Dennis Volk-Borowski das Sakko ablegen und den Sieg "geil" finden: Mende hob kaum die Stimme, als er inmitten des Jubels sprach. "Um 18 Uhr ist der Wahlkampf zu Ende gegangen. Jetzt beginnt unsere Arbeit für die Stadt Wiesbaden", sagte er. Und seine Krawatte saß noch immer wie frisch gebunden.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Die SPD feiert nach OB-Wahl-Erfolg in Wiesbaden

Wiesbadener OB Gert-Uwe Mende (SPD, l) und Dennis Volk-Borowski, Parteivorsitzender SPD Wiesbaden
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Hoffnungsschimmer für die SPD

Sein Erfolg ist überregional ein Signal: Er schickt auch in der Zentrale der Bundespartei den Hoffnungsschimmer, der Tag der völligen Bedeutungslosigkeit der Sozialdemokratie möge noch fern sein. SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil twitterte denn auch rasch "einen großen Glückwunsch" nach Wiesbaden. Die Frage an die Genossen in der Landeshauptstadt, wie man für die SPD heutzutage noch Wahlen gewinnen kann, verkniff er sich.

Mehr als ein prominenter Sozialdemokrat aus Hessen glaubt, dass die ganze Partei von Mende und seinem Team einiges lernen könnte. "Wiesbaden hat gezeigt, dass die SPD die Wählerinnen und Wähler für sich gewinnen kann, wenn Kandidat, Programm und Kampagne zusammenpassen", lautete der Kommentar von SPD-Landeschef Thorsten Schäfer-Gümbel, zurzeit Mitglied des Interim-Führungstrios der Bundespartei. Andere wurden konkreter.

Anti-Alpha-Mann Mende überzeugte

Der Mann passe "mit seiner Klugheit und anständigen Art" sehr gut zur Stadt. Er sei damit auch ein Vorbild für die gesamte Partei, lobte Nancy Faeser, die Generalsekretärin der Hessen-SPD. Sie selbst will im November zur Hoffnungsträgerin werden: als neue Landesvorsitzende.

Auch nach Ansicht des Idsteiner Landtagsabgeordneten Marius Weiß zeigt der Erfolgsfall Mende, dass ein "schönes Programm" nicht reicht. "Es geht vor allem auch darum, ein solches Programm glaubwürdig und seriös zu vertreten."  Flügelkämpfe wie in der Bundespartei habe es in Wiesbaden nicht gegeben - und auch niemandem, der dem Anti-Alpha-Mann Mende Kandidatur oder Erfolg geneidet hätte.

"In Wiesbaden weiß die SPD noch, dass der politische Gegner außerhalb der eigenen Partei steht", betonte Weiß. Bemerkenswert: Seiner Meinung nach überzeugte Mende die Mehrheit der Wähler nicht zuletzt deshalb, "weil er eigentlich kein klassischer Politiker ist".

Viele gingen gar nicht zur Wahl

Der künftige Oberbürgermeister ist gelernter Zeitungsredakteur, war Pressesprecher eines Innenministers und arbeitet als parlamentarischer Geschäftsführer seit Jahren sozusagen im Maschinenraum der hessischen Landtagsfraktion. Sein aktuelles kommunalpolitisches Amt riecht auch nicht nach übertriebener Profilierungssucht, Posten-Geschacher oder Hinterzimmer-Intrigen: Vergangenen Sommer wurde Mende Ortsvorsteher im Stadtteil Dotzheim.

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SPD regiert große Städte

Allen jüngeren Wahlschlappen und Personalquerelen der Partei zum Trotz werden die meisten große Städte in Hessem von Sozialdemokraten geführt: acht von zwölf.

SPD-OB amtieren in Frankfurt, Kassel, Gießen, Hanau, Offenbach, Marburg, Wetzlar und in Wiesbaden. Daneben stehen zwei CDU-Amtsinhaber (Fulda und Bad Homburg), ein OB der Grünen (Darmstadt) sowie ein Parteiloser (Rüsselsheim).

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Dass zum Erfolg auch beitrug, dass die Konkurrenz nicht stärker war - der These mochte in der ausgelassenen Stimmung niemand in der SPD nachgehen. Die Grünen zum Beispiel, die zuletzt gerade in den Städten enorm zulegten, hatten in Wiesbaden eine Kandidatin aufgestellt, die zuvor schon zweimal bei einer OB-Wahl gescheitert war.

Immerhin brachte ein Sozialdemokrat auf der SPD-Wahlparty etwas ins Spiel, das Mendes 62-Prozent-Ergebnis ein wenig relativierte. Es war bezeichnenderweise  Mende selbst. "Mir sind die vielen bewusst, die heute nicht zur Wahl gegangen sind", sagte er zur Wahlbeteiligung von gerade einmal 32 Prozent. Der Mann, den Genossen für keinen klassischen Politiker halten, will in den kommenden Jahren zeigen: Stadtpolitik hat mehr Beteiligung verdient.