Beide Politikern als Kombo mit Wahllabel

Zahlreiche bekannte CDU-Bundestagsabgeordnete haben ihre Direktmandate nicht verteidigen können, auch zwei mittelhessische: Kanzleramtschef Helge Braun und CDU-Rechtsaußen Hans-Jürgen Irmer verloren gegen SPD-Kandidaten. Politisch aktiv bleiben beide - allerdings auf unterschiedlichen Ebenen.

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Zum Artikel auf hr-inforadio.de Helge Braun: "Die richtige Regierung finden"

Helge Braun
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Er ist bundesweit bekannt und in Gießen eine echte Institution: Der Bundestagsabgeordnete und Kanzleramtschef Helge Braun hat nach einer langen Wahlnacht sein Direktmandant in Gießen knapp verloren. Drei Mal in Folge konnte der prominente CDU-Politiker vorher seinen Wahlkreis für sich gewinnen. 2013 sogar noch mit 44,4 Prozent.

Nun rutschte Braun gemeinsam mit seiner Partei ab und unterlag mit 29,6 Prozent der Erststimmen seinem Herausforderer Felix Döring (SPD), der auf 30,4 Prozent kam. Der 30 Jahre alte Lehrer Döring zieht damit neu in den Bundestag ein.

Als hessischer CDU-Spitzenkandidat ist Braun jedoch über die hessische Landesliste abgesichert und wird auch dem neuen Bundestag angehören.

"Die Verluste haben wehgetan"

Am Montag nach der Wahl äußerte Braun sich in hr-iNFO zerknirscht: "Die Verluste haben wehgetan, daraus müssen wir Lehren ziehen." Als große Volkspartei könne man keine Ergebnisse unter 30 Prozent dauerhaft hinnehmen.

Es sei ein schwieriger Wahlkampf gewesen und nun ein bitteres Ergebnis. "Der Wahlkampf war geprägt von krisenhaften Ereignissen: der Pandemie, der Flutkatastrophe und dann dem von den Vereinigten Staaten forcierte Ausstieg aus Afghanistan."

Braun sagte außerdem: "Ich glaube, für die Aufarbeitung müssen wir uns ein bisschen Zeit nehmen." Nun gehe es zunächst an die Frage der Regierungsbildung. Seinem Gefühl nach habe eine Jamaika-Koalition viele Chancen. An der Personalie Armin Laschet als CDU-Parteivorsitzendem hält Braun fest.

Braun muss neuen Platz finden

Brauns eigene politische Zukunft im Bundestag ist offen: Als Kanzleramtschef und rechte Hand von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ist er derzeit "Bundesminister für besondere Aufgaben". In der Pandemie lenkte der in Gießen ausgebildete Intensivmediziner und Narkosearzt als oberster Krisenmanager maßgeblich Merkels Corona-Politik. Mit 48 Jahren wird er sich nun höchstwahrscheinlich neue Aufgaben suchen müssen.

Mit Blick auf die Landtagswahlen 2023 und die mögliche Suche nach einem Nachfolger für den CDU-Landesvorsitzenden und Ministerpräsidenten Volker Bouffier wurde in der Vergangenheit auch immer wieder über einen Wechsel Brauns in die hessische Landespolitik spekuliert. Bislang hatte der jedoch betont, dass er mit seinen Aufgaben in Berlin zufrieden sei.

Lahn-Dill: Irmer verliert Bundestagssitz

Eine herbe Niederlage musste auch Brauns Parteikollege Hans-Jürgen Irmer einstecken. Der 69-Jährige war fast 45 Jahre lang Mandatsträger seiner Partei, zunächst in der Lokalpolitik, dann lange Zeit als Abgeordneter im Landtag, seit 2017 per Direktmandat im Bundestag. Diesen Sitz muss Irmer nun nach einer Wahlperiode aufgeben.

Die SPD-Kandidatin Dagmar Schmidt gewann am Sonntag den Wahlkreis Lahn-Dill mit 33,1 Prozent der Erststimmen vor Irmer mit 30,1 Prozent. Schmidt ist ebenfalls keine Unbekannte. Die 48 Jahre alte Historikerin ist bereits seit 2013 Bundestagsmitglied, bisher jedoch über die Landesliste.

Irmer bezeichnet sich selbst als Konservativen. Mit verschiedenen Äußerungen hatte er in der Vergangenheit immer wieder für Kontroversen gesorgt. Zuletzt ging es um ein Video, in dem er Viehwirtschaft und Zuwanderung in einem Atemzug nannte und fragte: "Wo bleibt eigentlich der normale weiße Bürger?" Politiker von SPD, Grünen und Linken kritisierten das scharf. Irmer wies die Empörung zurück und sagte, es werde etwas "hineininterpretiert".

Polarisierender Politiker und Abweichler im Bundestag

Für Aufsehen sorgte in der Vergangenheit auch die publizistische Tätigkeit des CDU-Politikers: Irmer gibt den "Wetzlar Kurier" heraus, ein Anzeigenblatt, in dem er auch politische Inhalte veröffentlicht. In dem kostenlosen Monatsblatt wirbt zum Beispiel regelmäßig der für verschwörungstheoretische Bücher bekannte Kopp-Verlag.

Im Bundestag zeigte sich Irmer vor allem in letzter Zeit mehrfach als Abweichler: Als einiger von wenigen Abgeordneten der Koalitionsfraktionen von Union und SPD stimmte er im Laufe der Corona-Pandemie konsequent gegen die Änderungen des Infektionsschutzgesetzes. Ebenso stimmte er im Juni gegen das Klimaschutzgesetz der Großen Koalition.

Irmer sieht Schuld bei Laschet

Auf hr-Anfrage äußerte sich Irmer nun zum aktuellen Wahlergebnis: Es sei nicht so ausgefallen wie gewünscht, aber es habe sich bereits vorher abgezeichnet. Dass es mit seinem Direktmandat nicht geklappt hat, liege am allgemeinen Bundestrend der CDU - und an ihrem Kanzlerkandidaten.

"Die Entscheidung des Parteipräsidiums der CDU Deutschlands ist historisch falsch gewesen", sagte Irmer. Die CDU-Basis habe diese Personalentscheidung nicht getragen, sowohl als es um Merz gegen Laschet gegangen sei, als auch um Söder gegen Laschet. "Diese Entscheidung hat zu den massiven Verlusten geführt und deshalb wäre das Präsidium aus meiner Sicht gut beraten zurückzutreten."

Zu seinem Abschied aus dem Bundestag sagte er: Es sei schade, dass es nun vorbei sei, aber er sei dankbar, diese Chance gehabt zu haben. Er wolle zudem ehrenamtlicher CDU-Kreisvorsitzender und Vorsitzender der Kreistagsfraktion bleiben. "Ich habe nicht den Eindruck, dass die Parteifreunde meiner überdrüssig sind", sagte Irmer. Er habe nun außerdem etwas mehr Zeit für Privates. "Und für meine Lieblingszeitung, den Wetzlar Kurier."