Taliban-Kämpfer posieren nach der Einnahmen der Stadt in Kabul.

In Afghanistan haben die Taliban die Macht an sich gerissen. Was das für die Menschen dort bedeuten könnte und wie die Rolle der Bundesregierung zu bewerten ist, erläutert der Marburger Politologe Matin Baraki im Gespräch mit hessenschau.de

Videobeitrag

Video

zum Video Afghanistan - Angehörige in Hessen in Sorge

hs_160821
Ende des Videobeitrags

Die Bilder aus Kabul gehen um die Welt. Bewaffnete Taliban-Kämpfer im Präsidentenpalast, Menschenmassen am Flughafen, die verzweifelt versuchen einen Platz in einem Flieger zu erwischen. Nach 20 Jahren Nato-Einsatz steht der Westen in Afghanistan vor den Trümmern seiner Politik.

Politikwissenschaftler Matin Baraki wurde 1947 in der Nähe von Kabul geboren. In den 1990ern kam er zum Studium nach Deutschland und promovierte an der Marburger Philipps-Universität. Inzwischen ist er am Marburger Zentrum für Konfliktforschung. Mit ihm sprach hessenschau.de über die Lage in Kabul, die Furcht der ehemaligen Ortskräfte der Bundeswehr und die Rolle der Bundesregierung.

hessenschau.de: Doktor Baraki, nach der Machtübernahme der Taliban in Kabul stellt sich die Situation chaotisch dar. Viele Menschen versuchen, das Land zu verlassen. Sie selbst haben noch Verwandte in Kabul. Wie ist die Lage vor Ort?

Martin Baraki: Ich habe mir gerade im Zug Videos vom Flughafen in Kabul angesehen. Das sieht aus wie der Jüngste Tag! Alle laufen durcheinander - Frauen, Kinder, Männer. Menschen weinen. Es wird geschossen, um zu verhindern, dass die Leute die Flugzeuge stürmen. Das ist ein totales Chaos.

Politikwissenschaftler Matin Baraki

Auf der anderen Seite habe ich heute morgen erst mit meiner Familie in Kabul telefoniert. In der Stadt selbst scheint die Lage wohl ruhig zu sein. Dort wo meine Angehörigen wohnen, gibt es inzwischen Checkpoints der Taliban. Autos werden nach Waffen durchsucht. Wenn man keine dabei hat, bekommt man einen Passierschein und kann weiterfahren.

hessenschau.de: In Deutschland wird vor allem über das Schicksal von Ortskräften der Bundeswehr diskutiert. Viele rechnen mit Rache seitens der Taliban ...

Baraki: Das wird in den Medien so verbreitet. Aber es gibt inzwischen zwei Erklärungen der Taliban, in denen Menschen, die für die Bundeswehr oder andere ausländische Organisationen gearbeitet haben, aufgerufen werden zu bleiben. Es handelt sich schließlich um Fachkräfte, die gebraucht werden. Deshalb sagen die Taliban: Wir tun ihnen nichts - wenn sie die Zusammenarbeit bereuen.

Weitere Informationen

Liveblog zur aktuellen Entwicklung

Über die aktuelle Entwicklung in Afghanistan informiert Sie tagesschau.de

Ende der weiteren Informationen

Letzte Woche war eine Regierungsdelegation der Bundesrepublik in Doha, wo die Taliban ein Büro haben. Bei den Verhandlungen haben die Taliban versprochen, dass den Mitarbeitern der Bundeswehr nichts passiert. Ob die Taliban ihre Versprechen halten, wissen wir nicht. Wir sind ja keine Hellseher. Aber die Taliban wollen langfristig in diesem Land regieren. Wenn sie das wollen, müssen sie mit den Menschen, die dort leben, zurechtkommen.

hessenschau.de: Nun werden immer mehr Vorwürfe an die Bundesregierung laut. Es heißt, man hätte die Entwicklung eher vorhersehen und die Evakuierung von Mitarbeitern viel früher einleiten müssen. Wie sehen Sie das?

Baraki: Die Deutschen sind – ganz salopp gesagt – von Anfang an Taschenträger der Vereinigten Staaten gewesen. Deswegen haben sie nicht von sich aus Maßnahmen ergriffen, um ihre eigenen Leute oder diejenigen, die für sie gearbeitet haben, rechtzeitig zu evakuieren. Jetzt ist es fast zu spät. Das muss man der Bundesregierung, vor allem Außenminister Heiko Maas, vorwerfen. Maas ist vielleicht der unfähigste Außenminister, den ich kenne.

hessenschau.de: Kann die internationale Gemeinschaft der Situation noch irgendwie Herr werden?

Baraki: Im Moment kann man eigentlich gar nichts machen. Man muss abwarten und die Lage beobachten. Man kann nicht, wie es der außenpolitische Sprecher der CDU gesagt hat, nochmal die Bundeswehr nach Afghanistan schicken. Da war ich wirklich sprachlos. Wo haben diese Leute die letzten 20 Jahre gelebt? Die haben keinerlei Lehren gezogen aus dem Schlamassel, der da angerichtet worden ist.

40 Jahre Krieg, davon 20 Jahre NATO- und Bundeswehreinsatz, haben den Konflikt nicht gelöst. Der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt hat schon gesagt: Wir sollten endlich damit aufhören, den Weltpolizisten zu spielen. Ich denke, wir sollten es den Afghanen überlassen, ihre Probleme zu lösen. Die werden das besser machen als die NATO oder die Bundeswehr.

hessenschau.de: Glauben Sie, dass es irgendetwas gibt, dass man angesichts der Entwicklung in Afghanistan von Deutschland aus noch tun kann?

Baraki: Wenn man gläubig ist, sollte man beten, dass endlich Frieden nach Afghanistan kommt. Wenn man nicht gläubig ist, sollte man es hoffen. Drei Generationen sind im Krieg geboren. Wenn ich in Afghanistan bin und Kinder spielen sehe, dann bilden diese Gruppen. Die einen sagen: Wir sind Taliban. Die anderen: Wir sind die Regierung. Und die dritte Gruppe: Wir sind die NATO. Die spielen Krieg miteinander. Die Kinder haben nichts anderes gelernt als Krieg.

Das Gespräch führt Anna Spieß.

Weitere Informationen Ende der weiteren Informationen