Sven Gerich
Gegen Sven Gerich (SPD) laufen Ermittlungen wegen des Anfangsverdachts der Bestechung. Bild © Imago

Der Streit zwischen dem Wiesbadener Oberbürgermeister Sven Gerich und seinem ehemaligen Freund Ralph Schüler wird zur Schlammschlacht. Der CDU-Politiker droht dem Rathauschef in einem offenen Brief mit pikanten Enthüllungen.

"Übernimm Verantwortung und geh!" Das legt CDU-Politiker Ralph Schüler dem Wiesbadener Oberbürgermeister Sven Gerich (SPD) gleich zwei Mal in einem offenen Brief nahe, den Schüler einigen Redaktionen zukommen ließ und der auch dem hr vorliegt. Unmittelbar vor der geplanten Nominierung Gerichs am Donnerstag für die Oberbürgermeisterwahl im Mai kommt diese Rücktrittsforderung für den Amtsinhaber zum ungünstigsten Zeitpunkt.

Er habe die Landeshauptstadt "für private Zwecke missbraucht", wirft Schüler dem "lieben Sven", wie er seinen ehemaligen Freund nennt, vor. Urlaub auf Schülers Rechnung, Urlaub auf Rechnung des in Wiesbaden geschäftlich tätigen Gastronoms Roland Kuffler, eine Privatreise auf Kosten der Stadt, öffentliche Lügen: Die Anschuldigungen wiegen schwer. "Als Dein Freund Ralph habe ich manches geschluckt, anderes gedeckt, was ich als Bürger Schüler niemals bereit sein kann, in dieser Stadt zuzulassen", heißt es in dem Brief.

Aus Freunden wurden Feinde

Mit den Anschuldigungen Schülers beschäftigt sich seit einigen Tagen schon die Justiz. Nach einer Selbstanzeige des CDU-Mannes ermittelt die Wiesbadener Staatsanwaltschaft gegen Gerich. Es besteht demnach ein Anfangsverdacht der Vorteilsnahme.

Hintergrund ist eine Reise, die Schüler und der Oberbürgermeister 2014 gemeinsam mit ihren Ehepartnern nach Spanien unternommen hatten. Kurz nach dem gemeinsamen Urlaub machte Gerich Schüler zum Geschäftsführer einer städtischen Holding. Der in dieser Position mittlerweile geschasste Schüler gab an, er habe einen Großteil der Reisekosten gezahlt. Im Raum steht nun der Verdacht, dass sich Gerich bei seiner Entscheidung zugunsten Schülers von dessen Großzügigkeit hat beeinflussen lassen.

"Du bist zwar oft blau, aber nicht blauäugig"

Diesen Vorwurf bestritt Gerich vor einer Woche im Revisionsausschuss der Stadt. Er beteuerte, dass er die Mehrkosten, die Schüler damals in Spanien getragen hatte, seinem damaligen Freund zurückgezahlt habe. In einer vor dem Ausschuss verlesenen Erklärung nannte Gerich die Reisen mit Schüler und Kuffler gleichwohl einen Fehler, den er heute so nicht wiederholen würde. Die jüngsten Anschuldigen wollte Gerich am Mittwoch auf Anfrage nicht kommentieren.

"Sven was ist denn das für eine auf Mitleid haschende Duselei, Du habest verstanden", schreibt Schüler nun. "Du hast die Lektion verstanden und seiest am Anfang Deiner Amtszeit zu blauäugig gewesen? Du bist zwar oft blau, aber warst nie blauäugig." Schüler drohte in diesem Zusammenhang mit pikanten Enthüllungen.

Wiederwahl unter erschwerten Bedingungen

Bei der Wiesbadener SPD gibt man sich trotz der Drohgebärden betont gelassen. Gerich habe große Verdienste in der Stadtpolitik vorzuweisen, sagte der Vorsitzende Dennis Volk-Borowski hessenschau.de. Schüler hingegen sei "ein gescheiterter Geschäftsführer und zu Recht rausgeschmissen". Nun versuche der CDU-Mann offenbar, "mit allen Mitteln seine Ehre herzustellen".

Schülers Rundumschlag traf auch die eigenen Reihen. Der Noch-Kreisschatzmeister der Wiesbadener CDU zeigte vor seiner zu erwartenden Abwahl nicht nur sich selbst an, sondern auch den Parteivorsitzenden Oliver Franz und den langjährigen Landtagsabgeordneten Horst Klee, wie die Frankfurter Rundschau berichtete. Neben illegaler Parteienfinanzierung und Untreue wirft Schüler ihnen üble Nachrede und Verleumdung vor.

Die Schlagzeilen belasten wenige Monate vor der Oberbürgermeisterwahl im kommenden Mai beide Seiten. Während die CDU bereits vor zwei Monaten Eberhard Seidensticker zum Kandidaten bestimmt hatte und die Grünen am Dienstagabend Christiane Hinninger zur Kandidatin erklärten, ist die SPD am Donnerstag offiziell an der Reihe.

Fraktion und Partei stellen sich hinter Gerich

Der Frage, ob Gerich angesichts der juristischen Ermittlungen und angedrohter Enthüllungen nun zu beschädigt für eine Wiederwahl sei, kam Parteivorstand Volk-Borowski im Gespräch zuvor: "Wir denken in keinster Weise darüber nach, Sven Gerich nicht zu nominieren."

Rückhalt erfährt Gerich auch aus der Wiesbadener SPD-Fraktion. Die Fraktionsvorsitzende Nadine Ruf sagte, der Bürgermeister habe Fehler gemacht und diese auch eingestanden. Sie halte es nach den eigenen Erfahrungen aber für ausgeschlossen, dass Gerich Einfluss in Prozesse genommen haben könnte. "Ich kann mit großer Überzeugung sagen, dass er nicht korrupt ist", so Ruf.

Gleichwohl werde die Affäre nicht spurlos an Gerich und der SPD vorübergehen, befürchtet sie: "Wo mit Schmutz geworfen wird, da bleibt etwas kleben. Das ist immer so."