Die zunehmende Vorliebe für Crack im Frankfurter Bahnhofsviertel stellt die Kommunalpolitiker vor Probleme. Sie versprechen sich Abhilfe vom Züricher Modell - doch das ist in Deutschland nicht erlaubt. Der Drogenbeauftragte der Bundesregierung kündigt eine andere Drogenpolitik an.

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Diskussion über das Züricher Modell im Frankfurter Bahnhofsviertel

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Das Hauptproblem auf den Straßen des Frankfurter Bahnhofsviertels heißt Crack. Eine harte Droge auf Kokainbasis. Abhängige rauchen die kleinen hellen Steine in kurzen Pfeifen. Dafür brauchen sie nur wenige Sekunden. Sie rauchen in Hauseingängen oder auf dem Bürgersteig, sie gehen dafür nicht in die Konsumräume. Doch der Rausch hält nur kurz an. Crack macht die Süchtigen schnell nervös und aggressiv. Dauernd müssen sie sich um Nachschub kümmern.

Der sogenannte Frankfurter Weg in der Drogenpolitik hat jedoch vor allem Heroinabhängige im Blick. Die sind sediert, erleben einen stundenlangen Rausch nach dem Konsum, sind nicht ständig auf Stoffsuche und weniger aggressiv. Auch in der Therapie gibt es andere Wege, weil Heroin etwa durch Methadon substituiert werden kann.

Weil Crack im Bahnhofsviertel eine immer größere Rolle spielt, führt der Frankfurter Weg seit Jahren zunehmend in die falsche Richtung. Er hilft nicht mehr ausreichend, um die Zustände im Viertel zu verbessern. Im Rathaus fordern viele Politiker, das Züricher Modell in den Mittelpunkt der Frankfurter Drogenpolitik zu rücken. Dieses beinhaltet mehr Prävention und Therapie, aber auch mehr Repression.

CDU-Stadtverordneter: Imageschaden für Frankfurt

Der Stadtverordnete Martin-Benedikt Schäfer von der CDU beklagt einen dramatischen Niedergang des Bahnhofsviertels durch die Drogenszene, gepaart mit Kriminalität und Vermüllung. Die Folge sei ein Imageschaden für Frankfurt. Er wirft der Römer-Koalition aus Grünen, SPD, FDP und Volt Untätigkeit vor.

"Bisher haben sie nichts zur Verbesserung der Lage beigetragen. Fakt ist aber: Im Bahnhofsviertel darf es so nicht weitergehen", sagt Schäfer. Die CDU fordert, dass Frankfurt das Züricher Modell übernimmt: mehr Sozialarbeiter im Viertel, kombiniert mit harten Ordnungsmaßnahmen auf der Straße. So würden die Suchtkranken wieder in die Hilfseinrichtungen gehen, glauben Schäfer und seine Kollegen.

Drogen-Hilfseinrichtungen im Umland fehlen

Gesundheitsdezernent Stefan Majer (Grüne) entgegnet, die Stadt Frankfurt habe vor kurzem zwei weitere Sozialarbeiter im Bahnhofsviertel eingesetzt. Diese sollen sich vor allem um süchtige Jugendliche und junge Erwachsene kümmern. Außerdem sei die Offensive Sozialarbeit (OSSIP) bereits nach dem Vorbild Zürichs neu ausgerichtet worden. Dann kommt der Grünen-Politiker auf die Schwierigkeiten zu sprechen, das Modell von der Limmat an den Main zu übertragen.

"Zum Beispiel gibt es in der Schweiz Angebote der Drogenhilfe und Konsumräume auch in den umliegenden Kommunen von Zürich", sagt Majer. Auf Frankfurt übertragen hieße das: Ein entsprechendes Angebot im Umland würde dafür sorgen, dass weniger Suchtkranke im Bahnhofsviertel unterwegs wären. Majer weist darauf hin, dass Frankfurt mit seinen Hilfseinrichtungen Drogenkonsumenten aus einem sehr großen Einzugsgebiet versorge. "Das müssen wir auf hessischer Ebene diskutieren", sagt Beatrix Baumann (Grüne).

Rechtliche Probleme bei "Ameisenhandel"

Eine weitere Besonderheit des Schweizer Modells: In den Hilfseinrichtungen ist es Süchtigen erlaubt, untereinander zu dealen - der sogenannte Ameisenhandel. "Wodurch sich Drogenabhängige weniger auf der Straße aufhalten", argumentiert Gesundheitsdezernent Majer, der Ameisenhandel gerne in den Druckräumen erlauben würde. Doch das sei wegen der rechtlichen Lage in Deutschland nicht möglich.

Wie Majer sagt, müsste die Frankfurter Staatsanwaltschaft die Einrichtungen sofort schließen, sollte die Stadt den Drogenhandel dort dulden. Deshalb müsse die Bundesregierung neue Wege in der Drogenpolitik gehen. "Doch neue Ansätze in der Drogenpolitik sind jahrelang von der CDU verhindert worden", egal ob in Frankfurt, im Land oder im Bund, schimpft der Gesundheitsdezernent.

Bundes-Drogenbeauftragter kündigt andere Politik an

Da trifft es sich gut, dass an diesem Dienstag Burkhard Blienert in Frankfurt ist. Der SPD-Politiker ist seit Januar Drogenbeauftragter der Bundesregierung. Er kam zu einer bundesweiten Fachtagung über das auch andernorts grassierende Crack-Problem. Gesundheitsdezernent Majer will Blienert einen Einblick in die Situation vor Ort ermöglichen und hofft, dass so neue Ansätze in der Drogenpolitik möglich werden, um die Probleme im Bahnhofsviertel besser in den Griff zu bekommen.

Schon bei der Tagung machte Blienert der Stadt Hoffnung: Er gehe davon aus, dass die geplante "Neuorientierung und Neujustierung der deutschen Drogen- und Suchtpolitik" auch dazu führe, "mehr Verantwortung und mehr Unterstützung für die Kommunen zu erreichen", sagte er. Man wolle den Städten die Möglichkeit geben, neue Wege zu erproben und Modellprojekte durchzuführen.

"Der Magistrat muss beim Thema Bahnhofsviertel nicht zaubern", sagt Patrick Schenk von der AfD. Er erwarte aber, dass schneller gehandelt werde. Denn die Zustände dort seien eine Katastrophe. Vor allem für die Menschen, die im Bahnhofsviertel leben.

Schenk setzt auf die Polizei: "Der Frankfurter Weg und das Züricher Modell kennen auch die repressiven Maßnahmen in der Drogenpolitik. Und wir kommen ohne diese nicht weiter." Auch Gesundheitsdezernent Majer ist für ein härteres Vorgehen der Polizei - allerdings nur gegen Dealer, nicht gegen Abhängige.

Gentrifizierung ist Teil des Problems

Der Grünen-Politiker spricht ein weiteres Problem im Bahnhofsviertel an: Gentrifizierung. "Durch die Aufwertung des Bahnhofsviertels sind den Drogenabhängigen Rückzugsräume genommen worden", erklärt er. Die Mieter und Eigentümer der neuen, teuren Wohnungen oder Läden würden sich über die Zustände vor ihrer Haustüre beschweren.

Teilweise werden inzwischen private Sicherheitsdienste eingesetzt. Ursula Busch (SPD) fragt deshalb: "Wenn Sie eine Wohnbevölkerung, die richtig viel Geld für ihre Wohnungen ausgibt, in ein Viertel setzen, wo hoher Bedarf und hohe Not ist, glauben Sie denn, das funktioniert super?" Nein, beantwortet Busch ihre eigentlich rhetorische Frage selbst.

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