Umweltaktivisten haben sich von einer Autobahnbrücke abgeseilt.

Gegner des A49-Ausbaus seilen sich im Rhein-Main-Gebiet von Autobahnbrücken ab, es kommt zu Sperrungen und langen Staus. Der Frankfurter Protestforscher Anderl erklärt im Interview, warum er mit einer weiteren Eskalation des Konflikts rechnet.

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zum Video Gefährliche Abseilaktion sorgt für Staus

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Die Abseil-Aktionen über Autobahnen im Rhein-Main-Gebiet am Montagmorgen haben für Aufsehen und erhebliche, parteiübergreifende Kritik aus der Politik gesorgt. Gegner des A49-Ausbaus in Mittelhessen und der damit verbundenen Rodung des Dannenröder Forsts hatten medienwirksam den Verkehr für Stunden auf Teilen der Autobahnen 3, 5 und 661 lahmgelegt.

19 der Aktivisten müssen sich wegen gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr und Nötigung verantworten.

Protestforscher Felix Anderl vom Leibniz-Institut Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung in Frankfurt versucht, die sich immer weiter zuspitzende Konfrontation zwischen Aktivisten und dem Staat im Interview zu erklären.

Protestforscher Dr. Felix Anderl

hessenschau.de: Ist mit den Abseil-Aktionen am Montag eine neue Eskalationsstufe im Streit um den A49-Ausbau erreicht?

Felix Anderl: Eine neue Stufe der Konfrontation ist gewiss erreicht. Es geht dabei nicht nur um dieses Stück Wald, das die Aktivisten vor der Rodung bewahren wollen.

Der Wald ist ein Symbol für fundamentale Fragen geworden. Etwa, wie es mit Verkehrspolitik weitergehen soll. Es hat sich ein breites Bündnis auf Seiten der Gegner gebildet, das auf größere Konfliktlinien hinweisen möchte.

hessenschau.de: Unbeteiligte Auto- und Lkw-Fahrer hatten die Konsequenzen zu tragen. Sie wurden gewissermaßen in Geiselhaft genommen für die Interessen der A49-Gegner. Wie beurteilen Sie das?

Anderl: Es ist taktisch gesehen eine interessante Frage, welche Auswirkungen es für die Akzeptanz der eigenen Anliegen hat, wenn Außenstehende von Aktionen betroffen sind. Diese Bilder werden den Demonstranten sicher viel Ärger einbringen.

Aber es zeigt sich bei Protesten auch immer wieder, dass man nur Aufmerksamkeit und Druck erzeugen kann, wenn man Dinge lahmlegt. Das ist unumgänglich für die Demonstranten.

hessenschau.de: Wollten die Demonstranten bewusst Autofahrern schaden?

Anderl: Das glaube ich nicht. Aber das ist ein ganz normaler Nebeneffekt von derlei Konflikten, wie wir ihn etwa bei Streiks bereits gewöhnt sind.

hessenschau.de: Das Beschützen von Bäumen scheint den Demonstranten nicht mehr zu genügen.

Anderl: Es geht ihnen definitiv darum, noch mehr Aufsehen zu erzeugen. Sie wollen auch zeigen, wie entschlossen sie sind, dass sie nicht nur labern, sondern es ernst meinen. So würde ich die Abseilaktionen deuten. Ich sehe da auch eine gewisse Ungeduld.

hessenschau.de: Müssen wir mit weiteren, noch krasseren Aktionen rechnen?

Anderl: Ich bin fest davon überzeugt, dass sich der Konflikt weiter zuspitzen wird. Beispielsweise werden die Grünen politisch hart angegangen. Diese Bewegung hat kein Interesse an oberflächlichen Sympathiebekundungen. Sie will, dass die Politik handelt.

hessenschau.de: Sorgen solche Blockade-Aktionen, die vielen unbeteiligten Bürgern schaden, nicht auch dafür, dass man mehr Menschen gegen sich aufbringt?

Anderl: Den Aktivisten ist es wichtiger, die Dringlichkeit des Problems herauszustellen, als mit jedem auf Kuschelkurs zu gehen, der sich für den Klimaschutz ausspricht.

Sie nehmen dafür eine Polarisierung in Kauf, die zwischen denen verläuft, die es ernst meinen mit Klimaschutz und denen, die sich nur abstrakt dafür aussprechen.

hessenschau.de: 30 Personen wurden nach den Abseil-Aktionen an Autobahnbrücken festgenommen. 19 Aktivisten müssen sich womöglich in Strafverfahren verantworten. Wieso überschreiten die Aktivisten die Grenzen der Demonstrationsfreiheit?

Anderl: Die Demonstranten sehen es wohl lediglich als Form des zivilen Ungehorsams. Und der bewegt sich immer an den Grenzen des rechtlich Zulässigen - ob sie diese überschritten haben, wird gerichtlich geklärt werden.

Das Gespräch führte Jörn Perske.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 26.10.2020, 19.30 Uhr